Hückelhoven: „Das ist alles überhaupt nicht durchdacht”

Hückelhoven : „Das ist alles überhaupt nicht durchdacht”

Sozusagen durch die Hintertür, von der Öffentlichkeit kaum bemerkt, ist eine bildungspolitische Reform über die Bühne gezogen worden, die jede Menge Zündstoff für das künftige Aussehen unserer Gesellschaft in sich birgt. Die Verkürzung des Weges bis zum Abitur von 13 auf zwölf Schuljahre, G8 genannt.

Die einen begrüßen dieses „Turbo-Abitur” als wirtschaftlich unerlässlich für die gestiegenen Anforderungen der Turbogesellschaft an den Einzelnen; andere fürchten um die Gesundheit, auch die seelische, ihrer gestressten Kinder. Unser Redakteur Norbert Schuldei sprach mit Walter Woltery, Direktor am Hückelhovener Gymnasium, über die Problematik.

Sie müssen Ihre Schüler jetzt in acht statt wie bisher in neun Jahren fit für das Zentralabitur machen. Wie fühlen Sie sich dabei?

Woltery: Stellen Sie sich vor, Sie sind in einer Werkstatt und sollen ein Werkstück anfertigen, das in neun Tagen fertig sein soll. So. Jetzt kommt am dritten Tage überraschend ein Anruf, das Stück soll nach acht Tagen fertig sein. Die Qualität soll gleich bleiben. Was machen Sie da? Sie arbeiten nachts weiter. Das ungefähr ist die Situation, vor der wir uns derzeit an den Gymnasien stehen.

Diese Situation bereitet Ihnen Unbehagen.

Woltery: Ganz genau. Das ist alles nicht durchgedacht. Irgendwann hieß es: So, wir machen das Abitur in acht Jahren, das läuft jetzt an.

Wann war das?

Woltery: Die Schüler, die nach acht Jahren Abitur machen, sind jetzt in der siebten Jahrgangsstufe. Aber wir haben noch keine Lehrpläne für diese Schüler.

Sie vermitteln den Stoff also so, als hätten Sie neun Jahre Zeit.

Woltery: Offiziell ja, denn wir haben noch nicht für alle Fächer Lehrpläne, die den zu vermittelnden Stoff auf acht Unterrichtsjahre verteilen.

Und noch eines kommt hinzu: Nach den Vorgaben der Kultusminister müssen wir täglich sieben Stunden unterrichten, um auf die Zahl der so genannten Jahrgangswochenstunden zu kommen. Wie wollen Sie sieben Stunden von acht bis 13 Uhr unterbringen?

Das ist eine einfache Mathematikaufgabe, die ich in Klasse fünf stelle. Da sagt mir jeder Sextaner: Das geht nicht.

Politiker sollten das auch können.

Woltery: Sollte man meinen.

Um einen positiven Aspekt der der kürzeren Schulzeit zu nennen: Sie können die Verkürzung nutzen, um die Klassen zu verkleinern.

Woltery: Das haben wir auch gedacht. Aber wir wissen ja noch gar nicht, wie die zehnte Klasse aussehen wird. Wir sind davon ausgegangen, das ist richtig, dass wir kleinere Klassen haben werden, da ja ein ganzer Jahrgang wegfällt.

Können Sie das in Zahlen ausdrücken?

Woltery: Wenn wir 140 Schüler weniger hätten, wären das sieben Lehrerstellen, die wir zusätzlich zur Verfügung hätten. Die könnte man nutzen, um individuell zu fördern, um Klassen zu verkleinern.

Es waren die Finanzminister, die die Einführung des G8 den Ministerpräsidenten der Länder vorgeschlagen haben.

Woltery: Und deshalb befürchte ich, dass diese Lehrerstellen eingespart werden. Aber ich glaube ja noch immer an das Gute in der Bildungspolitik.

In diesen Zeiten?

Woltery: Tja.

