Selfkant: Artistenfamilie tourt mit Monstertrucks durch Europa

Selfkant : Artistenfamilie tourt mit Monstertrucks durch Europa

Das neue Herz für den „Iceman” ist schon aufgebockt, Daniel Klaas muss es dem Monstertruck nur noch einbauen. „Wenn ich einmal dran bin, schaffe ich das in einem Tag”, sagt der 38-jährige Stuntman.

800 PS hätte der Truck dann, 200 mehr als jetzt. Damit wäre der „Iceman” der leistungsstärkste in der Reihe der Monstertrucks in der Halle in Selfkant, zwischen Millen und Tüddern. Gerade ist Winterpause, die Trucks und der restliche Fuhrpark der Familie Klaas, die den Künstlerzusatz „Aranis” trägt, werden überholt.

Die Familie lebt in ihren Häusern in Wehr, die Kinder müssen regulär zur Schule. Das, was für andere Menschen Alltag ist, tritt nun also ein. „Wenn wir unterwegs sind, bekommen die Kinder die Hausaufgaben per Mail zugeschickt”, erzählt Familienoberhaupt Horst Klaas, Daniel Klaas Vater. Rechnen und Schreiben, das müssten die Kinder können. „Das reicht. Minister werden die eh nicht”, meint er. 13 Enkelkinder hat er, zwischen vier und 16 Jahre alt. Nur die männlichen Nachkommen steigen in die Trucks und auf die Motorräder, die Frauen sind Schausteller, backen beispielsweise Reibekuchen auf Jahrmärkten. So ist die Tradition.

Horst Klaas gehört zur dritten Generation von Schaustellern und Artisten, die einst als Seiltänzer begonnen haben. Daher auch der Zusatz „Aranis”. „Das ist von dem französischen Wort für Spinne (araignée) abgeleitet”, sagt Horst Klaas. Mit seinen 69 Jahren hat er noch alle Fäden in der Hand. Er war es auch, der in den 80ern entschieden hat, dass es an der Zeit ist, umzusatteln. Vom Balanceakt auf dem Seil zum Balanceakt auf zwei von vier Rädern. „Meine Söhne Daniel und David kamen aus den USA zurück und erzählten von den Monstertruck-Shows”, erzählt Klaas. Alles etwas überdimensioniert, die Trucks, der Lärm, die Stunts, die Show drumherum - typisch 80er eben.

Da war für ihn klar: Das ist es. „Denn mit Seiltanz konntest du nichts mehr verdienen.” Schließlich trat er mit seiner Familie nicht unter dem Zirkuszeltdach auf, sondern spannte Seile zwischen markanten Gebäuden in Metropolen von Frankfurt bis Kairo. Nicht immer legal, aber immer spektakulär. „40 Meter über dem Boden”, sagt Klaas. Auf den Fotos wirkt es deutlich höher. Klaas lacht. „Ich übertreibe nicht gern”, sagt er nur.

Die Zuschauer konnten spenden, wenn er mit verbundenen Augen über das Seil gegangen oder mit seinen beiden Söhnen andere akrobatische Nummern gezeigt hatte - aber immer mehr Menschen gingen einfach weiter. Bei den Stuntshows wäre das kaum möglich, das Gelände ist mit Sichtschutz abgesperrt. 200 bis 300 Zuschauer kommen im Schnitt, die Bekanntheit der Truppe reicht aber über die Ränder der Parkplätze großer Supermärkte oder anderer Plätze hinaus.

„Wenn bei einem Tatort oder bei Alarm für Cobra 11 ein Täter über ein Seil flüchtet, war das sicher mein Sohn”, sagt Horst Klaas. Immer mal wieder werden Familienmitglieder für solche Stunts oder auch mit Fahrzeugen gebucht. In Sendungen wie dem „Fernsehgarten” sind die Klaasens schon aufgetreten, haben Helmut Kohl und David Hasselhoff getroffen. Angela Merkel war noch nicht darunter. Das lässt erahnen, wann der Höhepunkt erreicht war. Am Anfang war Aranis Klaas eine der ersten Schaustellerfamilien in Deutschland, die mit Trucks unterwegs waren. Heute gibt es an die 40. „Von 20 kann man sagen, dass die ein gutes Programm machen”, meint Horst Klaas. Bei so viel Konkurrenz ist die Gefahr groß, verwechselt zu werden, deshalb zieht es die Aranis Klaas Stunt Company ins Ausland.

