Roermond: Aug in Aug mit den Fischen in der Rur

Roermond : Aug in Aug mit den Fischen in der Rur

Rob Gubbels hat Glück: Das fünfte Meeresneunauge in diesem Jahr windet sich in der Reuse, die er gerade aus der Rur gezogen hat. 74 Zentimeter lang und ziemlich glitschig. „Können Sie mal kurz hier halten?”, fragt er einen Passanten, der sich mit den Worten „Zählen Sie die Fische?”, neugierig genähert hatte.

Gubbels muss eine DNA-Probe nehmen, die geht nach Lissabon an eine Biologin, die eine Datenbank anlegt. Aber das Meeresneunauge ist nicht nur glitschig, sondern auch widerspenstig, da reichen zwei Hände und ein Handtuch nicht.

52 verschiedene Fischarten schwimmen in der Rur zwischen Vlodrop und Roermond. Damit ist die „Roer”, wie sie auf niederländischer Seite heißt, auf ihrem 21,5 Kilometer langen Teilstück der fischreichste Fluss der Niederlande. Andere Flüsse liegen weit abgeschlagen auf hinteren Plätzen. In der Geul beispielsweise gibt es rund 30 Arten.

Eigentlich könnte sich Rob Gubbels, Biologe beim Wasserverband Waterschap Roer en Overmaas, über diese Bilanz „seines” Flusses freuen. Das tut er wahrscheinlich auch, wenn er abends mit Ehrenamtlern im Dunkeln vor der Scheibe sitzt, durch die man an der Fischtreppe an der Wasserkraftzentrale ECI in Roermond direkt in die Rur schauen kann. „Das ist toll”, erzählt der 51-Jährige, „manchmal schwimmen die Fische nicht auf dem direkten Weg weiter stromabwärts, sondern drehen noch mal um, weil sie irgendwas gesehen haben, halten vor der Scheibe inne und schwimmen dann weiter.”

Was ihn aber weniger optimistisch stimmt, ist die Tatsache, dass er weiß, dass die Fische nur in eine Richtung ungehindert wandern können: von der Eifel in die Nordsee. In die andere Richtung hört die Reise zwei Kilometer hinter der deutsch-niederländischen Grenze auf: in Heinsberg-Karken an einem Wehr. „Da ist Schluss”, sagt Gubbels. „Tut was!”, lautet deshalb seine knappe Botschaft an Kollegen vom Wasserverband Eifel-Rur (WVER).

Der ist sich der Relevanz dieses Themas bewusst, bezeichnet die Beseitigung der insgesamt 44 Hindernisse, die teils überhaupt nicht, teils nur für manche Fische überwindbar sind, als „sehr schwierig”. Seit 2008 liegt eine Machbarkeitsstudie vor, die die einzelnen Bauwerke beurteilt hat. 32 Millionen Euro würde es insgesamt kosten, die rund 150 Kilometer Rur „barrierefrei” zu gestalten. Die Kosten würde zu 80 Prozent die Bezirksregierung tragen, 20 Prozent der WVER, der diese je nach Flächenanteil auf die Kommunen umlegen würde. „Karken hat oberste Priorität”, sagt Flussgebietsmanager Arno Hoppmann, gefolgt von dem Klappenwehr Kempen und dem Orsbecker Wehr. Das nächste Hindernis wäre dann das Linnicher Wehr.

An der Fischtreppe in Roermond werden die Fische, deren Reise flussaufwärts noch bis vor fünf Jahren an dem Wasserkraftwerk endete, jeden Tag gefangen und gezählt - in beide Richtungen, an drei Stellen. Aale, Lachse, Marmorgrundeln, Donaubrassen, Welse - das ist nur ein Bruchteil dessen, was die Ehrenamtler im Auftrag der Waterschap jeden Morgen um 9 Uhr aus Netzen und Käfig holen. Zwölf Männer sind es, die sich mit dem Dienst an der Fischtreppe abwechseln, alle sind Angler, drei kommen aus Hückelhoven. Zwischen 15 000 und 20 000 Tiere zählen sie im Schnitt pro Jahr.

