Kreis Heinsberg: Als Lotse das Chaos in der Seele ordnen

Kreis Heinsberg : Als Lotse das Chaos in der Seele ordnen

Wenn Manfred Jung eine SMS bekommt, ist meistens etwas Schlimmes passiert. Für Jung muss es dann schnell gehen. Er darf keine Zeit verlieren, auch wenn die Informationen, die er auf sein Notfallhandy bekommt, oft sehr vage sind. Die Gründe für Jungs Einsätze: plötzliche Todesfälle, Selbstmorde, schwere Unfälle oder gestorbene Kinder. Manfred Jung ist Notfallseelsorger. Sein Einsatzgebiet ist der gesamte Kreis Heinsberg.

Kurz nach der SMS bekommt er einen Anruf. Weitere Informationen zu seinem Einsatz. Dann ins Auto und nichts wie los. Was ihn am Einsatzort erwartet, weiß er allerdings noch nicht. Man könne vorher nicht wissen, wie die Menschen an der Einsatzstelle sich verhalten. Manche seien aggressiv, sie schreien, lassen ihre Wut heraus. Andere seien in sich gekehrt und reden überhaupt nicht.

Er hilft Menschen in den ersten Stunden nach einem schlimmen Erlebnis: Notfallseelsorger Manfred Jung.
Er hilft Menschen in den ersten Stunden nach einem schlimmen Erlebnis: Notfallseelsorger Manfred Jung. Foto: Daniel Gerhards (1), stock/epd (1)

Unfälle und andere Tragödien

Die Notfallseelsorger sind bei schweren Unfällen und menschlichen Tragödien für die Angehörigen da. Sie beruhigen, reden mit den Leuten, hören zu und nehmen in den Arm. Für Kinder haben sie einen Teddybären, ein Bilderbuch und Spielzeugautos dabei.

Sich kurzfristig auf einen Einsatz vorzubereiten, ist schwierig. Manche Notfallseelsorger sprechen im Auto ein Gebet, andere schlagen noch einmal im Buch nach, wie man sich in der speziellen Situation verhält, erklärt Jung, der die Notfallseelsorge im Kreis Heinsberg koordiniert.

In erster Linie bauen die Notfallseelsorger aber auf ihre Erfahrung und auf das, was sie in ihrer 80-stündigen Ausbildung gelernt haben. Am Ende müssen sie ohnehin spontan entscheiden, wie sie den Menschen, die gerade etwas Schlimmes erlebt haben, helfen. Sie müssen das Chaos in der Seele der Hinterbliebenen ordnen.

Jung beschreibt die Funktion der Notfallseelsorger mit der Tätigkeit eines Lotsen. „Unsere Aufgabe ist es, die Menschen durch die ersten schwierigen Stunden nach einem Verlust zu führen“, sagt er. Dabei gebe es Klippen und Sandbänke. „Der Lotse kennt diese Hindernisse“, sagt er.

Jung ist evangelischer Pfarrer. Fast alle der 39 Notfallseelsorger im Kreis Heinsberg kommen aus evangelischen und katholischen Kirchengemeinden. Die 39 Notfallseelsorger teilen sich die Bereitschaftszeiten. In der Bereitschaftswoche sind sie rund um die Uhr erreichbar. Den „Hintergrunddienst“ übernimmt Jung selbst. Gibt es ein sehr großes oder zweites Unglück, wird er alarmiert.

25 der Notfallseelsorger arbeiten im Kreis Heinsberg hauptamtlich für eine der beiden Kirchen. Die Ehrenamtler sollen aus dem kirchlichen Umfeld kommen.

Viele Leute seien skeptisch, wenn ein Notfallseelsorger anrückt. Denn den Kontakt zur Kirche haben heute viele Menschen verloren. „Die Leute denken, dass wir sie belehren wollen, oder ihnen eine schlechtes Gewissen machen wollen, weil sie zu selten im Gottesdienst waren“, sagt Jung. Das sei allerdings gar nicht so. Notfallseelsorger haben zwar immer eine Kerze, ein Kreuz, ein Gebetbuch und einen Rosenkranz dabei, kirchliche Rituale kämen aber nur zum Einsatz, wenn sie gewünscht seien, sagt Jung. Ein Gebet oder ein Segen werde nur in jedem zehnten Einsatz gesprochen, sagt Jung.

Mut machen

Es gehe viel mehr darum, den Leuten aufzuzeigen, wie das Leben weitergeht. Ihnen Mut zu machen. Natürlich müsse man einfühlsam sein und auf die Menschen und ihre Krisensituation eingehen. Aber man dürfe das Ganze nicht zu nah an sich heran lassen. „Man muss die Balance zwischen Nähe und Distanz halten“, sagt Jung. Aber mitweinen dürfe man nicht. Es seien eben nicht das Leid und die Trauer der Notfallseelsorger, das müsse man sich immer wieder klar machen, sagt Jung.

Und trotzdem können die Einsätze, in denen Jung und seine Kollegen viel Leid sehen, die Notfallseelsorger stark mitnehmen. Sich danach einfach ins Bett legen und schlafen, das kann längst nicht jeder.

Jung verarbeitet die Geschehnisse auf seine eigene Weise: „Ich setze mich dann hin und schreibe meinen Einsatzbericht. Beim schriftlichen Arbeiten sammelt man sich im Kopf. Durch die Artikulierung dessen, was man erlebt hat, gewinnt man auch eine gewisse Distanz.

Die Einsätze der Notfallseelsorger sind zeitlich begrenzt. Aber sie bleiben — so lange wie sie gebraucht werden. Das können mehrere Stunden oder die ganze Nacht sein. Langfristige Begleitung machen die Notfallseelsorger nicht. Dafür würden sie an andere Stellen vermitteln.

Wenn Jung nach einem Einsatz weiß, dass der jemandem durch die ersten schweren Stunden nach einem schmerzlichen Verlust geholfen hat, dann ist das der Moment, der ihm Befriedigung gibt. „Man ist ja schon emotional bei der Sache. Wenn man so einen Einsatz hinter sich hat, ist man schon zufrieden“, sagt Jung.