Medellín - Ein Eigentor und sechs Schüsse vor 24 Jahren: Der ermordete Andrés Escobar

Ein Eigentor und sechs Schüsse vor 24 Jahren: Der ermordete Andrés Escobar

Von: dpa
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Andrés Escobar dpa
Der kolumbianische Fußballspieler Andrés Escobar am 22. Juni 1994. Als er versuchte, einen Schuss von US-Stürmer John Harkes während des WM-Spiels zwischen den USA und Kolumbien zu stoppen, schoss er ein Eigentor. Archivbild: dpa
Andres Escobar in Medellin Symbol Symbolbild: dpa
Die Büste des getöteten Fußballspielers Andrés Escobar in Medellín in Kolumbien. Archivbild: dpa

Medellín. Bei der WM vor 24 Jahren hatte der Abwehrspieler Andrés Escobar in den USA im Spiel gegen die Gastgeber ein Eigentor geschossen. Kolumbien verlor 1:2 und schied aus dem Turnier aus. Wenige Tage später wurde Escobar in Medellín erschossen.

Eingeschüchtert von Morddrohungen scheiterte das kolumbianische Team 1994 in den USA - nach der Rückkehr wird Kapitän Andrés Escobar wegen seines Eigentores erschossen. Zur Beerdigung des Nationalspielers kamen damals über 100.000 Menschen. Der Täter wurde ein Jahr später verurteilt.

Derzeit ermittelt die Polizei in dem südamerikanischen Land nach einem Medienbericht wegen Morddrohungen in den sozialen Netzwerken gegen den kolumbianischen Rot-Sünder Carlos Sanchez. Der Fall sorgt im Land des Teilnehmers bei der Fußball-Weltmeisterschaften in Russland für besondere Aufmerksamkeit, da er Erinnerungen an den Fall Andrés Escobar weckt.

Sanchez hatte bei der 1:2-Niederlage der Kolumbianer am Dienstag vor zwei Wochen gegen Japan gleich zu Beginn der Partie die Rote Karte gesehen und einen Elfmeter verursacht. Bei den Drohungen an Sanchez soll auch der Name Escobar gefallen sein.

Die fatalen Schüsse vom 2. Juli 1994 auf Escobar verfolgen Kolumbiens Seele noch heute. Die Erinnerung an den höchstbeliebten Anführer, der nach seinem verhängnisvollen Eigentor beim Weltturnier in den USA ermordet wurde, erklärt den langjährigen Niedergang des Fußballs in dem südamerikanischen Land.

„Wir werden niemals aufhören, an ihn zu denken oder zu fühlen, dass er einer von uns war“, betonte der frühere Nationalspieler Jorge Bermúdez im dpa-Gespräch im Jahr 2014. „Jeder kolumbianische Sieg wird auf eine gewisse Art auch seiner sein.“

1994 schwärmten alle Experten von Kolumbiens Zauberfußball. Die Mannschaft hatte vor der WM in den USA nur eine von 26 Partien verloren und Argentinien mit 5:0 abgefertigt, so dass nicht nur Pelé das Team als Titelanwärter erachtete. Doch das blutige Chaos rund um den Drogenkrieg in der Heimat begleiteten Los Cafeteros auch in die Vereinigten Staaten. In der Nacht nach dem 1:3 zum Auftakt gegen Rumänien wurde der Bruder von Luis Fernando Herrera getötet, Escobar konnte den Verteidiger noch überzeugen, zu bleiben.

Vor dem zweiten Spiel gegen die USA kam Trainer Francisco Maturana weinend in die Kabine, zahlreiche Wetter hatten daheim Geld verloren, das Team erhielt Morddrohungen. „ Sollte Barrabas Gómez spielen, würden sie uns alle umbringen“, berichtete Topstürmer Faustino Asprilla in einer 2010 ausgestrahlten Dokumentation des US-Senders ESPN. Der Mittelfeldspieler und der Coach beugten sich dem unmenschlichen Druck - „ich wusste, dass es um regionale Rivalitäten in der Heimat ging“, sagte Gómez und trat zurück.

Verängstigt und eingeschüchtert leisteten sich die technisch hochbegabten Kolumbianer ungewohnte Fehler - der schwerwiegendste von Escobar leitete mit dem Gegentreffer in der 35. Minute das 1:2 ein. Als der damals neunjährige Sohn von Andrés Schwester Maria Ester das Eigentor am Fernsehen sah, sagte er sofort: „Mommy, sie werden Andrés töten.“ Seine Mutter versuchte den Kleinen zu beruhigen und musste ihm wenig später doch die grausame Realität erklären.

Nach der Rückkehr aus den USA entschuldigte sich Escobar via TV bei der Nation für seinen Fauxpas. Vor der fatalen Nacht in Medellín warnten ihn noch Trainer Maturana und seine Teamkollegen, angesichts der unsicheren Lage vor die Tür zu gehen. Doch Escobar bestand darauf, „den Leuten mein Gesicht zu zeigen.“ Nach einer Streiterei vor einem Nachtclub wurde Escobar im Alter von 27 Jahren mit sechs Schüssen in seinem eigenen Auto hinterrücks niedergestreckt.

Humberto Muñoz, ein Leibwächter und Fahrer für Top-Mitglieder des kolumbianischen Drogenkartells, wurde wegen des Mordes zu 43 Jahren Haft verurteilt, aber wegen guter Führung schon nach elf Jahren wieder entlassen. Die Trauer über den Tod ihres verehrten Idols schlug bei den Anhängern schnell in Wut um. „Noch nicht einmal der Fußball konnte der Gewalt entfliehen, die Fans waren tief desillusioniert und verließen die Stadien“, erinnerte Mittelfeldspieler Chico Serna.

Zuvor hatten die Drogenbarone die heimischen Clubs noch zur Geldwäsche missbraucht, mit ihren Investitionen allerdings in die kontinentale Spitze geführt - mit der Eskalation beginnt der Absturz. Nach dem Vorrundenaus 1998 und dem Ende der goldenen Generation um Carlos Valderrama gelang erst nach dem Wiederaufbau der Strukturen 16 Jahre später erneut die Qualifikation für ein Weltturnier.

Bei der diesjährigen WM in Russland steht Kolumbien gegen England im Achtelfinale. Gespielt wird am Dienstag im Spartak-Stadion in Moskau. Anpfiff ist um 20 Uhr.

 

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