Diese erfreuliche Bilanz - sowohl, was die Quantität als auch die Vielfalt anbelangt - erklärt Gubbels so: Seit rund 15 Jahren habe sich die Wasserqualität verbessert. „Früher war die Rur schwarz”, erzählt er. „Jahrelang war die Rur nur im Oberlauf, in der Eifel, sauber.” Dann wurden die Steinkohleminen entlang der Rur dicht gemacht. „Mit aktiver Umweltpolitik hatte das weniger zu tun, rein wirtschaftliche Überlegungen haben die Rur sauberer gemacht”, sagt Gubbels.

Für fünf Millionen Euro

Der Einfluss größerer Mengen und moderner Kläranlagen sei zwar auch nicht von der Hand zu weisen, aber längst nicht so groß. Zweiter Faktor für mehr Fische: die 2008 für fünf Millionen Euro errichtete und mit EU-Mitteln teilfinanzierte Fischtreppe an dem über hundert Jahre alten Wasserkraftwerk in Roermond, die die zweieinhalb Meter Höhenunterschied überwindbar macht. „Seitdem können alle Fische aus der Maas in die Rur schwimmen”, sagt Gubbels mit ein bisschen Stolz in der Stimme.

Für die Überwachung der Fischtreppe - Gubbels: „Die funktioniert einwandfrei, wir haben ganz oft Ingenieure hier, die sich die angucken” - und der Fische ist der in Sittard ansässige Wasserverband zuständig. Zehn, 15 Fischtreppen befinden sich in Gubbels Revier, zwischen Roermond, Maastricht und Vaals. Aber die in Roermond ist die größte und die einzige, an der so akribisch ausgewertet wird. Am meisten ist Ende April an den Abenden los, stromabwärts.

Auf ihrem Weg unter dem Wasserkraftwerk durch stromaufwärts landen sie in einer Reuse, stromabwärts die Aale in einem großen Käfig, die kleinen Lachse in einem Netz. Nur von den Meeresneunaugen werden DNA-Proben genommen, aus der Rückenflosse, mit der Nagelschere. Rund 500 Millionen Jahre ist der Fisch des Jahres 2012 schon alt, in der Zeit hat er sich wenig verändert. Gubbels muss das fünfte registrierte Exemplar in Roermond mit dem Handtuch packen, als er es auf die Messlatte legt, saugt es sich fest. Das macht es normalerweise mit seinen Opfern, saugt ihnen das Blut aus dem Körper.

Eigentumsverhältnisse

Gubbels wird nicht attackiert, nach dem Zwischenstopp an Land trägt er das Neunauge über die Fischtreppe rüber und wirft es auf der anderen Seite wieder in den Fluss. „Seit einer Woche ziehen sie”, sagt er und blickt dem Fisch kurz nach.

Bis alle Fische ungehindert zwischen Nordsee und Eifel wandern können, wird es wohl noch Jahre dauern. Die Planungen für das Rurwehr bei Düren-Lendersdorf ist laut WVER relativ weit, die Pläne für die sogenannte Rentnerrur bei Hückelhoven-Hilfarth sollen in wenigen Tagen stehen. Kreuzau-Obermaubach ist seit drei, vier Jahren durchgängig. Andernorts sieht es noch nicht danach aus, als täte sich in absehbarer Zukunft etwas. „Wir müssen einfach gucken, wo wir an Grundstücke kommen”, sagt Antje Goedeking vom Unternehmensbereich Gewässer des WVER. Im Kreis Heinsberg wollten viele Landwirte ihre Betriebe eher vergrößern als verkleinern und forderten deshalb Ausgleichsflächen, wenn sie dem WVER Land verkaufen sollen. „Es ist aber schwierig, adäquates Land aufzutreiben”, sagt Goedeking.

Ihr Kollege Arno Hoppmann formuliert es so: „Es ist schwierig, Kompromisse zu finden. Wir müssen erst mal dicke Bretter bohren.”

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