Herzogenrath: 34.000 Telefongespräche in einer Leitung

Herzogenrath: 34.000 Telefongespräche in einer Leitung

Wer genießt das nicht? Auf dem 55-Zoll-Bildschirm Serien und Filme schauen. Nebenbei lädt die Playstation eine Update-Datei für ein neues Spiel herunter, und die Schwester telefoniert stundenlang übers Festnetz. Genau dieses Szenario wäre ohne Glasfaser nicht möglich. Triple Play heißt das auf Neudeutsch, wenn Telefon, Internet und TV über einen Anbieter konsumiert werden.

Da DSL und VDSL je nach Internetnutzung an ihre Grenzen stoßen, muss die Glasfaser her. Wenn uns die Anbieter 200 MBits ins Haus versprechen, dann muss irgendwo tief in der Erde, idealerweise bis zur Buchse im Keller, eine Glasfaserleitung laufen.<p class="zwischentitel">Leerrohre aus den 70ern

Hält die Fäden in der Hand: Wolfgang Riege ist der Glasfaser-Experte bei Enwor und zuständig für die Verlegung des schnellen Netzes. Foto: Begner

„Seit 110 Jahren macht die Enwor jetzt Stromversorgung, und in den 70er Jahren haben wir begonnen, bei Tiefbauarbeiten für Strom- und Wasseranschlüsse sogenannte Leerrohre zu verlegen“, sagt Wolfgang Riege, Fachbereichsleiter Netzbetrieb. Diese sind, wie der Name schon sagt, leer und werden prophylaktisch gelegt, damit in der Zukunft weniger Verkehrsbehinderungen entstehen. Diese Zukunft ist jetzt da.

Wenn ein Teil des Enwor-Versorgungsgebiets mit Glasfaser-Leitungen aufgerüstet werden soll, werden die Kabel einfach mit Hochdruck durch die Leerrohre geschossen. Das passierte voriges Jahr in Würselen und geschieht momentan in Alsdorf-Ofden und am Aachener Kreuz: „In Würselen brauchten wir nur zehn Kilometer Tiefbau für 40 Kilometer Glasfaser“, sagt Wolfgang Riege. Bis 2017 sollen es 100 Kilometer sein.

Das klingt nicht nur verkehrsfreundlich und schnell, sondern macht die Zukunft wesentlich kalkulierbarer. Denn die Zeiten ändern sich weiter, und größere Datenberechnungen brauchen mehr Leistung. Netzbetriebsleiter Riege erinnert sich: „Angefangen habe ich 1984, und schon da hatten wir bei Enwor unser eigenes kleines Telekommunikationsnetz. Wenn eine Störung vorlag, wurde durch unser eigenes Kupferdatenkabel die Störung gemeldet. So funktioniert das auch heute noch.“

Auch wenn jemand im Enwor-Gebäude an der Kaiserstraße die Tür öffnet, registriert das die alte Kupferleitung. „Diese Informationen kommen dann alle acht Minuten durch“, erklärt Riege. „Zwei Megabit bekommt eine Kupferleitung hin. Damals war das toll. Für unsere Tür-auf-Tür-zu-Information reicht das auch noch heute.“ Doch wer denkt, dass Kupfer ansonsten ausgedient hat, der irrt. Wolfgang Riege: „Nicht alles funktioniert mit Glasfaser. Am Ende eines Routers steckt immer noch Kupfer. Je kürzer aber die Strecke von Kupfer zu Glasfaser ist, desto besser.

Da die Enwor seit langer Zeit nachhaltig Leerrohre gesetzt hat, lag eine Kooperation mit einem Anbieter aus dem Bereich der Telekommunikation nahe. „Wir stellen im Prinzip die Weichen. Wir bauen die passiven Sachen und die Leute von NetAachen die aktive Technik“, sagt Riege.

Doch das, was er so einfach „passiv“ nennt, ist hochkomplex und für einen Physik-Grundkurs-Abgänger schwer zu verstehen. Wie kann es sein, dass durch einen kleinen Glasfaden so viele Daten schießen können? Zum Glück ist Herr Riege nicht nur Glasfaser-Experte, sondern auch Herzogenraths nächster Superlehrer: „Die Impulse, die durch ein Kupferkabel gehen, sind elektrisch. Das wäre so, als würden wir uns in Nullen und Einsen unterhalten. Bei der Glasfaser ist es wie beim Morsen. Die Datenwerden optisch übertragen. Da sind es eben Lichtsignale. Die zwei Leitungen sprechen einfach eine andere Sprache“, erklärt Herr Riege. Bis unser Signal also elektrisch ankommt, muss wieder übersetzt werden.

Doch wie bekommt man es hin, dass 100 Kilometer Glasfaser verlegt werden, ohne dass das optische Signal gestört und eine optimale Netzstabilität gewährleistet wird? In einem Glasfaserkabel, das irgendwo unter der Erde liegt, sind 12 mal 24 kleinste Fasern gefasst. Schon allein durch eine einzige Faser, die so dünn ist wie Nähgarn, können 34.000 Telefongespräche geführt werden. Natürlich gibt es auch größere Kabel. Aber schon hier sind es 288 feinste Glasfasern die nach dem Ende einer Kabeltrommel an das nächste Kabel angeschlossen werden müssen. Diesen Vorgang nennt man Spleißen. „Die Glasfaser an sich, ist nicht das Teure. Ein Meter Kabel kosten etwa sechs Euro. Doch das Spleißgerät, das dafür verantwortlich ist, die einzelnen Fasern wieder so zusammenzubringen, dass das optische Signal problemlos übertragen wird, liegt bei 35000 bis 60000 Euro, und derjenige, der das alles zusammenspleißen muss, der hat auch viel zu tun.“ Diejenigen, die das Spleißen übernehmen, sind Elektroniker für Betriebstechnik, die die Enwor auch ausbildet.

Im Dreck verschluckt

Das optische Signal, so erklärt Herr Riege, wird durch den Kern der Glasfaser geschossen, die von einem Seitenmantel geschützt wird. „Das Kernglas ist so rein, wenn das zwischen uns stehen würde, würden wir es nicht bemerken“, sagt der Fachmann. Wenn das Kabel einen Knick macht, dann spiegelt der Seitenmantel das Signal wieder in den Kern und es liegt keine Störung im Signal vor. „Man muss darauf achten, dass das Licht die Kurve bekommt. Denn wenn es zu stark geknickt ist, dann hilft auch der Seitenmantel nicht, dann wird das Licht im Dreck verschluckt.“

Die Zeit wird kommen, wo uns der 55-Zoll-Bildschirm zu klein ist und die Filme in Ultra-HD so hochauflösend sind, dass die heutigen noch ungenutzten Ressourcen der Glasfaser genutzt werden wollen. Vielleicht auch im 788-Seelendorf Schevenhütte.

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