Aachen: 11. April 1944: Eine Zeitzeugin erinnert sich

Aachen : 11. April 1944: Eine Zeitzeugin erinnert sich

Schon in den Nächten zuvor hatten die Aachener keine ruhige Minute. Alliierte Bomber flogen Angriff auf Angriff auf Aachen und hatten die Bevölkerung die bittere Wirkung des von den Nationalsozialisten verursachten Zweiten Weltkriegs spüren lassen.

Doch das sollte nur ein Vorgeschmack dessen sein, was am späten Abend des 11. April 1944 folgte: ein Inferno aus Bomben, Feuer, Zerstörung, Wunden und Tod. 20 Minuten dauerte der Angriff vor 70 Jahren, der wohl der schlimmste des gesamten Kriegs für Aachen und seine Bewohner werden sollte. Johanna Zimmermann war fünf Jahre alt, hatte aber eine enorme Auffassungsgabe. Und die Unvergleichlichkeit der Ereignisse hat sie die Erinnerungen bewahren lassen an jene Tage, in denen weite Teile Aachens zu Schutt wurden.

Erinnerungen: Johanna Ziadi-Zimmermann stellte ihre Aufzeichnungen unserer Zeitung zur Verfügung.
Erinnerungen: Johanna Ziadi-Zimmermann stellte ihre Aufzeichnungen unserer Zeitung zur Verfügung.

In Richterich überlebt

Datum 11. April 1944: Grabstein auf dem Aachener Waldfriedhof zum Gedenken an den schlimmsten Bombenangriff auf die Kaiserstadt.
Datum 11. April 1944: Grabstein auf dem Aachener Waldfriedhof zum Gedenken an den schlimmsten Bombenangriff auf die Kaiserstadt.

Dabei waren es möglicherweise glückliche Umstände, die das Mädchen überhaupt die schlimmen Nächte überleben ließen, oder auch Instinkt und Weitsicht des Vaters. Der hatte nämlich angesichts der zahlreichen Toten schon vor dem 11. April beschlossen, mit seiner Familie nicht in den nahe dem Wohnhaus gelegenen — eigentlich zugewiesenen — Bunker in der Junkerstraße zu gehen. Ein Arbeitskollege und Freund hatte angeboten, die Nächte bei ihm in Richterich zu verbringen, das noch selbstständige Landgemeinde war und auch siedlungstechnisch von Aachen noch weit entfernt lag. Dort verbrachte Familie Zimmermann die Bombennächte.

Nicht aber die des 11. April. Die Familie war mit dem Zug vom Westbahnhof nach Richterich gefahren, wo der Hausherr sie mit den Worten empfing: „Es kann gefährlich werden, es ist besser, wenn wir die Nacht im Keller nebenan verbringen.“ Nebenan befand sich ein so genannter Tiefkeller, der als besonders sicher galt und daher an jenem Abend auch von besonders vielen Nachbarn aufgesucht wurde. Johanna Zimmermann, die heute den Zunamen ihres Mannes Ziadi mit im Namen trägt, erinnert sich: „Am späten Abend hörten wir von Ferne zunehmende Einschläge und das Brausen der Flugzeuge. Es herrschte eine ängstliche Spannung. Mein Bruder und ich saßen eng an die Eltern geschmiegt und jeder wartete auf die befreiende Entwarnung. Es sollte jedoch noch einige Zeit bis zu derselben dauern. Endlich hörten wir den bekannten Dauerton und gingen langsam aus dem Keller wieder in das Nachbarhaus.“

Was der Familie Zimmermann erspart geblieben war, waren über 4.000 Sprengbomben, über 34.000 Brandbomben, 8.685 Phosphorbomben, die 350 Flugzeuge in nur 20 Minuten über Aachen abwarfen. 1.525 Menschen, darunter viele Kinder, starben. Fast 1.000 wurden verletzt. Vor allem Burtscheid traf es brutal, St. Johann und St. Michael waren schwer getroffen, in der Hauptstraße blieb kaum ein Stein auf dem anderen.

Johanna Zimmermann fiel am nächsten Morgen der Brandgeruch auf, der ihr auf dem Weg zum Haus in der Mauerstraße entgegenschlug. Rauchwolken standen über der Stadt: „Auf der Turmstraße kamen uns Hausbewohner entgegen, seltsamerweise sehr staubig aussehend und in gedrückter Stimmung. Herr Bender trug einen großen, weißen Verband um den Kopf, zum Teil blutdurchtränkt.

Er sagte: ‚Es steht nichts mehr‘. Da ahnte ich schon ein wenig, dass diesmal alles anders war.“ In der Tat. Das Haus der Familie war eine vollständige Ruine, Nachbarn standen ratlos davor. Aus der Haustüre schlugen noch immer winzige Flämmchen, auf den Steinbrocken leuchtete seltsam gelb Phosphor. Die Trümmer wurden zum Abenteuerspielplatz, Spielzeug waren Nähmaschinenteile, verbrannte Gasmasken, Kupferteile.

Ein Trost war, dass die Familie bei den Freunden in Richterich die Mansarde beziehen konnte. Noch sollte es ein halbes Jahr dauern, bis der NS-Spuk in Aachen vorüber war. Johanna Zimmermann beobachtete plötzlich weiße Betttücher, die aus den Fenstern hingen. Auch daran erinnert sich die Zeitzeugin: „Man erklärte uns, dass dies Kapitulation bedeutete. Durch die Straßen rollten wenig später amerikanische Panzer mit fröhlich lachenden Soldaten, die uns Kaugummi, kleine Tütchen mit Brause und Apfelsinen zuwarfen. Auf den Trümmergrundstücken standen provisorische Türen, an denen Zettel angebracht waren: ‚Wir leben und sind bei...‘ An vielen Türen jedoch stand nichts derartiges.“