Sauber und leise ans Ziel: Kommt die Flüsterbahn?

Region-Tram : Sauber und leise ans Ziel: Kommt die Flüsterbahn?

Es herrscht dicke Luft – nicht nur in vielen Städten. Wer morgens und abends mit dem Auto in der StädteRegion pendeln muss, gar in ein Ballungsgebiet wie die Stadt Aachen hinein will, braucht ein dickes Fell. Stau auf der Autobahn, Stop and Go auf der B57, und von der Himmelsleiter abwärts über die Monschauer Straße knubbelt es sich ebenfalls.

Die Busse sind vielfach überfüllt. Wie soll das erst werden, wenn etwa in Merzbrück ein neues Gewerbegebiet entsteht und außerhalb Aachens weitere Wohngebiete erschlossen und damit zusätzliche Bewegungen erzeugt werden? Schon jetzt sind täglich an die 70.000 Pendler unterwegs – und es werden deutlich mehr werden, befürchten Experten. Kein Wunder also, dass sich Politik und Verwaltung anstrengen, die Situation zu verbessern und akzeptable, umweltfreundliche Lösungen zu finden.

Schon länger gibt es die Idee, eine Bahn aus dem Nordkreis in die Stadt Aachen fahren zu lassen. Diese schöne Vision soll nun Realität werden. Städteregionsrat Tim Grüttemeier hat sich mit Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp des Projekts angenommen und will es zügig im wahrsten Sinne des Wortes auf die Schiene setzen. Die ersten Weichen für die Regio-Tram, so der Name des Projekts, sind gestellt.

Umwelt und Nerven schonen

Die StädteRegion wird den Hut aufhaben und die Planung mit den beteiligten Kommunen, in erster Linie mit der Stadt Aachen und im Nordkreis als erstes mit Würselen, koordinieren. Im Haus der StädteRegion in Aachen beschäftigen sich Stefan Jücker, Dezernent für Bauen und Umwelt, sowie seine Arbeitsgruppenleiterin Ruth Roelen intensiv mit der Idee. „Wir sind aber von einem Bau noch weit entfernt, erst steht jetzt eine Machbarkeitsstudie an“, betont der Baudezernent. Für ihn und seine Kollegin ist aber schon jetzt eins klar: „Das Angebot muss so attraktiv sein, dass Menschen bereit sind, ihr Mobilitätsverhalten zu ändern.“ Das heißt nichts anderes als: Lasst das Auto stehen, steigt in die Tram, das spart Geld, schont die Umwelt und die Nerven.

Die Tram hat nichts mit einer Eisenbahn wie der bereits fahrenden Euregio-Bahn gemein, sondern ist ein schienengestütztes Fahrzeugsystem mit modernster Technik, das auch im Straßenraum eingebunden werden kann. In einigen Regionen Europas sind solche Straßenbahnen bereits mit Erfolg unterwegs. Sie können über Oberleitungen Strom zapfen, im städtischen Bereich aber mit Akkuhilfe fahren. „Die Tram ist eine Flüsterbahn“, betont Stefan Jücker. Die Lautstärke sei dank Elektrotechnik leise und vergleichbar mit der eines Pkw. Und da es sich um niedrige Unterflurbahnen handelt, sei der Ein- und Ausstieg einfach – auch mit Rollator, Kinderwagen, Rollstuhl oder Fahrrad.

Was brauchen die Pendler in der Region?

Was zu einer frühzeitigen Umsetzung solcher Gedanken beitragen könnte, ist die Tatsache, dass die Trassenführung auf bereits für Bahnverkehr genehmigten Strecken erfolgen kann. Immerhin seien dort auf den 25 Kilometern meist noch Gleise vorhanden. Das spare Kosten und Zeit, unterstreicht Ruth Roelen. Gleichwohl werde man auf den Landschaftsschutz achten und vor allem die Bürger in die Machbarkeitsstudie einbeziehen. Dazu will man in verschiedenen Orten Infoveranstaltungen abhalten.

Diese sollen das Mobilitätsempfinden der Bürger abfragen und zu Themen wie Kosten oder Trassenführung informieren. Positiv will man auch hervorheben, dass zwei Schienenpaare auf einer Fläche untergebracht werden können, wie auf der Fahrbahn einer Straße. Die Kostenfrage ist derzeit noch völlig offen, klar ist aber, dass jede Fördermöglichkeit ausgeschöpft und man mit den Mitteln verantwortungsvoll umgehen werde, sagt Stefan Jücker.

Zeitgemäße Mobilität

Wenngleich einige Vordenker der Regio-Tram den Startpunkt gerne in Baesweiler sehen, was längerfristig wohl nicht ausgeschlossen sei, konzentrieren sich die Planer der StädteRegion zunächst auf Merzbrück. Dort sehen sie einen Mobilitätsknotenpunkt, an dem man vom Auto in die Tram umsteigen kann. Vorstellbar ist auch, ein breites zeitgemäßes Mobilitätsangebot mit E-Auto-Sharing, E-Bikes oder Radschnellweg anzudocken. Merzbrück bekommt als Knotenpunkt noch mehr Bedeutung, wenn dort der Forschungsflugplatz mit vielen neuen Arbeitsplätzen in Betrieb ist. Die Regio-Tram soll ihre Endstation möglichst am Aachener Bushof erhalten. Bis zur Jülicher Straße (am ehemaligen Nord-Bahnhof) könnten vorhandene Gleise genutzt werden, dann ginge es über die Straße im Akkubetrieb umweltfreundlich ohne Oberleitung weiter. Die Tram würde vorher wenige Meter an den alten Talbot-Hallen vorbeifahren, wo früher Waggons gebaut wurden. „Eine Vision wäre, dass die Tram nicht nur hier gebaut, sondern auch gewartet wird. Das schafft neue Arbeitsplätze“, meint Ruth Roelen. Die Regio-Tram ist laut Stefan Jücker nicht nur eine Möglichkeit, den Bürgern der StädteRegion den Alltag zu erleichtern, dem Stau zu entfliehen und die Umwelt zu schonen, sondern auch ein wichtiger Baustein für eine neue Mobilitätsstrategie in der StädteRegion. Gleichwohl warnt er vor Ungeduld: „Frühestens in fünf Jahren sehe ich die erste Tram rollen, vorher gilt es, sorgfältig zu planen. Das dauert, aber wir gehen es jetzt an.“

(pr)