Hückelhoven: Alles paletti? Der zweite Blick entscheidet!

Hückelhoven : Alles paletti? Der zweite Blick entscheidet!

Ist wirklich „alles paletti”, wie es diese landläufige Formulierung im Allgemeinen andeutet und im Besonderen als Titel der Jahresausstellung der Künstlergruppe Canthe? Vielleicht war es diese Unbestimmtheit und die damit verbundene Neugier auf eine Antwort, die zahlreiche Kunst-Interessierte ins Alte Rathaus in Ratheim gelockt hatte.

Und sie wurden nicht enttäuscht, waren doch die „genormten Lademittel für Stückgüter” in zu vielem Nachdenken umgeformte Kunstwerke verwandelt worden.

Kunst aus banalen Alltagsgegenstände

Zu Beginn ihrer fundierten und kenntnisreichen Ausführungen zu den einzelnen Künstlern und ihren Werken erinnerte die Kölner Kunsthistorikerin Charlotte Kraft an Martin Kippenberger, der seinerzeit mit der Präsentation von Paletten in der Kunstszene für Aufsehen gesorgt hatte. Mit diesem verbinde die Canthianer, dass banale Alltagsobjekte wie Paletten in einen Kunstraum integriert und dadurch auf gewisse Weise ästhetisch würden.

Und die Palette zeige sich nicht nur als Material, sondern sei mit ihrem gesellschaftsrelevanten Ansatz auch eine Palette an vielerlei Deutungsmöglichkeiten.

Charlotte Kraft stellte dann die Werke der neun Aussteller vor, zum Schluss ihrer mit viel Beifall bedachten Einführung machte sie den Canthe-Künstlern ein besonderes Kompliment: „Martin Kippenberger, wäre er nicht so früh gestorben, hätte sich über den Titel dieser Ausstellung gefreut.”

Michael Borgulat weist mit seinen Installationen „Wasseraufwand” und „Social Network” auf die Bedeutung der für uns, aber nicht überall auf der Welt, selbstverständlichen Naturressouce hin und auf die globale Vernetzung.

In der Installation „Monopoly” von Gert Jäger taucht in zwei mit Kisten beladenen Paletten unerwartet ein atmendes Wesen auf. Es werden die Widersprüche deutlich gemacht zwischen tatsächlichem Bedarf und Überschuss und sinnlosem Abfall in einem unendlichen Kreislauf. Miroslav Sigut beschreibt in seinen Arbeiten das Zirkulieren der Paletten von Umschlagplatz zu Umschlagplatz und schafft gleichzeitig mit changierenden Op-Art-Farben eine faszinierende Wahrnehmungstäuschung.

Renate Schell weist mit ihren Arbeiten „Nicht in der Norm” und „Empfänger unbekannt” darauf hin, dass nicht den Erwartungen Entsprechendes einfach ausrangiert wird, das gilt für Ökonomisches und Soziales, und dass sowohl im Postsystem als auch bei individuellen Lebensentwürfen die Ungewissheit eine große Rolle spielt. Als Neue im Kreis der Canthe zeigt Laura-Helene Förster schon im Titel ihrer Arbeit „Hilfeschrei oder nichts ist paletti”, was in unserer Gesellschaft schief läuft. Bei Henning Herzberg de Pers lässt sich bei den kreuzförmig gelegten schwarzen Stoffbahnen auf dem Unterkörper einer männlichen Figur mit der Bezeichnung „Sendung” dieses Wort doppelt deuten: als Verschicken von Waren und als Beauftragung.

Theo Heinen versammelt auf einer Palette große und kleine Stoffbären, die auf eine intensive Gefühlsbeziehung hinweisen, und lässt auf einer anderen eine Spielzeugeisenbahn ununterbrochen kreisen. Henriette Echghi verfremdet ihre drei Paletten malerisch und mit Metalldrähten derart, dass die Umwandlung eines Gebrauchsgegenstandes in ein Kunstwerk sofort augenfällig wird. Zu guter Letzt spielt Janice Orth mit ihren Arbeiten „Soeben eingetroffen” und „Stapelweise” auf die Mehrfachbedeutungen dieser Titel an, und indem sie auch noch Malerei, Grafik und Schrift verwendet, zeigt sie die Vielfalt künstlerischer Ausdrucksmöglichkeiten auf.

Eigentlich hätte jedes Kunstwerk eine ausführliche(re) Darstellung und Interpretation verdient - aber die können sich die Besucher noch verschaffen am kommenden Sonntag von 11 bis 18 Uhr im Alten Rathaus in Ratheim.