Heinsberg: Dampfmaschine war Nikolaus stets zu teuer

Heinsberg : Dampfmaschine war Nikolaus stets zu teuer

Wenn die Herbstwinde durch die blattlosen Baumkronen fegten und der Abendhimmel sich im Schein der untergehenden Sonne blutrot färbte, dann pflegten früher die Kinder zu sagen: „Zinter Kloas es an´t bocke”.

Und die kindliche Fantasie glaubte, am Horizont die kreisrunde Öffnung des himmlischen Backofens zu erkennen und „Zinter Kloas”, der die schwere eiserne Backofentür zuwarf, und die vielen Englein, die nichts anderes zu tun hatten, als dem „heiligen Mann” zur Hand zu gehen beim Backen der vielen Weckmänner, Printen und Spekulatiusfiguren.

Es war Nikolauszeit , und voller freudiger Erwartung fieberten die Kinder dem 6. Dezember entgegen, denn noch in der Vorkriegszeit rangierte Sankt Nikolaus im Heinsberger Land als Gabenbringer ganz weit vor dem „Christkind”. Und unter Erwachsenen war es kaum üblich, sich zu Weihnachten zu beschenken. Das geschah lediglich in besser gestellten Familien.

In Waldenrath, wo Sankt Nikolaus als Kirchenpatron verehrt wird, soll er sogar seinen Backofen im Turm der Kirche gehabt habe, und auch in Kempen und Millen soll er im Kirchturm gewohnt haben. Unnatürlich und spukhaft war die Art und Weise, wie Sankt Nikolaus nach dem Kinderglauben ins Haus kam - und zwar durch den Kamin.

Dass dies praktisch unmöglich war, kam einem dabei nicht in den Sinn. Meistens trat Sankt Nikolaus im Bischofsornat mit weißem Flachsbart und dem dicken roten Buch auch schon an den Tagen vor seinem Namenstag abends ins Haus und erkundigte sich bei den Eltern nach dem Betragen der Kinder, nach ihrem Fleiß bei den Schularbeiten und ob sie auch fleißig beteten.

Er nahm die kindlichen Wünsche entgegen, notierte alles in seinem Buch und, falls er zufrieden war, leerte er seine mit Nüssen und Süßigkeiten gespickten Taschen. Doch manchem Bösewicht rutsche das Herz in den Hosenboden, wenn Hans Muff in Aktion trat und böse Kinder mit der Weidenrute zur Räson brachte oder sie gar in seinen großen Sack steckte, aus welchem bereits demonstrativ zwei Kinderbeine baumelten.

Endlich war Nikolausabend da. Bevor um vier Uhr die Schule zu Ende ging, wurde noch gemeinsam gesungen: „Gleich ist unsere Schule aus, dann geh´n wir vergnügt nach Haus. Lustig, lustig, tralleralala, heut ist Nik´lausabend da.” Schließlich wurden noch Heu und Hafer für das Reittier des heiligen Mannes vor die Haustür gestellt.

Wenn am Niklausabend die Spannung ihren Höhepunkt erreichte, wurden bangen Herzens und voller Erwartung Teller, eine Schüssel oder auch ein Holzschuh aufgestellt und - da der Nikolaus auch einmal irren konnte - vorsichtshalber mit Namensschildchen versehen. Und es gab keinen schöneren Augenblick im Jahr als der Nikolausmorgen.

Da stand der Tisch voller schöner Dinge, auf die man das ganze Jahr über hatte verzichten müssen: Erdnüsse und Apfelsinen, Schokolade, Spekulatius, Printen und der obligatorische Weckmann mit der weißen Tonpfeife im Bauch, der so manchen kleinen Knirps animierte, sie heimlich aus Vaters Tabaksbeutel zu stopfen.

Sankt Nikolaus brachte aber auch Spielsachen, für die Mädchen ein Puppenbettchen samt Inhalt und Puppenstube, den Jungen ein Holzpferdchen , eine Mundharmonika, einen „Hüüldopp” (Brummkreisel ), Bilderbaukasten, „Mensch ärgere Dich nicht” und „Kölsche” (Murmeln); aber eines brachte er nicht, die seit Jahren immer wieder auf dem Wunschzettel stehende Dampfmaschine.

Die war ihm zu teuer. Dafür gab es alljährlich eine neue Schiefertafel mit Schwammdöschen und Schiefergriffeln. Für die Schulanfänger gab es den Schulranzen. Und den Eltern bot der Nikolaustag die Gelegenheit, ihre Sprösslinge mit den gerade notwendigen Kleidungsstücken auszustatten.

Wie dem auch sei, man war glücklich und zufrieden mit Wenigem. Denn man war ja so anspruchslos in frühen Kindertagen.