Würselen/Duisburg: Dann kam der Schock: Loveparade-Helfer aus der Städteregion

Würselen/Duisburg : Dann kam der Schock: Loveparade-Helfer aus der Städteregion

Gegen 17 Uhr dachten die Helfer des DRK noch nicht an einen möglichen Einsatz. Eigentlich hatten die Sanitäter gerade eine Pause. Eingeteilt waren die 30 Männer und Frauen aus der Städteregion, um den Abreiseverkehr zu regeln.

In ihrer Freizeit wollten sie sich ein Bild von dem bunten Treiben auf der Loveparade machen. Doch dann kam der Schock.

„Irgendwer hat uns angesprochen und gesagt, wir sollen sofort mitkommen”, erinnert sich Jun-Kim Döring. „Massenreanimation” war das Stichwort. 20 Menschen brauchten umgehend eine Notversorgung. Sofort rannten die Männer und Frauen los, waren unter den ersten professionellen Helfern am Ort der Massenpanik. „Dort sahen wir Tote und Schwerverletzte”, schildert Lucas Rogocki. Das Ausmaß der Katastrophe war zunächst schwer zu begreifen. „Wir haben das in dem Moment gar nicht realisiert. Da hat ein Schalter im Kopf klick gemacht - und wir haben funktioniert”, sagt Daniel Ochs.

Das Ausmaß war nicht klar

Für die Rettung an der verhängnisvollen Stelle gleich an der Brücke waren die Aachener DRK- Helfer nicht eingeteilt. Aber für solche Gedanken war keine Zeit. Sie stellten sich der Aufgabe. Und die war nicht leicht. Üblicherweise wird eine schwer verletzte Person von fünf Helfern betreut, nun musste sich ein Helfer um einen Verletzten kümmern. Dennoch waren sie sich über das wahre Ausmaß der Folgen des Gedränges zunächst nicht bewusst. „Die Meldung, was eigentlich passiert ist, kam nicht richtig bei uns an. Das meiste haben wir erst aus den Medien erfahren”, erinnert sich Michael Biskup.

Ein Glück war, dass auch viele Besucher sich gleich um Verletzte kümmerten. „Die Solidarität der Besucher untereinander war schon beeindruckend”, sagt Björn Claßen. Aber damit noch nicht genug. Kaum waren die Helfer an der Brücke abgelöst, mussten sie zu ihrem eigentlichen Einsatzort am Bahnhof. „Dort waren wir direkt mitten in einer neuen Panik”, erklärt Claßen: „Wir haben die Leute im Zehn-Sekunden-Takt aus der Menge gezogen.”

Claßen war am Dienstag mit Helfern der Malteser, der Johanniter und der Feuerwehr zu Gast im Aachener Rathaus. Dabei war Oberbürgermeister Marcel Philipp anzumerken, dass er den Helfern am liebsten eine hohe Auszeichnung verleihen würde. Doch da es „einen kommunalen Orden für solche Anlässe nicht gibt”, dankte der OB den Anwesenden stellvertretend für ihren außerordentlichen Einsatz.

Dabei verarbeiten die Helfer noch immer die schlimmen Duisburger Bilder. Die Szenen schwirren vielen der meist noch recht jungen Helfer ständig im Kopf herum. „Man wird ja oft genug daran erinnert”, sagt Dennis Anhut, „aber langsam kehrt der Alltag wieder ein.” Und trotzdem: „Stellen, an denen es eng werden könnte, meide ich zukünftig.”

Auch für die anderen Sanitäter ist die Verarbeitung der Geschehnisse nicht einfach. Dabei half allerdings der Besuch der Trauerfeier für die Opfer am vergangenen Wochenende. „Das hat uns geholfen, mit der Sache abzuschließen”, erklärt Jaqueline Frauenrath. Das war für sie zwar eine schwierige, aber auch wichtige Form der Auseinandersetzung mit den Ereignissen der Loveparade. „Die Angehörigen der Opfer saßen teilweise gleich neben uns. Sie zu sehen, war schon ein sehr emotionaler Moment”, sagt Daniel Ochs.

Glücklicherweise, so berichten die Helfer, haben sie alle vorher noch nie etwas Vergleichbares erlebt. Selbst in einer Übung wurde ein „Großschadensereignis” dieses Ausmaßes noch nicht geübt. Jun-Kim Döring erklärt, dass solch eine Übung auch nur bedingt möglich wäre: „Das kann man einfach nicht trainieren. Die Handgriffe kann man üben, aber die reale Situation ist etwas ganz anderes.”