Wassenberg: 100 Jahre Wassenberger Familienunternehmen Essers

Wassenberg: 100 Jahre Wassenberger Familienunternehmen Essers

An den Garnen der Firma Essers aus Wassenberg kommt man praktisch überhaupt nicht vorbei. Jeder ist schon mal mit ihnen in Berührung gekommen - nur wissen das die wenigsten. Denn nirgendwo steht der Name des Wassenberger Unternehmens drauf.

In Sportbekleidung, Fallschirmen, Airbags, medizinischen Verbänden, Polsterstoffen, Großzelten, aber auch in Stadiendächern, in Straßen oder schusssicheren Westen kommen die synthetischen Fasern vor. In diesem Jahr wird die Essers GmbH und Co. KG 100 Jahre alt.

Begonnen hatte es damals, am 11. Juni 1912, als zwischen Aachen, Mönchengladbach und Krefeld alles von Webereien durchdrungen war, mit Seide, dem edelsten der Stoffe. Der Firmensitz befand sich noch im Zentrum Wassenbergs, in der Nähe des Bahnhofs. „Bis 1980 wurde noch der Hauptteil der Textilien in Deutschland gefertigt”, erzählt Heinz-Willy Essers. Er leitet die Firma seit 1982 in der dritten Generation. In dieser Zeit machte die Schärerei auch den wesentlichsten Schnitt in ihrer Geschichte: Sie stellte von Seide auf technische Textilien um, als die Konkurrenz aus Nahost zu groß wurde. Kurz zuvor, Ende der 70er, war das Unternehmen bereits von der Wassenberger Innenstadt auf die Grüne Wiese gezogen, an die Lothforster Straße.

Das Gebäude hatte Bergschäden, außerdem wurde es langsam eh zu eng. Die alten Maschinen wurden zuerst mitgenommen und nur umgebaut, später kamen immer mehr neue dazu. „Und das in wirtschaftlich nicht gerade sicheren Zeiten”, erinnert sich Essers. In kontinuierlichen Erweiterungen wuchs das Familienunternehmen nach dem Umzug flächenmäßig von 2300 auf 5000 Quadratmeter. Die Mitarbeiterzahl bewegt sich seit Jahren um die 50, die Fluktuation ist gering.

Beeindruckender als diese Zahlen sind allerdings die Dimensionen, in denen sich die Garne bewegen: So kann Garn dünner als ein Haar sein - bei 10 000 Metern wiegt es gerade einmal 17 Gramm -, das andere Extrem waren bislang 24 Kilogramm bei 10 000 Metern Länge. Dreieinhalb bis vier Millionen Kilogramm Garn verlassen pro Jahr das Werksgelände.

Das Material variiert, je nach Auftrag. Denn von der Stange - oder besser gesagt: als Standard von der Spule gibt es nichts. Einzelauftragsfertigung nennt sich das im Fachjargon. Identisch ist nur der Vorgang: das Wickeln von parallel laufenden Fäden. Die können theoretisch noch aus Baumwolle sein, in der Regel werden aber synthetische Fäden verwendet.

Einige Millionen Euro, beziehungsweise in den 80ern noch Mark, hat Essers vor allem in neue Maschinen investiert, die neuesten sind erst ein paar Jahre alt. „Den Stand der Technik haben wir zum Teil mitbestimmt”, sagt Heinz-Willy Essers. Sein Unternehmen kooperiere eng mit Forschungsinstituten, mit der RWTH Aachen, dem Max-Planck-Institut und dem Fraunhofer Institut etwa. Welche Anwendungen im Membranbau möglich sind, wird beispielsweise erforscht. Wie hoch muss die Reißfestigkeit sein? Wie muss das Garn beschaffen sein, das um die Flügel der Windkrafträder gewickelt ist? Welche Temperaturschwankungen muss das Gewebe aushalten? Ist es, etwa wie auch im Fall des Olympiadachs in München, starker Sonneneinstrahlung ausgesetzt?

Der Ablauf bei einem Auftrag ist normalerweise der: Ingenieure entwickeln aus dem Zweck eines bestimmten Stoffs rückwärts, welche Beschaffenheit das Gewebe haben muss und wenden sich damit an die Garnfachleute. Die geben dann an, welche Dicke das Garn haben muss, die Weber als nächstes Glied in der Kette, wie viele Fäden sie pro Zentimeter brauchen. „Uns gibt es nur noch, weil wir Spezialist für Spezialisten sind. In diesem Nischenmarkt sind wir führend”, sagt Essers.

Früher hatten manche Rollen eine nur kurze Reise vor sich: Sie wurden nur über die Straße in die Weberei Flecken und Reinold gebracht. Der letzte Kunde Essers innerorts hat vor ein paar Jahren geschlossen. Heute erstreckt sich der Kundenkreis geografisch auf Westeuropa, Nordafrika, teilweise China und Australien.

Neuerdings gehen Produkte aus der ehemaligen Seidenweberei auch direkt an den Endabnehmer, beispielsweise an Krankenhäuser, Altenheime oder auch Privatleute. 2003 wurde nämlich das Schwesterunternehmen Essedea gegründet, in dem spezielle Matratzen produziert werden.

Das Besondere: das „Abstandsgewirk mit druckelastischem Polyestermonofilament”. Das sieht wie ein Sandwich aus, zwischen oberer und unterer Lage ziehen sich Polyesterfäden. Drückt man mit der flachen Hand von oben drauf, bleibt die Matte stabil, bohrt man einen Finger rein, gibt sie nach. Für die Dekubitusprophylaxe und -behandlung ist es so gut geeignet, dass die Matratzen sogar rezeptfähig sind.

Wie viele Milliarden Kilometer Fäden in den letzten 100 Jahren schon über die Spulen gelaufen sind, kann Essers nicht beziffern. „Aber das würde ich schon mal gerne wissen”, überlegt er.