10.000 Euro Spenden für die Opfer des Hochwassers

Benefizgala von und mit Jürgen B. Hausmann : Zwischen guter Unterhaltung und der Sehnsucht nach Normalität

Benefizgala von und mit Jürgen B. Hausmann

Bei der Benefizgala von Jürgen B. Hausmann zugunsten von „Menschen helfen Menschen“ erzählen Betroffene von ihren Hochwasser-Erfahrungen. Musik und Kabarett treffen auf Unterhaltung und Mitgefühl.

„Wir haben die zwei Millionen-Euro-Marke geknackt“, gibt Thomas Thelen, Vorsitzender des Hilfswerks „Menschen helfen Menschen“ des Medienhauses Aachen bei der Benefizgala in der Stadthalle Alsdorf für die Opfer der jüngsten Flutkatastrophe eine Information weiter, die aufhorchen lässt. „Erst drei Wochen existiert unsere Aktion, das ist großartig.“ Der Chefredakteur von Aachener Zeitung und Aachener Nachrichten will Mut machen, informieren und zusammen mit seinem Team den Menschen Trost bringen. Ein Abend der großen Emotionen, der atemberaubenden Bilder an der Bühnenwand (Technik: Michael Cosler), die allen Tränen in die Augen treiben.

Ein Abend auch der Tatsachenberichte aus erster Hand, der einfühlsamen Gespräche, politischen Aussagen – und der funkelnd guten Laune. „Lachen muss sein, das befreit, ich denke da an die Großeltern nach dem Krieg“, sagt der Kabarettist Jürgen Beckers („Jürgen B. Hausmann“), der die Idee zu dieser Veranstaltung unter dem Motto „Dr Jung hilft mit!“ ins Medienhaus Aachen getragen hat. Mit Erfolg. Kollegen und Freunde musste er nicht lange bitten. Jupp Ebert etwa, den Sänger mit wunderbarer Soulstimme und starker Bühnenpräsenz, der Mundartliches wie internationale Gänsehaut-Songs beherrscht. An seiner Seite der zuverlässige Akkordeonist Ägid Lennartz. Beide sorgen für tiefe Momente. Beckers‘ Tochter Marie lockert mit ihrem akrobatischen Showtanz als flotter Jungstar das Programm auf.

Worum geht es? Eine Region versinkt in stinkendem Schlamm und gurgelndem Wasser. Das Chaos ist vor der Haustür – und nicht irgendwo in der Welt. Ein bewegender Film über das Hochwasser in der Region von Videoredakteur Bernhard Felker (Medienhaus) mit Aufnahmen aus ungewöhnlichen Perspektiven führt erneut das Ausmaß der Katastrophe vor Augen. Fünf Minuten – ein historisches Dokument.

"Menschen helfen Menschen": Jeder Euro zählt

Mit 500 (Corona-konform) besetzten Plätzen ist jede Karte verkauft, die Stadthalle wurde kostenfrei für die Veranstaltung geöffnet, 10.000 Euro können in den Spendentopf fließen, zugleich gibt es ein spritziges Programm. Moderator Bernd Büttgens führt mit leichter Hand durch eine durchaus anspruchsvolle Veranstaltung. Ihm gelingt der Balanceakt zwischen Entertainment und ernsthafter Hinwendung. Er zeigt persönliche Anteilnahme, das tut dieser Gala gut.

Denn auf der Bühne sind Gäste, die als „Botschafter“ der zahllosen Opfer Schlimmes erlebt haben – etwa Tina und Josef Schepp aus Weisweiler, die sich mit ihren Kindern über Baggerschaufel aus dem Fenster der ersten Etage retten mussten und nun  zehn Jahre nach der Kernsanierung ihres Hauses – wieder vor einem Neuanfang stehen.

