Antrag von Greenpeace: Aachen soll „pestizidfreie Kommune“ werden

Antrag von Greenpeace : Aachen soll „pestizidfreie Kommune“ werden

Greenpeace fordert, dass die Stadt der Initiative „Pestizidfreie Kommune“ beitritt. Das war jetzt Thema im Bürgerforum.

Der Beifall kam von vielen Seiten. Es gab ihn für eine lehrreiche Power-Point-Präsentation. In ihr warben im Ratsausschuss Bürgerforum drei junge Frauen der Greenpeace-Gruppe Aachen dafür, die Stadt möge der Initiative „Pestizidfreie Kommune“ beitreten. Das Bürgerforum unter Vorsitz des SPD-Ratsherrn Mathias Dopatka tagte im Beisein von Oberbürgermeisterin Sibylle Keupen in den Kurparkterrassen Burtscheid.

Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat die Initiative ins Leben gerufen. Mehr als 500 Mitglieder zählt sie inzwischen, darunter Großstädte wie Berlin, Hamburg, Düsseldorf, Essen, Münster. Ihr Anliegen richtet sich gegen den Einsatz von das Artensterben verursachenden Pestiziden in privaten Gärten, in Kleingartenanlagen, auf Gemeindegrund, in Wäldern und in der Landwirtschaft.

Den Antrag von Greenpeace Aachen erläuterten im Bürgerforum Melanie Grolms-Aal, Franziska May und Andrea Jacobson. Was sie zum Verlust der Artenvielfalt (Biodiversität) berichteten, erstaunte, belehrte und erschreckte zugleich. „Die Leute müssen erfahren, was Pestizide anrichten.“

Etwa eine Million Arten auf der Erde seien vom Aussterben bedroht. Greenpeace stelle aktuell die Insekten in den Mittelpunkt, da fast drei Viertel alle Tierarten die „für uns Menschen und die Ökosysteme unverzichtbaren“ Insekten seien. In den vergangenen 30 Jahren habe sich die Artenzahl bei Insekten um ein Drittel vermindert. Die Gesamtmasse der Fluginsekten in Graslandschaften sei noch dramatischer um bis zu 75 Prozent gesunken. Bei 50 Prozent der etwa 600 Waldbienen-Arten sei die Population rückläufig.

Diese gravierenden Verluste hätten viele Gründe, unter anderen Monokulturen mit hohem Einsatz von Dünger, Herbiziden, Insektiziden. Die Greenpeace-Aktivistinnen referierten über Pestizide und Glyphosat, das im Verdacht stehe, Krebs zu erregen. Neonikotinoide störten das zentrale Nervensystem der Bienen, was ihren Orientierungssinn beeinträchtige und damit ihre Bestäubungsleistung vermindere.

Der Schwund der Artenvielfalt und der Biomasse an Insekten sei „dort besonders ausgeprägt, wo die Grasflächen von Ackerflächen umgeben sind“. Deshalb müssten landwirtschaftliche Nutzflächen mit ins Kalkül gezogen werden. Die Stadt verpachte 1400 Hektar landwirtschaftliche Flächen. Auf dem Weg zu einer ökologischen Landwirtschaft biete es sich an, in neuen Pachtverträgen den Gebrauch von Pestiziden zu verbieten. „Damit käme man dem EU-Ziel, bis 2030 25 Prozent der Äcker und Wiesen ökologisch zu bearbeiten, ein gutes Stück näher.“ Der Einsatz der Bauern für ein pestizidfreies Wirtschaften müsse „finanziell honoriert“ werden.

Alle Erkenntnisse, so die Greenpeace-Sprecherinnen, machten deutlich, „dass es nicht weitergehen darf wie bisher. Der Status quo ist nicht haltbar. Wir müssen etwas tun. Pestizidvermeidung ist ein Muss.“

Weitere Vorschläge von Greenpeace Aachen: Die Stadt möge innerstädtisch die Verwendung von chemisch-synthetischen Pestiziden untersagen. Unnötige Lichtemissionen seien zu vermeiden und insektenfreundliche Leuchtmittel (Lampen) zu bevorzugen. Beide Forderungen, so die Verwaltung, seien „heute bereits weitgehend erfüllt“. Ein insektenfreundliches und die Lichtverschmutzung minderndes Konzept werde erarbeitet.      

