Erkelenz-Keyenberg: Abriss steht bevor: Abonnenten besichtigen Keyenberger Heilig-Kreuz-Kirche

Erkelenz-Keyenberg : Abriss steht bevor: Abonnenten besichtigen Keyenberger Heilig-Kreuz-Kirche

Tief beeindruckt von der Schönheit der ­Keyenberger Heilig-Kreuz-Kirche und ihren kostbaren Schätzen und tief bewegt von dem Schicksal, das diesem Sakralbau mit Entwidmung und Abriss schon in wenigen Jahren bevorsteht, zeigten sich rund 50 Abonnenten unserer Zeitung. Die Kirche ist nach dem Immerather Dom die nächste, die dem Braunkohletagebau Garzweiler II weichen muss.

Hans-Josef Pisters, ein Kenner der Keyenberger Orts- und Kirchengeschichte, weihte die Besucher in die Geschichte der Gemeinde ein. Nach einer Überlieferung soll die erste Kirche bereits 714 von Plektrudis gestiftet und 716 vom heiligen Suitbert geweiht worden sein. Im Laufe der Jahrhunderte gab es weitere Vorgängerbauten der heutigen Kirche, die in zwei Bauabschnitten in den Jahren 1866 und 1867 sowie von 1912 bis 1914 im Stil der Neugotik errichtet wurde — basierend auf Plänen des renommierten Architekten und Wiener Dombaumeisters Friedrich von Schmidt, wie Pisters nicht ohne Stolz berichtete.

Aber Schmidts Name ist nicht nur auf das Engste mit dem Keyenberger Bauwerk, sondern auch mit dessen Prunkstück verbunden: dem glanzvollen Hochaltar. Schmidt hatte ihn entworfen und über das fertige Werk gesagt, er habe weder in Deutschland noch in England Schöneres auf dem Gebiet der mittelalterlichen Holzskulptur gesehen.

Aber noch viel mehr Sehenswertes war von den Besuchern zu entdecken und zu fotografieren: die Seitenaltäre, die hölzerne, reich verzierte Kanzel mit Darstellung der Apostel und dem gekrönten Erlöser auf dem Schalldeckel, der Kreuzweg mit holzgeschnitzten Reliefs, eine Marienstatue mit kleinem Altartisch, viele wunderschöne Figuren, darunter Anna Selbdritt (Gruppe zu dritt), welche die heilige Anna mit der jungen Muttergottes auf dem Arm und dem Jesuskind auf deren Schoß zeigt.

Die hohen Fenster sorgen für viel Lichteinfall. Pisters konnte den Besuchern in seinem Vortrag und beim Rundgang viele Details zum umfangreichen Inventar der Kirche erklären, zu dem ein vermutlich aus dem elften Jahrhundert stammender Weihestein, das Taufbecken aus Blaustein oder ­Muschelkalk aus dem 15. Jahrhundert, zwei Hellebarden aus dem 17./18. Jahrhundert im Wandschrank der Schützenbruderschaft und die 1886 fertiggestellte Stahlhuth-Orgel aus Aachen gehören. Kreuze, Gemälde, Beichtstühle... All dies fand Erwähnung.

Die Fragen, die viele der Besucher mit Blick vor allem auf den Hochaltar, aber auch auf viele andere, von Keyenberger Bürgern gestifteten Kostbarkeiten umtrieben: Was passiert mit diesen Schätzen, wenn die Kirche entwidmet wird? Kommen sie im Zuge der Umsiedlung mit in den Kapellenneubau im neuen Ort im Norden von Erkelenz? Pisters musste die Antwort schuldig bleiben: „Wir können nur bitten und flehen!“ Letztlich würden diese Entscheidungen nicht im Keyenberger Ortsausschuss, sondern auf Ebene der Pfarrei Christkönig Erkelenz und des ­Bistums Aachen getroffen. Die Keyenberger Gläubigen würden sich jedenfalls wünschen, so Pisters, möglichst vieles mitnehmen zu dürfen in den neuen Ort.

Gedanken zum Thema Heimat

Einen emotionalen Schlusspunkt setzte der gebürtige Keyenberger Pisters mit seinen Gedanken zur Heimat: „Es ist der Ort, wo wir herkommen, da, wo wir unsere Wurzeln haben.“ Heimat sei das Gefühl, „aus gleichem Holz geschnitzt zu sein“, sie sei Gemeinschaft, „und sie ist da, wo ich aufgewachsen bin“. Aber was sei mit den Menschen, die gegen ihren Willen durch den Abbau von Braunkohle aus ihrem Heimatort und der vertrauten Umgebung vertrieben würden?

„Vertriebene zur Friedenszeit“, so Pisters. „Wir können unseren Nachkommen, Kindern, Enkelkindern oder späteren Generationen nicht mehr den Ort zeigen, wo wir gewohnt und gelebt haben.“ Die Schule und, das sei besonders tragisch, die Kirche. Dort sei in einigen Jahren ein riesiges Loch. „Ich überlasse es Ihnen, ob Sie mit mir der Meinung sind, dass unser Herrgott diesen Eingriff in seine Schöpfung mit Sicherheit nicht gewollt hat.“ Dies werde vielen erst so richtig bewusst werden, wenn ihr Haus, wenn die Kirche, wie schon einige vorher, in kurzer Zeit von den Baggern niedergelegt würden und vom „Dom an der Niers“ — wie die Keyenberger Kirche im Volksmund genannt wird — nur noch Schutt übrig bleibe.

(red)
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