Aachen - Oliver Kahn zur WM 2018: „Fußball ist auch immer politisch“

Oliver Kahn zur WM 2018: „Fußball ist auch immer politisch“

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ZDF-Experte: Wenn jetzt bei der Fußball-WM in Russland der Ball rollt, analysiert Oliver Kahn wieder Spiele. Foto: dpa
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Engagement in Saudi-Arabien: Oliver Kahn übergab kürzlich mit König Salman bin Abdulaziz Al-Saud (Zweiter von links) die Trophäe für den besten Torwart der Saison. Foto: dpa

Aachen. Er ist einer der größten Torhüter aller Zeiten und holte mit Bayern München acht Meistertitel: Oliver Kahn. Wenn am 14. Juni allerorten das Fußballfieber ausbricht, wird sich der heute 48-jährige ZDF-Experte mit dem ihm eigenen Humor aus der Sendezentrale in Baden-Baden melden, um die Spiele in Russland zu analysieren.

Olaf Neumann traf Oliver Kahn vorab in Hamburg und sprach mit ihm über Grenzüberschreitungen, Erfolg und die Schattenseiten des Sports.

 

Herr Kahn, was überwiegt bei Ihnen im Moment: die Faszination für den Ballsport oder der Ärger über Doping im Fußball und korrupte Verbände?

Oliver Kahn: Mich interessieren grundsätzlich alle Entwicklungen im Sport. Ich war schon immer ein Freund davon, alles zu diskutieren und anzusprechen, wenn der richtige Zeitpunkt dafür gekommen ist.

Wie bereiten Sie sich auf die umstrittene WM in Russland vor?

Kahn: Ich kann mich nicht daran erinnern, dass irgendeine WM unumstritten war. Egal, wo Weltmeisterschaften stattfanden, es gab immer irgendwelche Gründe, warum jetzt diese WM in diesem Land gerade ganz besonders problematisch ist. Das ist in Russland nicht anders. Es wird auch in vier Jahren in Katar nicht anders sein. Es ist wichtig, sich mit den Problemen in den jeweiligen Ländern auseinanderzusetzen. Das erfordert das Studium des einen oder anderen Buches.

Kann eine so große Sportveranstaltung wie eine Fußball-WM in einem autoritären Land etwas zum Positiven verändern?

Kahn: Damit überfordert man den Fußball. Fußball kann auf bestimmte Themen aufmerksam machen. Das setzt jedoch voraus, dass die handelnden Akteure auch dazu bereit sind. Dass sie sich nicht zurückziehen auf den überstrapazierten Standpunkt: Fußball sollte man nicht mit Politik vermischen. Wieso eigentlich nicht? Fußball ist auch immer politisch. Jeder, der unten auf dem Platz steht, hat eine politische Ansicht oder eine Meinung zu bestimmten Ereignissen, die er durchaus äußern sollte.

Können die Schattenseiten des Sports Ihren Elan nicht bremsen?

Kahn: Das hat nichts mit Elan zu tun. Ich war immer dafür, gerade in schwierige Länder zu fahren und die Möglichkeit zu nutzen, bestimmte Probleme im jeweiligen Land anzusprechen. Die Geschichte zeigt, dass ein Boykott noch nie irgendetwas zum Positiven gewendet hat.

Freuen Sie sich eigentlich auf die Spiele der russischen Mannschaft?

Kahn: Ich bin gespannt, auf welchem Leistungsniveau sie sich bewegen. Die Russen haben in den letzten Jahren alles andere als guten Fußball gezeigt. Sie haben wenig Spieler herausgebracht, die im internationalen Fußball auf sich aufmerksam machen konnten.

Wie erklären Sie sich das? Die WM in Russland ist doch die teuerste aller Zeiten.

Kahn: Ich kenne mich nicht mit der Struktur des Fußballs in Russland aus. Ich weiß nur, dass es Zeiten gab, da sind wir ungern nach Russland gefahren, weil die Russen Top-Mannschaften hatten. Ich erinnere mich, wie wir 2008 mit Bayern München in der Euro-League relativ chancenlos in Sankt Petersburg ausgeschieden sind.

Ist der Erfolg einer Mannschaft planbar?

