Aachen/Daressalam: Aachener Studenten leisten Hilfe zur Selbsthilfe in Tansania

Aachen/Daressalam : Aachener Studenten leisten Hilfe zur Selbsthilfe in Tansania

Ein aufgeladenes Mobilfunkgerät und Lesen in der Dunkelheit: Für die Einwohner von Kogoman Juu sind diese Momente etwas ganz Besonderes. Schließlich ist Strom in dem kleinen Dorf, das südlich von Daressalam, einer der größten Städte Tansanias, liegt eine Seltenheit. Steckdosen sind in den rund zehn Quadratmeter großen Wellblechhütten der Einheimischen nicht zu finden.

Wer Strom braucht, um zum Beispiel sein Mobilfunkgerät aufzuladen, der macht sich auf den Weg in die nächste größere Stadt und lädt dort Geräte und Batterien auf. Gegen Bezahlung natürlich. Das hat sich vor einigen Wochen jedoch geändert. Mittlerweile besitzt Kogoman Juu nämlich seinen ersten mobilen Friseur-Shop, der durch Wind- und Solarenergie betrieben wird. Veranlasst haben dies Frederic Moeris, Nils Namockel und Amelie Wiemann. Die drei Wirtschaftsingenieurstudenten aus Aachen gehören der Organisation Enactus an (siehe Box). Ihr Ziel: Hilfe zur Selbsthilfe leisten.

Hilfe mit einfachen Mitteln: der aus einer zerschnittenen Regentonne gebaute Savonius-Rotor.

Vor zwei Jahren gegründet

Vor rund zwei Jahren gründeten die jungen Erwachsenen gemeinsam mit acht ihrer Kommilitonen das Projekt „Energized“, das im Gebiet der regenerativen Energieerzeugung angesiedelt ist. Afrikanische Regionen, die ohne Anbindung an das Stromnetz auskommen müssen, sollen davon profitieren. „Dort haben fast alle ein Handy und das ist für die Menschen lebensnotwendig“, sagt der 23-jährige Frederic Moeris.

Da die Bewohner der kleinen Dörfer meist nicht über ein Bankkonto verfügen, werde das Mobiltelefon auch zur Zahlung genutzt. Wie das funktioniert? Ganz einfach: Den zu zahlenden Betrag schicken sich die Einwohner nach dem Einkauf auf ihr Mobiltelefon. So wissen sie genau, wem sie welchen Betrag schulden. „Eigentlich ist das ganz schön fortschrittlich“, meint Moeris.

Gemeinsam mit seinen Kommilitonen Nils Namockel und Amelie Wiesmann verbrachte er zweieinhalb Wochen im Osten Afrikas. Mit möglichst einfachen Mitteln wollten die drei Studenten den Einwohnern zeigen, wie sie Strom erzeugen und damit ihren Lebensunterhalt verdienen können. So stellten die jungen Erwachsenen zunächst eine Windturbine, den sogenannten Savonius-Rotor, her.

Um die Materialkosten so gering wie möglich zu halten, entschieden sie sich dafür, den Savonius-Rotor aus einer Regentonne zu bauen. Diese wurde durchtrennt und ihre Teile versetzt wieder aufeinander gesetzt. Kann das wirklich funktionieren? Ja, es kann: „Der Wind treibt über die Schaufeln eine Welle an, die wiederum nach einer Übersetzungsstufe mittels eines Riemens einen Generator antreibt“, beschreibt Moeris den Prozess. Der Generator wiederum lädt einen austauschbaren zwölf Volt-Akku auf.

Der Prototyp, den die Studenten im Garten der Familie Moeris fertig stellten, erfüllte jedoch nicht ihre Erwartungen. „Damit erzielten wir nicht so viel Leistung, wie erhofft“, erinnert sich Moeris. Schnell war jedoch eine Alternative gefunden. Die Turbine wurde durch eine Solaranlage, bestehend aus einem Solarpanel, einem Laderegler und einer austauschbaren zwölf Volt-Batterie, ergänzt. Die Kombination aus Wind- und Sonnenenergie verspreche eine höhere Versorgungssicherheit, meinen Frederic Moeris und Nils Namockel.

Nicht nur Haarschneidegeräte, sondern auch Pumpen und Handyladegeräte können daran angeschlossen werden. „Das ist wirklich sehr flexibel“, berichtet Namockel stolz. Doch damit nicht genug. Mit ihrem Projekt wollen die Studenten den Einheimischen helfen, eigene kleine Unternehmen aufzubauen. „Spenden kann jeder, aber wir möchten mit unserem Wissen den Aufbau ermöglichen und Hilfe zur Selbsthilfe leisten“, sagt Moeris.

