Brian Setzer: „Ein Rock’n’Roller geht niemals in Rente“

Brian Setzer: „Ein Rock’n’Roller geht niemals in Rente“

Rockabilly-Papst Brian Setzer (55), der mit „Rockabilly Riot: All Original“ ein neues Album auf den Markt geworfen hat, ist nicht nur zum Landei, sondern gleich auch noch zum Frühaufsteher geworden. Und das liegt ein bisschen an seiner dritten Ehefrau, übrigens einer ehemaligen Backgroundsängerin des Brian Setzer Orchestras, mit der Setzer seit 2005 verheiratet ist und die das Leben mitten in Minneapolis nicht mehr so gern mochte.

„Aber eigentlich sind wir vor allem wegen unserer Hunde aus der Stadt rausgezogen“, sagt der Rock’n’Roller, als er am noch recht frühen Morgen mit uns telefoniert. Erst hatten die Setzers einen dieser süß-wuscheligen Australischen Schäferhunde, dann noch einen, da die Tiere Geselligkeit schätzen, „und jetzt lecken sie mir ab spätestens 7.30 Uhr links und rechts das Gesicht ab, weil ich mit ihnen rausgehen soll.“

Brian Setzer „Rockabilly Riot: All Original“
Brian Setzer „Rockabilly Riot: All Original“

Das macht der Musiker dann natürlich auch. „Mit den Hunden zu laufen, ist ein erstaunlich effektives Konditionsprogramm. Man trainiert Ausdauer und auch Kraft, da die beiden tüchtig an der Leine ziehen.“ Dass Brian Setzer außerhalb der Stadt auch besser an seinen geliebten Oldtimern herumschrauben kann, ist ein weiterer Vorzug des neuen idyllischen Lebens. „Vorher hatte ich nur einen Parkplatz, jetzt kann ich mich mit meinen Schätzchen in der geräumigen Garage vergnügen.“

Nicht zur Ruhe gesetzt

Doch selbst wenn sich seine Alltagsschilderungen schwer danach anhören, hat sich der Rockabilly-Meister jedoch mitnichten zur Ruhe gesetzt. Zwar hat es Setzer, der Ende der 90er mit dem 18-köpfigen Brian Setzer Orchestra und Alben wie „The Dirty Boogie“ auf dem kommerziellen Zenit seines Schaffens stand, in den vergangenen Jahren ein ganz klein wenig entspannter angehen lassen. „Doch“, wie er glaubhaft betont, „ein Rock’n’Roller geht niemals in Rente. Ein Rock’n’Roller ist man entweder sein Leben lang oder gar nicht.“ Logisch, auf welcher Seite Setzer steht.

Brian Setzer, geboren bei New York und musikalisch sozialisiert in London, hat viel dazu beigetragen, dass der gute alte Rock’n’Roll auch sechs Jahrzehnte nach seiner Erfindung und Popularisierung weiter allgegenwärtig ist. Unzählige Platten hat er in den vergangenen 35 Jahren veröffentlicht, als Sänger der Stray Cats gelangte er schon Anfang der 80er Jahre — Punk war gerade vorbei — zu weltweitem Ruhm. Später tourte er mit seiner Big Band, eben dem Brian Setzer Orchestra, durch die Welt, und immer wieder veröffentlicht er auch Platten in kleiner Besetzung. So wie jetzt.

„Rockabilly Riot: All Original“ ist die lose Fortsetzungsplatte von „Rockabilly Riot Vol.1“ aus dem Jahr 2005. Begleitet wird der göttliche Gitarrist Brian Setzer von drei Topmusikern ihres Fachs am Bass, Piano und Schlagzeug. „Ich finde die Aussage ,Er besinnt sich auf seine Wurzeln und ist ja selbst total abgeschmackt“, sagt Setzer unter lautem Gelächter, „aber ich fürchte, die Floskel trifft es hier ganz gut.“ An Swing, Blues oder Soul orientiert sich Setzer dieses Mal eher peripher, „Rockabilly Riot“ ist eine echte Old-School-Angelegenheit voller Spielfreude, Energie und Lust an der Rockmusik. „Spaß ist ein absolut essentieller Teil des Rockabilly“, so der Vater von drei Kindern (ein Sohn mit der ersten Frau, zwei Töchter mit der zweiten).

Frohgemut klingen auch die Stücke. „Let’s Shake“, die Single, geht in die Beine und hat eine ähnlich tiefschürfende Botschaft wie etwa „Honky Tonk Woman“ von den Stones oder „She Loves You“ von den Beatles. „Mein großes Vorbild beim Textschreiben ist Chuck Berry“, so Setzer. „Ich mag Bob Dylan sehr, aber es würde mir nichts bringen, seine Texte zu untersuchen, um ihm nachzueifern. Ich komme aus der alten Rockschule, allzu clevere Worte passen nicht zu meinen Liedern.“

Ausnahme: Der Song „Vinyl Records“ (dessen Refrain Setzer während des Telefonats vorspielt), hat tatsächlich eine echte Botschaft. „Meine älteste Tochter ist 17, sie lebt mit ihrer Mutter in Nashville, und ich habe ihr zu Weihnachten einen Plattenspieler geschenkt. Das Mädchen kannte nur Musik auf dem Handy und dem iPod. Wir legten Led Zeppelin auf, und sie schrie vor Begeisterung ‚Oh mein Gott, ich liebe das‘. Soll also bloß keiner sagen, mit zeitlos-geiler Rockmusik erreiche man die jungen Leute nicht mehr.“

Illusionen, noch einmal einen großen Rock’n’Roll-Boom auszulösen, gibt sich Brian Setzer gleichwohl nicht hin. Vor einigen Jahren habe er das Angebot bekommen, in der Jury der Casting-Show „American Idol“ zu sitzen, sagt der Mittfünfziger. „Ich hatte damals keinen Bock und sagte ab. Aus kommerziellen Gesichtspunkten war das sehr dumm von mir.“

Gute Unterhaltung

Setzer, das hat er akzeptiert, bewegt sich in einer Nische. Sein Stil ist im Musikgeschehen ungefähr das, was die Modelleisenbahn auf dem Spielzeugmarkt ist. „Ich spiele in einem Genre, das fast immer unter dem Radar fliegt, aber nie ganz verschwindet. Rockabilly geht es in dieser Hinsicht ähnlich wie dem Blues. In den prüden 50er Jahren war Rockabilly gewagt und milde aufrührerisch, schließlich drehten sich die Songs um Frauen, Whiskey und schnelle Autos. Natürlich kannst du heutzutage niemanden mit diesen Themen mehr schocken, aber du kannst unterhalten.“ Sehr gut sogar, wenn du Brian Setzer heißt.