Die Einführung des G8 geschah ja lautlos, fast unbemerkt von der Öffentlichkeit.

Woltery: Ja. eigentlich müsste ein Aufschrei durch die Bevölkerung gehen. Es kann nicht sein, dass ich ein Jahr kappe und im Prinzip die Lehrpläne überhaupt nicht entforstet sind.

Sie haben mit den Profilklassen bereits Erfahrung mit dem Abitur in zwölf Jahren gemacht.

Woltery: Ja, und das ist unser großer Vorteil in Hückelhoven. Wir haben mit den Profilklassen die Erfahrung gemacht, dass das Abitur in zwölf Jahren machbar ist. Aber dafür haben wir einen eigenen Lehrplan entwickelt.

Die ersten Profilklässler haben jetzt Abitur gemacht.

Woltery: Ja, wir haben vor neun Jahren mit den Profilklassen angefangen.

Als Versuch.

Woltery: Ja. und für diesen Versuch, der übrigens sehr erfolgreich ist, haben wir den Lehrplan entkernt. Wir haben also vieles rausgenommen, von dem wir gesagt haben: Das ist nicht unbedingt erforderlich, um Abitur zu machen.

Diese Lehrpläne haben Sie im Kollegium erarbeitet?

Woltery: Richtig. Es gab keine Vorgaben. Unsere Pläne haben wir bei der Bezirksregierung in Köln eingereicht und das Okay dafür bekommen.

Und das funktioniert?

Woltery: Wir haben festgestellt, dass die Profilklassenschüler zu den besten im Abitur gehörten.

Es ist also möglich, das Abitur in zwölf Jahren zu machen. Ist es denn auch wünschenswert?

Woltery: Diese Frage ist für mich der Knackpunkt. Ich denke, ein gewisser Reifungsprozess gehört einfach dazu, um Abitur zu machen. Wenn ich mir das anschaue: Wir sind ein Jahr früher mit dem Abitur fertig, anschließend gleich das Turbo-Studium hinterher, und am besten mit 24 rein in den Beruf, vielleicht noch ein Jahr Auslandserfahrung - und dann mit 40 restlos ausgebrannt.

Gucken wir in der Schule möglicherweise zu viel auf abprüfbares Wissen und vernachlässigen dabei die Ausbildung von sozialer Kompetenz?

Woltery: Ich fürchte ja. Und ich habe die Angst, dass sich dies irgendwann einmal sehr negativ bemerkbar macht.

Wie meinen Sie das?

Woltery: Wir machen in der Klasse zwölf Studienfahrten: eine Woche fahren die Schüler als Gruppe irgendwo hin. Sie lernen sich als Gruppe kennen, da werden Teamfähigkeit, Kooperationsfähigkeit und solche Dinge eingeübt. Das fällt jetzt sehr wahrscheinlich weg. Wir sind dabei, zu überlegen, wo und ob wir das noch unterbringen können.

Weil Sie das Wissen nach acht Jahren eingepaukt haben müssen.

Woltery: Ja, das ist wie eine Art Nürnberger Trichter. Und alle anderen Dinge bleiben auf der Strecke. Das macht mir Sorge: Die Leute werden völlig verkopft.

Nun haben Sie ja den großen Vorteil, bereits die Profilklassen zu haben, und das Hückelhovener Gymnasium ist seit vielen Jahren Ganztagsgymnasium.

Woltery: Stimmt. Wir haben einen vernünftigen Tagesablauf, der sehr rhythmisiert ist. Wir haben sechs Stunden Unterricht, eine ganze Stunde Mittagspause, wir haben nachmittags dann noch einmal zwei Stunden alle möglichen Arbeitsgemeinschaften. Diese Rhythmisierung des Tages kann ein Schüler mitmachen. Anders geht es auch gar nicht.

An anderen Schulen muss es aber anders gehen.

Woltery: Ja, das ist wohl so. Ich staune im Moment überhaupt ziemlich viel.