Wie viel Arbeit die Studenten neben Vorlesungen und Klausuren in das Projekt investierten, können sie nicht genau sagen. Die Prototypen habe man meist am Wochenende gebaut, hinzu kam viel Kleinarbeit. Die vergangenen Monate sei man mit den Reisevorbereitungen beschäftigt gewesen, meint Nils Namockel.

Mit drei Solarsystemen im Gepäck ging es für die Studenten Ende März schließlich nach Tansania. Untergebracht waren sie dort im Haus ihres Projektpartners, der Firma Solargrip, mit dem sie in zweieinhalb Wochen an vier verschiedenen Projekten arbeiteten.

Neben dem mobilen Friseur-Shop, unterstützten sie auch eine Fischzüchterin. „Durch die Solarenergie wird eine Pumpe angetrieben, die das Wasser des 1000-Liter-Tanks reinigt. Das ist nicht nur sehr sparsam, weil das System ohne neues Wasser auskommt, sondern auch platzsparend. Man braucht nur ein bisschen Sonne, um die Pumpe anzutreiben“, meint Nils Namockel.

Strom aus Schrott

Auch Mobilfunkgeräte können durch Solarenergie aufgeladen werden. Schließlich halte der Laderegler die Spannung immer konstant, so dass darüber die Batterie geladen und der Strom an den Verbraucher abgegeben werden könne. „Daran kann man fünf Handys gleichzeitig laden, auch wenn die Sonne nicht scheint“, so Moeris. Natürlich kam auch der Windgenerator in Tansania zum Einsatz. Aufgebaut wurde dieser in einem Waisenhaus. „So konnten wir den Kindern die Technik näher bringen und zeigen, dass man aus Schrott Strom erzeugen kann“, sagt Moeris.

Nicht nur bei den Kleinen stoße diese Technik auf großes Interesse. Auf ihren Touren durch die Dörfer Daressalams wurden die Studenten oft auf ihr Projekt angesprochen. „Das Interesse war riesengroß. Für viele war es einfach unverständlich, dass man so einfach Strom zaubern kann“, sagt Namockel. Eine Verständigung zwischen den Studenten und den Einheimischen war ohne Dolmetscher allerdings kaum möglich. Englisch sprechen die meisten Menschen dort nämlich nicht.

Und auch an andere Eigenarten mussten sich die Aachener erst gewöhnen. Nicht alle, die sich für das Projekt interessierten, hielten ihre Verabredungen mit den Studenten auch ein. Eine Dame war sogar eine Woche lang nicht erreichbar, da sie kurzfristig zu Verwandten gefahren war.

Auch die Infrastruktur sei ein großes Problem gewesen. Schließlich gebe es gerade in den kleinen Dörfern, in denen der Müll noch im Garten verbrannt wird, kaum ausgebaute Straßen und auch ein Auto könne dort nicht spontan gemietet werden.

„Das war für uns die größte Umstellung. Auf schlechtes Essen und Hitze kann man sich ja noch einstellen, aber die Lebensweise war für uns ein kleiner Kulturschock, eben Tansania-Style“, sagt Nils Namockel. Die letzten Tage ihrer Reise verbrachten die Studenten deshalb in Sansibar. „Da haben wir uns dann ein bisschen davon erholt“, sagt Frederic Moeris und beginnt herzhaft zu lachen.

Sponsoren und Crowdfunding

Finanziert wurde die Reise auf verschiedenen Wegen. Für die Flugkosten kamen die Studenten selbst auf, die Unterkunft zahlten die Sponsoren. Das Material wurde teilweise durch Sponsoren, teilweise durch das sogenannte Crowdfunding finanziert. Was man sich darunter vorstellen kann? Bei Freunden und in sozialen Netzwerken warben die Studenten mit ihrem Projekt. So kamen Spenden in Höhe von rund 300 Euro dafür zusammen.

Was sich die angehenden Wirtschaftsingenieure für die Zukunft wünschen? „Wir würden das Projekt gerne weiter ausbauen, denn das Potential ist groß. Schließlich gibt es genug Länder, die über viel Sonne verfügen, die nicht genutzt wird“, so Moeris, der gerne auch andere Länder bereisen würde. Eine Anfrage für eine Hühnerfarm in Tansania haben die Studenten bereits. Dafür sei jedoch ein Ausbau der Anlage nötig. „Daran arbeiten wir gerade“, so Moeris und Namockel.