Aachen: „Alle müssen für Europa streiten“

Aachen : „Alle müssen für Europa streiten“

Er kann sich immer wieder aufs Neue ärgern über dieses altbekannte Schwarze-Peter-Spiel in Europa: „Hört damit auf, alle Misserfolge und ungelösten Probleme Brüssel in die Schuhe zu schieben, die Erfolge aber auf die nationale Fahne zu schreiben!“, sagt Martin Schulz an die Adresse der „anwesenden und nichtanwesenden“ Regierungsvertreter im Aachener Krönungssaal.

Der Karlspreisträger 2015 sagt das mit Nachdruck und voller Überzeugung. Er hatte sich vorgenommen, Klartext zu sprechen an diesem Tag, an dem der französische Staatspräsident, die Könige von Spanien und Jordanien, der Bundespräsident und all die anderen nach Aachen gekommen sind, ihn zu ehren. Und der „Instinkteuropäer“ (Schulz über Schulz) warb leidenschaftlich für das europäische Projekt.

Anders als in den Vorjahren gibt es diesmal statt einer Laudatio drei Reden. Bundespräsident Joachim Gauck („Was für ein wunderschöner Tag, was für ein wunderbares Ambiente!“) würdigt Schulz als „einen Kämpfer für die Idee der europäischen Demokratie“, der die Probleme nicht „weg-beschwichtigt“, einen, der sagt, was ist.

Es müsse eine gemeinsame europäische Antwort auf Krisen wie in der Ukraine und die Bedrohung durch islamistischen Terrorismus geben. Die wachsende Kritik in vielen EU-Staaten nennt Gauck „alarmierend“. Die Populisten gewinnen an Boden, gerade weil sie Europas Erfolge — den Euro, die offenen Grenzen, die Integration — zum Feindbild auserkoren haben. Gauck ist überzeugt: Zulauf erhalten sie nicht allein wegen der Währungs- und Wirtschaftskrise. „Es genügt nicht zu hoffen, dass allein der Wind des nächsten Aufschwungs den Populismus verjagen wird wie der Morgen ein Gespenst.“

Ideologen, Nationalisten, Fanatiker und Terroristen zielen auf die Grundfesten der europäische Demokratie. „Jetzt erleben wir im Süden und Osten die Sprache der Macht, nicht die Macht der Sprache“, sagt Gauck. „Zum ersten Mal sind alle Bürger der Union gefordert, für das gemeinsame Europa zu streiten und zu kämpfen.“

Gauck erzählt die Geschichte eines Bekannten, der mit seiner Familie durch Luxemburg, Frankreich und Deutschland reist, und dessen kleiner Sohn plötzlich fragt. „Papi, was ist ein Grenze?“ Wer diesen Satz höre, könne ermessen, was auf dem Spiel steht; was geschieht, wenn die europäische Einigung scheitern sollte, warnt der Bundespräsident.

Der jordanische König Abdullah II. appelliert an die Europäer, sich angesichts der Flüchtlingsdramen im Mittelmeer nicht abzuschotten. „Isolierung ist keine Antwort“, sagt er, „Mauern sind keine Antwort.“ Er kann, darf das sagen als Regent eines Landes, das bei rund fünf Millionen Einwohnern mehr als zwei Millionen Flüchtlingen eine Zuflucht gegeben hat. Abdullah fordert Gerechtigkeit für die palästinensischen Flüchtlinge, die seit nunmehr 67 Jahren im Exil leben. Die Enkel der ersten Generation fragten heute die Welt: „Wo ist die weltweite Gerechtigkeit, von der ich höre?“

Die Europäische Gemeinschaft sieht Abdullah im Kampf gegen den Terrorismus an vorderster Stelle. „Terroristen respektieren keine Grenzen. Unsere Abwehr muss gleichermaßen international gezielt erfolgen. Und die EU spielt hierbei eine zentrale Rolle“, sagte der König in seiner Rede.

Auch der französische Staatspräsident François Hollande sieht die Union in der Pflicht, mehr zum Schutz von Flüchtlingen zu tun. „Europäer sein, das heißt auch für Europa in der Welt etwas tun. Für eine Politik einzutreten, die auch gegen Ungleichheit gerichtet ist.“ Die EU als „Licht für die Verfolgten“, das ist die Vision des Sozialisten aus Paris. An seinem Freund Martin Schulz lobt er dessen „lebhaften Drang zur Freiheit“, seine Charakterstärke und, ja, auch die gelegentlichen Wutanfälle, selbst wenn sie zuweilen rein taktischer Natur seien.

Für Schulz bleibt, allen Unzulänglichkeiten zum Trotz, die EU die größte zivilisatorische Errungenschaft seit der Aufklärung: „Feinde wurden zu Freunden, Diktaturen zu Demokratien, Grenzen wurden geöffnet. Wir haben Menschenrechte und Pressefreiheit, aber keine Todesstrafe oder Kinderarbeit. Warum sind wir darauf nicht stolz?“

Sicher, das vielzitierte europäische Haus sei ein wenig in die Jahre gekommen, renovierungsbedürftig, räumt Schulz ein. „Deshalb: Lasst es uns erneuern, damit es in seinem Glanz erstrahlt“ — und nicht nachfolgenden Generationen als Ruine zu hinterlassen. Er jedenfalls sei dankbar, ein Bewohner dieses großartigen Hauses sein zu dürfen.

Der lange, kräftige Beifall legt den Schluss nahe, dass zumindest die übergroße Mehrheit im Aachener Krönungsaal ähnlich empfindet.