Nach den Referaten sprach Klaus Meiners, stellvertretender Fachbereichsleiter Umwelt und Klimaschutz, wahrscheinlich für viele im Saal: „Ich bin beeindruckt. Sie haben unglaublich viel an Kompetenz eingebracht. Wir brauchen Veränderungen. Wir haben die Botschaft verstanden.“ Die Stadt habe sich schon mit vielen Maßnahmen auf den Weg gemacht, etwa durch Blühwiesen und Blühstreifen. Auf Flächen im öffentlichen Raum verzichte sie komplett auf den Einsatz von Pestiziden. „Das kann nur ein erster Schritt sein. Wir müssen deutlich schneller werden.“

Den Vorträgen sei „nichts hinzuzufügen; in einigen Dingen bin ich mit Ihnen unterwegs“, kommentierte Oberbürgermeisterin Keupen. „Ausdrücklich unterstützen“ wollen die Grünen den Antrag. Für sie mahnte Sprecherin Julia Brinner allerdings an, „die guten Ideen und Sorgen der Landwirte“ einzubeziehen. Brinner schlug vor, die Verwaltung möge eine „Strategie zur nachhaltigen Landwirtschaft“ ausarbeiten, ein Vorschlag, dem das Bürgerforum einstimmig folgte. Bürgermeisterin Hilde Scheidt (Grüne) und Jan van den Hurk (SPD) empfahlen Greenpeace, den Vortrag auch andernorts, etwa bei den Kleingärtnern, zu halten. Leo Deumens (Die Linke) bedankte sich für den „deutlichen Vortrag“, der gezeigt habe, „wie schlimm es ist. Ohne Insekten haben auch wir Menschen keine Lebenschance“.

Peter Tillmanns (CDU) erklärte, „in der Sache sind wir uns alle einig“, der entscheidende Punkt sei aber die Landwirtschaft. Ohne Einsatz von Pestiziden gehe ihr Ertrag drastisch zurück. „Da hängen Existenzen dran.“

Was von anwesenden Landwirten, unter ihnen Bernd Kockerols, Vorsitzender der Kreisbauernschaft Aachen, lebhaft bekräftigt wurde. „Ein komplettes Pflanzenschutzmittelverbot wäre ein Hammer. Unser aller Anliegen ist doch, die bäuerlichen Betriebe zu erhalten“, so Kockerols. Ein Kollege berichtete, er habe zum Schutz der Vögel und Insekten seinen Hof zur Hälfte umgestellt und auf einer Hälfte auf Pflanzenschutzmittel verzichtet. Dort erziele er nur noch 40 Prozent des Vorjahr-Ertrages. Mit Bio-Produkten allein müsste er seinen Hof in 8. Generation schließen.

Mit ähnlich hohen Verlusten bei einer Umstellung auf ökologische Landwirtschaft rechnet auch Franz-Josef Vonderstein für seinen weit über Aachen hinaus bekannten Grünlandbetrieb am I. Rote-Haag-Weg in Burtscheid. Vonderstein wehrte sich gegen „Falschmeldungen von Greenpeace“ und erläuterte: „Der Ist-Zustand in der Landwirtschaft ist nicht so katastrophal, wie dargestellt wird. Unsere Böden sind fruchtbar. Imker kommen und setzen bei mir ihre Bienenkörbe ab. Es kann nicht immer alles so schwarzgemalt werden. Wir Landwirte haben nicht alles falsch gemacht.“

Das Bürgerforum leitete den Greenpeace-Antrag mit einstimmigem Votum weiter an den Ausschuss für Umwelt- und Klimaschutz. Das Forum empfiehlt, den Antrag „wohlwollend“ zu prüfen.