Hückelhoven: Der gute Kant als „Reiseproviant”

Hückelhoven : Der gute Kant als „Reiseproviant”

Vivat! Nach 13 Jahren des Lernens lockt das „wahre Leben”: Alle Klausuren sind geschrieben, alle Punkte vergeben und die Tinte auf den Zeugnissen ist geradeso getrocknet. Kant wäre sicherlich stolz auf sie gewesen.

Das nehmen sie jedenfalls an, die 62 Abiturienten des Gymnasiums. Stolz deshalb, weil die Schulabgänger den „Ausgang aus selbstverschuldeter Unmüdigkeit” letztlich gemeistert haben. Fähig, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen, sind sie natürlich nicht trotz, sondern gerade wegen der Schule.

Apropos Kant: Auch die erste Beigeordnete Angelika Stöcker zauberte zum Abschluss ihrer Rede zur Abi-Entlassfeier in der Aula den ehrwürdigen Königsberger Philosophen aus dem Ärmel.

Die letzte von einem Dutzend Regeln für das Leben nach der Schule lautete nämlich: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.”

Zwecks Verinnerlichung des Kategorischen Imperativs kannte Stöcker kein Pardon: „Ich finde, wir sollten das jetzt alle mal zusammen sprechen.” Gesagt, getan.

Vor der finalen Vergabe der Zeugnisse verabschiedete sich die Abiturientia mit einem umfangreichen Programmteil. Frech waren die Inhalte, aber immer dankbar die Gesten. So wurden die Lehrkörper mitunter herzlich umarmt und bekamen Sonnenblumen zum Geschenk gemacht.

Damit einher ging die Vorstellung der einzelnen Leistungskurse: Der LK Geschichte etwa führte ein kurzes Bühnenspiel über Frauenrechte auf, der LK Deutsch rief szenisch „leidvolle Momente” des Kursalltags in Erinnerung, die Mathematiker versuchten das Unbeschreibbare - sich selbst -anhand von zwei kontrastreichen Kurzfilmen zu veranschaulichen.

Zwischendurch sorgten junge Talente am Klavier für eher besinnliche Minuten.

„Die Macht von Schulgesetzen und Lehrerschaft hat für euch ein Ende gefunden”, gestand Rektor Walter Woltery den Abgängern gegenüber gerne ein. Aber dieses Ende sei von den Pädagogen auch jederzeit so angestrebt worden.

„Wir haben uns bemüht, euch für ein selbstbestimmtes Leben in sozialer Verantwortung zu erziehen”, so der Schulleiter. Das Abschlusszeugnis wollte er nicht nur als Berechtigung zu einem Studium verstanden wissen, sondern „als Aufforderung zu andauerndem Bemühen um das Grundanliegen eines humanen Konsens, der die Auseinandersetzung mit anderen Wertorientierungen sucht, um so zu einem offenen, in steter Bewegung befindlichen kritischen Weltverständnisses zu gelangen”.

Wolterys Empfehlung an die scheidenden Schüler für die Zukunft: „Bleibt nicht stehen, sondern lebt!”