Oder die tapfere Christina Bungenberg, die in Zweifall eine komplex funktionierende Nachbarschaftshilfe mit unzähligen Helferinnen und Helfern organisiert hat, die von den Aufräumarbeiten bis zum anspruchsvollen Wiederaufbau geht. Angst? „Man funktioniert, man muss klar denken, trotz des Schocks“, sagt sie in der Talkrunde, zu der Büttgens gleichfalls Städteregionsrat Tim Grüttemeier bittet. Wie hat er das Hochwasser erlebt? „Eine Katastrophe, die es in diesem Ausmaß nie gab“, nickt er. „Das künftige Bild zerstörter Ortsteile in Eschweiler, Stolberg, Vicht oder Zweifall wird sich grundlegend verändern.“ Die Phase des Wiederaufbaus und der Neuorganisation sämtlicher Strukturen sei „kein Sprint, sondern ein Marathon“, man müsse den Hochwasserschutz neu bedenken und begreifen, was der Klimawandel bedeute.

Büttgens spricht aus, was viele denken: War der Besuch von Politikerinnen und Politikern vor Ort ein Schaulaufen mit Gedanken an die nächste Wahl? Grüttemeier wird ernst. Auch von ihm leuchtet ein Foto mit den Kanzlerkandidaten Scholz und Laschet an der Wand auf, eine Titelseite. „Ohne solche Begegnungen hätten Bund und Länder vermutlich nicht so schnell einen 30-Milliarden-Euro Fond verabschiedet, jetzt muss das Geld nach klaren Verteilungsregeln fließen“, betont der Städteregionsrat. „Am besten, das Land übergibt es den Kommunen beziehungsweise bei uns der Städteregion.“

 Lachen für den guten Zweck: Unter diesem Motto hat Kabarettist Jürgen Beckers alias Jürgen B. Hausmann zur Benefizgala in die Alsdorfer Stadthalle geladen.
Lachen für den guten Zweck: Unter diesem Motto hat Kabarettist Jürgen Beckers alias Jürgen B. Hausmann zur Benefizgala in die Alsdorfer Stadthalle geladen. Foto: Andreas Herrmann

Applaus, die Menschen spüren, dass sich etwas bewegt. Das ist noch besser mit ein bisschen Spaß zu verarbeiten. Beckers zündet ein Feuerwerk seiner besten Szenen, man kommt aus dem Lachen nicht mehr heraus, dabei greift er sehr tief in die Witz- und Kalauer-Kiste, bleibt aber stets gegenwärtig, voller Mitgefühl. Vergnügen pur bietet das von ihm mitbefeuerte Corona-Trio, das allerdings zur Feier des Abends zu fünft auftritt.

Die musikalischen Herren haben im tiefsten Lockdown vor (und hinter) Altenheimen fröhlich musiziert. Im Trio mit Reservemännern intoniert Beckers die alten Schlager herzhaft und etwas schräg. Das macht den Charme seiner Mitstreiter Wilhelm Flosdorff, Berthel Mennicken, Ralf Hohn und Tobias Braun aus. „Rote Lippen muss man küssen“, „Seemann, lass das Träumen“ und dann ab zu „Griechischer Wein“. Die Zuschauer singen mit, klatschen, heben die Hände, fliehen für einen Moment nach „Rio und Shanghai, Bali und Hawaii“, wie es im Lied heißt – glücklich über so einen Sturm auf trübe Gedanken. Heimatlich schließlich: Das „Steigerlied“, stark und ehrlich aus tiefstem Herzen vorgetragen, eine Erinnerung an eine andere Katastrophe – das verheerendes Unglück auf Grube Anna II 1930 in Alsdorf, das über 300 Opfer forderte.

Was diesen Abend zum Erlebnis werden lässt, ist bei allen harten Fakten eine Hoffnung, die in den heimatlichen Mundartliedern mitschwingt, die Sehnsucht und das Heimweh nach Normalität, das kleine Stückchen Gemütlichkeit und der dringend notwendige Optimismus, ob es nun um Alemannia, Aachen oder Alsdorf geht. Louis Armstrongs „What a Wonderful World“ auf Platt wird zum Bekenntnis für die Zukunft.