Aachen: Das städteregionale Jobcenter setzt mit neuen Projekten auf individuelle Förderung

Aachen : Das städteregionale Jobcenter setzt mit neuen Projekten auf individuelle Förderung

Franz Essing weiß, dass viele Arbeitslose nicht gut auf das Jobcenter zu sprechen sind, manche sogar Angst haben, dorthin zu müssen. Ehrenamtlich berät und unterstützt er in der Alten Kaplanei in Aachen seit einigen Jahren arbeitslose Frauen und Männer.

Der 52-Jährige, der Verkäufer ist und zuletzt als Fachlagerist gearbeitet hat, ist selbst seit einigen Jahren arbeitslos, seit etwa drei Jahren ist er auf Hartz-IV-Leistungen des Jobcenters angewiesen. Wenn also jemand wie Franz Essing eine Fördermaßnahme des Jobcenters lobt, kann man getrost davon ausgehen, dass diese etwas Besonderes ist.

Seit April können sich arbeitslose Frauen und Männer in den Förderzentren des Jobcenters in Aachen unter anderem praxisnah im Garten- und Landschaftsbau, im Verkauf, in der Gastronomie und in der Raumgestaltung erproben. Franz Essing (unten, links) hat Chancen, dass aus seinem Praktikumsplatz in einem Altenheim eine feste Arbeitsstelle wird. Mohammad Rahmati hat in der Firma von Rolf Deubner (unten, rechts) eine Ausbildung begonnen. Foto: Jaspers

Besonders ist das Projekt „Fokus“ in der Tat. Nicht nur, weil Franz Essing, der sich als Teilnehmer bei „Fokus“ im Bereich Hotel/Gastronomie ausprobiert und dabei neues Selbstbewusstsein entwickelt, derzeit ein Praktikum als Rezeptionist in einem Altenheim absolviert und gute Chancen auf einen Job hat. „Fokus ist kein Projekt von der Stange“, betont Karl-Josef Schillings vom Jobcenter. Vielmehr setzt es einen sehr individuellen Ansatz um. Beispiel Gabelstaplerschein: Hier erhält jeder, der diesen Schein machen möchte, die Zeit, die er braucht, um sich sicher zu fühlen. Der eine kommt mit 20 praktischen Stunden aus, der andere braucht 60.

Seit April können sich arbeitslose Frauen und Männer in den Förderzentren des Jobcenters in Aachen unter anderem praxisnah im Garten- und Landschaftsbau, im Verkauf, in der Gastronomie und in der Raumgestaltung erproben. Franz Essing (unten, links) hat Chancen, dass aus seinem Praktikumsplatz in einem Altenheim eine feste Arbeitsstelle wird. Mohammad Rahmati hat in der Firma von Rolf Deubner (unten, rechts) eine Ausbildung begonnen. Foto: Geese

Für 260 Menschen ohne Job

Im Förderzentrum an der Jülicher Straße in Aachen können sich jeweils 260 arbeitslose Frauen und Männer bis zu sechs Monate lang in fünf Bereichen versuchen: Garten- und Landschaftsbau, Handel/Verkauf, Hotel und Gaststätten, Lager sowie Farbe/Raumgestaltung. Flankierend gibt es je nach Bedarf Unterricht in verschiedenen Bereichen. Das reicht von berufsbezogenem Rechnen über Business-Englisch und EDV-Training bis hin zu Kommunikationstraining. Praktika sind auch vorgesehen, und die bringen Erfolg: Seit dem Projektstart im April haben bereits 29 ehedem Arbeitslose eine Stelle gefunden. Mitarbeiter des Jobcenters sind jeden Tag vor Ort an der Jülicher Straße und regeln mit den Teilnehmern alles, was zu klären ist. Auch das ist etwas Besonderes.

Träger von „Fokus“ — die Kurzform für „Förderorientiertes Kompetenz- und Unterstützungssystem“ — ist die bundesweit tätige Tertia Vermittlungsagentur GmbH. Deren Geschäftsführer Reiner Engel lobt die Initiative des städteregionalen Jobcenters in höchsten Tönen. Zwar stelle das Jobcenter die Träger mit seinen Ideen und ambitionierten Zielen immer wieder vor Herausforderungen, andererseits habe er noch nirgendwo eine solch gute Zusammenarbeit mit einem Jobcenter kennengelernt wie in der Städteregion.

Jobcenter-Geschäftsführer Stefan Graaf hört das gewiss gerne. Wichtig ist ihm aber die Feststellung, dass es immer darum gehe, den arbeitslosen Menschen „die bestmögliche Unterstützung zu geben“. Deshalb „haben wir hier sehr stark vom Teilnehmer und vom Arbeitgeber her gedacht“.

Das gilt auch für die „Junge Perspektive“, das Förderzentrum in Aachen für arbeitslose Frauen und Männer unter 25 Jahren, das ebenfalls im April in Aachen an den Start gegangen ist. Träger hier sind die Qualitec GmbH der Handwerkskammer Aachen und die gemeinnützige Arbeitsmarktförderungsgesellschaft Low-tec. Auch hier geht es um individuelle Förderung, wobei die besonderen Interessen und Bedürfnisse der jungen Leute berücksichtigt werden. Wie bei „Fokus“ gibt es verschiedene Gewerke, in denen sich die Teilnehmer ausprobieren können, meist projektbezogen und in Teamarbeit. Der 22-jährige Tobias Clemens weiß diesen Ansatz zu schätzen. Es mache Spaß, ein Projekt — derzeit planen und organisieren die jungen Leute Pop-up-Cafés zum Thema Märchen — von A bis Z umzusetzen, und man lerne eine ganze Menge dabei.

Es gibt Erfolge

Auch bei „Junge Perspektive“ geht es natürlich darum, die jungen Leute spätestens am Ende der sechsmonatigen Förderung möglichst in Ausbildung oder Arbeit zu vermitteln. Und es gibt auch schon Erfolge: Elf Teilnehmer haben eine Arbeitsstelle gefunden, sieben einen Ausbildungsplatz. Einer der sieben ist Mohammad Rahmati (19), der vor viereinhalb Jahren aus Afghanistan nach Deutschland floh und bislang nicht so recht wusste, was er wollte. Er hat ein Praktikum bei der Firma Deubner gemacht — und am 1. August eine Ausbildung als Lagerist begonnen mit dem Ziel, eine kaufmännische Ausbildung draufzusatteln. „Vielleicht verlieren wir ihn mal, weil er dann studieren will“, sagt sein Chef, Geschäftsführer Rolf Deubner. Aber das sieht er nicht als Problem. Er ist froh, Mohammad Ramati als Lehrling bekommen zu haben, „als Mensch und als Unternehmer“.

Deubner appelliert an seine Unternehmerkollegen, jungen Menschen eine Chance zu geben, egal ob sie mal ein Jahr Schule versäumt haben oder als Flüchtling nach Deutschland gekommen sind. „Man ist als Unternehmer nicht allein, wenn es Probleme gibt. Das Jobcenter, die Handwerkskammer, das Bildungszentrum — alle helfen.“ Auch das ist übrigens etwas Besonderes: Sowohl die Teilnehmer als auch die Arbeitgeber können sich auch nach Förderende noch an die Jobcoaches wenden.

Mehr von Aachener Zeitung