Hückelhoven: Am Ende des Weges die Socken verbrannt

Hückelhoven : Am Ende des Weges die Socken verbrannt

Ein Mann Gottes hat Jakobspilger Fred Windelen aus Hückelhoven-Hilfahrt womöglich davor bewahrt, am Ende der Welt von einer Reisegruppe buspilgernder Damen aus dem Fränkischen tätlich angegriffen zu werden.

Der Beinahe-Tatort: Kap Finisterre, 60 Kilometer westlich von Santiago de Compostela, gelegen an der galizischen Küste.

Es war ein herrlich warmer Tag im Spätherbst, an dem Fred Windelen nach 2900 Kilometern Fußmarsch am vermeintlich einsamen Westkap Spaniens seine qualmenden Socken verbrannte und so wie Gott ihn geschaffen hat ein Bad im Atlantik nahm. Symbolisch legte er so den alten Menschen ab, den Menschen vor dem Gang nach Santiago.

Es ist ein alter Pilger-Ritus, der den zwischenzeitlich per Reisebus an der Küste angelandeten und entrüsteten Damen offenbar nicht bekannt war. Zum Glück für Fred Windelen aber dem Pater, der sie begleitete und der den Pilger, der blitzschnell in textile Hüllen schlüpfte, in Schutz nahm. Die an der Badehose befestigte Jakobsmuschel wirkte dabei enorm deeskalierend.

Picknick in der Sonne

„Das schreiben Sie aber nicht?”, fragt Windelen vorsichtig nach, der sich -wieder auf dem heimischen Sofa sitzend - angesichts dieser Episode ein Schmunzeln kaum verkneifen kann. Nein, nein. Natürlich nicht. Oder vielleicht doch? Schließlich endete dieses für beide Parteien überraschende Treffen doch mit einem gemeinsamen Picknick unter der spanischen Sonne. „Die Jakobsmuschel öffnet Türen”, hatte der 66-jährige Fred Windelen vor seiner dritten Riese nach Santiago de Compostela dieser Zeitung gesagt. Er sollte recht behalten.

Nach einem verunglückten Anlauf im Jahr 1999, der mit gebrochenen Knochen im Krankenhaus endete, und einer von Erfolg gekrönten Pilgerreise im Jahr 2002, machte sich der Hückelhovener in diesem Jahr erneut auf den Weg zum Grab des Apostels Jakobus. Land und Leute wollte er dabei besser kennenlernen, den Camino abseits der ausgetretenen Pfade bewältigen, auf Nebenstrecken, fernab der immer beliebter werdenden Rennstrecken. Ein bisschen ist es mit Santiago wohl so wie mit Rom: letztlich führen alle Wege dorthin. Und im Fall von Fred Windelen erwies sich auch der Abstecher auf einen Truppenübungsplatz des französischen Militärs nicht als Sackgasse.

Umrundet von Soldaten öffnete die Jakobsmuschel den Ausweg aus dem Sperrgebiet. Zum Verhör in die Kaserne abgeführt, verstand der deutsche Pilger zunächst nur Bahnhof. Die Schimpfkanonade des Offiziers nahm er daher mit einem gelassenen Lächeln auf. „Sind sie Deutscher?”, fragte der leicht entnervte Soldat schließlich in durchwachsenem Deutsch.

Ob Glück oder Fügung: Der Uniformierte diente lange in Neustadt an der Weinstraße und seine Frau, die telefonisch zum Übersetzen herangezogen wurde, ist Deutsche. „Ich glaube, sie hat ein gutes Wort für mich eingelegt”, sagt Windelen. „Und mit ihrem Mann geschimpft!” Einen Jakobspilger aufhalten? Das geht selbst im säkularisierten Frankreich nicht. Salutierend schickte man Fred Windelen zurück auf den Weg. Marsch, Marsch. Und pass´ auf, wo du hinläufst.

Dass dieser weit verzweigte Weg nach Santiago auch Schattenseiten hat, weiß Fred Windelen. Er hat es mehrfach erfahren, es erduldet, es auch genossen. Kulturelle Schätze reihen sich wie Perlen an seinen Rändern auf, doch der Camino ist auch hart, fordernd, manchmal unmenschlich. „Es gibt Phasen, da bist du tagelang allein und sehnst dich nach Menschen. Und wenig später kannst du Gesellschaft nur noch schwer ertragen”, sagt Windelen.

Kaum ein Pilger sei ohne schweres Gepäck unterwegs. Ein Gepäck, das selten im Rucksack, aber sehr oft auf der Seele lastet. Kilometer für Kilometer, so hat es der 66-Jährige empfunden, laufen sich Menschen frei, befreien sich von Tod und Verlust, Ängsten und Zweifeln. Der Weg ist eine Katharsis, er reinigt Körper und Geist. Dazu gibt es mörderische Anstiege, unmenschliche Strapazen und unglaubliche Augenblicke voller Schönheit und Ausgeglichenheit, die selbst hartgesottenen Zeitgenossen die Tränen in die Augen treiben. Wenn Fred Windelen davon berichtet, hat er selbst feuchte Augen. „Der Weg verändert einen”, sagt er. Wer Fred Windelen berichten hört, kauft ihm das zweifelsfrei ab.

Fast unglaublich dagegen klingt es, dass er den Weg in Sichtweite Santiagos beinahe abgebrochen hat. Nach mehr als 2500 Kilometern gaben die Einlagen seiner Wanderschuhe den Geist auf. Mit seinem Fersensporn wurde das Gehen zur Qual - doch Fred Windelen warf das Handtuch erst später in den Sand, an der Atlantikküste bei Kap Finisterre.

Dass ihm am Ziel angekommen in Santiago auch noch die ausgetretenen Schuhe gestohlen wurden, nahm er daher ziemlich unaufgeregt hin. „Der Dieb wird damit keine Freude haben”, sagt Windelen. Er lacht, geht zum Schuhschrank und präsentiert ein neues Paar. „Die sind schon eingelaufen.” Die nächste Route ist schon grob geplant. Von Hückelhoven-Hilfahrt nach Königsberg. Vielleicht auch durchs Baltikum. Gemessen an seiner Kilometerleistung eine kleine Wanderung.