Vor ein paar Tagen erst war Klaas senior in England, um geeignete Plätze für die nächste Tour zu suchen. In Deutschland gibt es nur zwei Shows jedes Jahr, in Heinsberg und Geilenkirchen. Die restlichen rund 70 finden zwischen Ostern und September europaweit statt. Aktueller Schwerpunkt: Skandinavien.

Den Beginn der Show bestreiten immer die Jüngsten. Sie springen beispielsweise mit Crossmaschinen durch einen Feuerring. Mit vier, fünf Jahren lernen die Kinder schon die Stunts der Großen. So hat Daniel Klaas auch einmal angefangen. „Mit elf bin ich über sechs Autos gesprungen”, erzählt er. Trainieren müssen die Erwachsenen nur noch neue Showelemente. „Es ist wie mit dem Radfahren. Wenn du das einmal drauf hast, verlernst du das nicht mehr”, sagt Daniel Klaas. „Das ist angeboren, das liegt im Blut.” Er und sein Bruder David (42) verstünden sich blind.

Die Zeiten, in denen Daniel Klaas mit dem Motorrad halsbrecherische Sprünge zeigte, sind vorbei. Der Rücken. Nur privat sitzt er noch auf der Harley, ganz normal, ohne abzuheben.

Ähnlich wie bei Leistungssportlern ist spätestens mit Mitte 30 mit Sprüngen und hartem Aufprall Schluss. Also zeigen die Älteren im weiteren Verlauf der Show Überschläge mit Autos, beeindrucken mit der größten Harley der Welt und rollen schließlich die dröhnenden Riesenmaschinen ins Blickfeld der Zuschauer. Denn für diese sind sie schließlich gekommen. 4000 Kilogramm wiegt so ein Monstertruck. Am Ende der Rampe hebt er ab, fliegt zehn bis 15 Meter weit, zermalmt beim Aufprall aneinandergereihte Schrottautos. Vier bis fünf werden so pro Show im wahrsten Sinne des Wortes plattgemacht.

„Manche Zuschauer kommen auf uns zu und bieten uns ihre alten Autos an, wir nehmen die gerne an und tragen auch die Kosten für die Entsorgung”, erzählt Horst Klaas, die meisten stammten aber von Schrotthändlern in der Nähe des Veranstaltungsortes. Teurer als die Entsorgung sind die Posten (Haftpflicht-)Versicherungen, Berufsgenossenschaft und Treibstoff. „Wenn wir alle Fahrzeuge betankt haben, sind das tausend Euro”, erzählt Klaas. Das reiche dann für ein paar Tage.

Bei einer seiner spektakulären Aktionen, bei denen er mit verbundenen Augen auf einem Seil zwischen zwei Häusern balancierte, war Horst Klaas abgestürzt. Seitdem ist sein Arm versteift. Anfang der 90er stieg er zum letzten Mal aufs Seil. Trotzdem hat er keinen Moment darüber nachgedacht, in eine ganz andere Branche zu wechseln. Auch nicht, als sein Sohn David die Rampe verpasste, sich überschlug und ein paar Wochen ausfiel. „Was wollen Sie denn machen? Die Fabriken machen doch auch alle zu”, sagt Horst Klaas. Noch ein Weilchen wolle er weitermachen, die Tourneen planen, die Trucks hin- und herfahren. „Aber dann ist die nächste Generation dran.” Pläne für die nächste Attraktion hat er schon: „Ein Roboter, der Autos frisst.” Aber erst einmal ist der „Iceman” an der Reihe.

Zum Material von Aranis Klaas Stunt Company gehören sechs Monstertrucks, ein Monsterbike, sechs Stuntautos, zwölf Motorräder, ein Kampfroboter, ein Traktor und zwei Quads. Auf Tournee besteht die Truppe immer aus 20 bis 25 Menschen, die meisten gehören zur Familie. Die Tribüne bietet Platz für rund 1200 Zuschauer, 200 bis 300 kommen normalerweise zu einer Show.