Kahn: Bis zu einem gewissen Grad auf jeden Fall. Das sieht man auch bei der deutschen Fußballnationalmannschaft. Da werden generalstabsmäßig Europa- und Weltmeisterschaften durchgeplant, und nichts wird dem Zufall überlassen. Das fängt bei der Quartierauswahl und der Trainingssteuerung an. Es geht mit der Spiel- und Taktikanalyse des Gegners weiter.

Wie weit funktioniert das?

Kahn: Fußball ist immer noch ein Spiel. Und bei einem Spiel ist immer der Zufall dabei. In den K.o.-Spielen passieren oft Dinge, mit denen trotz aller Planbarkeit keiner rechnen kann. Sei es eine Rote Karte, ein individueller Fehler, sei es ein Ball, der an den Innenpfosten geht und von dort raus oder eben rein. Den Zufall kann man nicht wegplanen.

Ist ein Sportler, der sich mit Psychologie beschäftigt, im Vorteil?

Kahn: Der Kopf ist ein enorm wichtiger Faktor. Wenn ich mich mit mentalen Aspekten auseinandersetze, dann bedeutet das, ich bin vorbereitet auf schwierige Situationen während eines Turniers, weil ich sie im Kopf möglicherweise schon durchgespielt habe.

In Ihrer Zeit als Profifußballer wollten Sie regelmäßig Ihre Grenzen überschreiten. Wo bekommen Sie eigentlich Ihre Kicks heute her?

Kahn: Seine Grenzen immer mal wieder zu überschreiten, ist die Herausforderung eines jeden Hochleistungssportlers. Wo ist meine Grenze, und kann ich darüber hinausgehen? Ich brauche das heute nicht mehr. Als ich meine Karriere beendet habe, war das noch ein paar Jahre schwierig. Aber ich mache heute ganz andere Dinge. Heute ziehe ich meine Befriedigung nicht mehr aus dem Adrenalinkick, sondern aus geschäftlichen Erfolgen und aus der Arbeit mit Menschen. Es sind heute nicht mehr die großen Glücksmomente auf dem Platz, sondern viele kleinere Glücksmomente.

Wie viele Stunden arbeiten Sie täglich?

Kahn: Das ist sehr unterschiedlich. Es kann sein, dass ich eine Woche in der Welt unterwegs bin und anschließend weniger mache, weil ich mich erholen muss. Und dann bin ich auch mal eine Woche jeden Tag im Büro. Ich kann mir das heute selbst einteilen. Allerdings wird es immer mehr in letzter Zeit. Das macht mir ein bisschen Sorgen.

Sie machen unter anderem die Keeper von Saudi-Arabien für die WM in Russland fit.

Kahn: Der Saudi-arabische Fußballverband und das Ministerium für Sport haben bei mir angefragt, ob ich mit meinem Unternehmen Goalplay die Ausbildung und Entwicklung der Torhüter in Saudi-Arabien unterstützen kann.

Wie denken Sie über Saudi-Arabien?

Kahn: Die aktuelle politische Situation verfolge ich mit Interesse. Nach meinen Gesprächen mit den Partnern vor Ort gehe ich davon aus, dass sie grundsätzlich neue und aus unserer Sicht positive Wege beschreiten wollen. Ein wichtiges sportliches Signal ist dabei unter anderem, dass auch Frauen seit kurzem in Begleitung ihrer Familien die großen Stadien des Landes besuchen können. Ich sehe meinen Beitrag als ein Mosaiksteinchen auf dem Weg zur angestrebten Öffnung und Modernisierung des Landes.

Was machen Sie dort genau?

Kahn: Neben der Ausbildung der Nationaltorhüter sieht die Kooperation den Aufbau der weltweit ersten Oliver-Kahn-Torwart-Academy in Saudi-Arabien vor. Wir wollen generell das Leistungsniveau der Torspieler auf den neusten Entwicklungsstand bringen.

Könnten Sie sich auch vorstellen, für die Russen zu arbeiten?

Kahn: Die verbindende Kraft des Fußballs zu nutzen und positive Anstöße zu geben, ist grundsätzlich nirgends verkehrt. Ich bin sehr viel in der Welt unterwegs, und es ist deutlich zu spüren, dass es im Fußballbusiness ein großes Interesse an dem Thema Ausbildung für Torhüter gibt. Wir sind spezialisiert auf diese Nische und bieten Verbänden und Vereinen auf der ganzen Welt unser Ausbildungsprogramm an.

 

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