Heinsberg-Kempen: Auf den Spuren der Römer

Heinsberg-Kempen : Auf den Spuren der Römer

Die Rüstung liegt blinkend und frisch geölt im Keller. Abmarschbereit für eine mehrtägige Tortour, bei der die Römerkohorte Niederrhein, die sich auch Legio XV Primigenia nennt, von Bergkamen nach Haltern marschieren wird - rund 100 Kilometer. Noch heute soll es losgehen, erklärt Thorsten Wolters.

Der 19-jährige Schüler des Kreisgymnasiums Heinsberg wird dabei sein, wenn sich der 20-köpfige Tross in Bewegung setzt. Seine schillernde Rüstung, die dem groß gewachsenen jungen Mann sicher ein imposantes Aussehen verleiht, wird er dabei vielleicht schon bald verfluchen, denn die 45 Kilo Gepäck und Kleidung, die es zu schultern gilt, dürften ganz schön drücken. „Am Anfang schmerzen die Hacken ein wenig, weil das Schuhwerk ja völlig absatzlos ist”, erinnert sich Wolters an frühere, kleinere Märsche, „aber nach zwei Tagen merkt man das nicht mehr.”

Wenn sich die selbst ernannten römischen Legionäre mit Helm, Rüstung, Schwert, Schild, Speer und allerlei persönlichen Dingen nebst Verpflegung gen Xanten aufmachen, wo sie am Ende auf dem Fürstenberg lagern werden, geschehe dies keineswegs aus bloßem Jux und Dollerei, wie Wolters erläutert. Etwa zu dieser Zeit vor genau 2000 Jahren müsse sich auch der römische Feldherr Varus mit seinem Heer in Bewegung gesetzt haben in Richtung Teutoburger Wald, wo es dann ja zur legendären Schlacht gekommen sei.

„Wir gehen auf einer Strecke, die wahrscheinlich benutzt wurde, an der Lippe entlang.” Es gebe zwar wissenschaftliche Spekulationen über drei oder vier Streckenverläufe, die theoretisch in Frage gekommen seien, doch die von der Legio XV gewählte sei wohl die wahrscheinlichste.

Der Reiz für den Kempener und seine Mitstreiter liegt nicht primär im kindlichen Verkleidungsspiel, sondern darin, Geschichte hautnah zu erfahren. „Es ist ein großes Geschichtsinteresse vorhanden, und man lernt sehr viel dabei”, unterstreicht der 19-Jährige seine Intention.

„Wenn man nicht nur über die Ereignisse liest, sondern die Strapazen unter ähnlichen Bedingungen durchlebt, erkennt man erst die Leistung, die die Leute früher vollbrachten.” Auch handwerklich entwickelten sich die Teilnehmer weiter, zum Beispiel im Bereich Sattlerei. „Es entstehen Freundschaften und jeder hat die Möglichkeit, anderen Menschen die Geschichte näher zu bringen.” Das geschehe vor allem bei historischen Zeltlagern wie zu „Brot und Spiele”, das jedes Jahr im Sommer in Trier stattfinde. „Das Epochenfest in Jülich ist besonders schön, weil sich hier gleich mehrere Zeitalter bunt mischen.” Doch auch das Museumsfest in Bergkamen gehöre zu den Highlights.

Eigentlich war es ein Zufall, der Thorsten Wolters auf die Spuren der alten Römer brachte. Bei einem Schüleraustausch, der ihn in den Jahren 2005/2006 ins amerikanische Indiana führte, hatte er ein großes Spektakel besucht, bei dem der Bürgerkrieg mit unzähligen Teilnehmern nachgespielt worden sei. Damals habe er quasi „Blut geleckt”. „Wieder zu Hause suchte ich nach einer Gruppierung, die etwas Ähnliches auf die Beine stellte. Hier in der Nähe gab es aber nichts, was mir gefiel.”

Anfang 2007, in den Weihnachtsferien, habe er dann mit seinen Eltern und seiner kleinen Schwester Corinna einen Ausflug ins Ahlener Römermuseum gemacht. „Ich habe meine Schwester noch ausgelacht, als sie sich mit Helm, Kettenhemd und Schild verkleidet hat.” Eher widerwillig sei er selbst in die Sachen geschlüpft, weil seine Mutter unbedingt ein Bild in den Römerklamotten habe machen wollen. „Als ich die Sachen anhatte, war es dann doch ganz lustig und ich begann, mich für die Dinge zu interessieren.” In Jüchen sei er schließlich bei seiner Suche nach Gleichgesinnten fündig geworden, und schon im Februar wurde der junge Kempener ein „Römer” und Mitglied der Legio XV Primigenia.