Rojko über Trainerzeit: „Professionelle Struktur ist kein Luxus“

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Hier blickt er noch über das Spielfeld auf die Tribüne. Am 16. Januar will er dann mit seinen Kindern das Spiel der „Ladies in Black“ als Zuschauer von den Rängen aus beobachten: Marek Rojko. Foto: Wolfgang Birkenstock

Aachen. Am Montag hatte der Cheftrainer der „Ladies in Black“ Aachen seinen letzten Arbeitstag. Der Volleyball-Bundesligist hat fristlos die Zusammenarbeit aufgekündigt. Einen Tag später sprach Roman Sobierajski mit Marek Rojko, dem „dieser Verein“ auf der einen Seite und „meine Mannschaft, meine Spielerinnen“ doch einige Male durcheinander gerieten.

Die „Ladies in Black“ haben Sie am Montag als Cheftrainer entlassen. Wie groß war die Überraschung?

Rojko: Nicht sonderlich, auch wenn plötzlich ein neuer Aspekt aufkam. Ich hatte schon Verbesserungen gesehen nach unserer Schwächephase, aber die Diskussionen sind über Weihnachten wohl weitergegangen. Das dürfte der letzte Tropfen gewesen sein. Mir wurde nur mitgeteilt, dass es unterschiedliche Auffassungen gebe, wie es weitergehen soll.

Was bedeutet das?

Rojko: Kann ich auch nicht sagen, ich kann auch nur Vermutungen anstellen. Der Wechsel soll wohl der Mannschaft einen neuen Impuls geben, einen Neustart ermöglichen. Seit Saisonbeginn hatte der Klub finanzielle Probleme, die wir als Team zunächst nicht so intensiv wahrgenommen haben, weil wir voll auf unseren Job konzentriert waren. Aber der Druck hat sich immer weiter aufgebaut. Dazu kam in den letzten Spielen, wie sich das Team präsentiert hat. Aber ich habe die Entlassung als Fakt akzeptiert, ich bin nicht verärgert.

Auch nicht traurig?

Rojko: Nein, wenn man mitbekommt, dass rund um die Mannschaft und das Trainerteam die Diskussionen laufen und einfach nicht enden wollen, muss man sich fragen, was los ist. Haben sie das Vertrauen in meine Kompetenz verloren? Wollen sie andere Spielerinnen in der Mannschaft? Gibt es andere Gründe?

Es klang der Vorwurf durch, dass Sie Probleme mit den deutschen und niederländischen Spielerinnen gehabt haben sollen . . .

Rojko: Das stimmt nicht, aber das will ich auch nicht diskutieren. Ich habe hier fast bei Null angefangen, als ich 2013 gekommen bin und seitdem wird über Grenzen gesprochen, über das, was nicht möglich ist. Laura Weihenmaier hat vorletztes Jahr ihre bislang beste Saison gespielt, die beiden Niederländerinnen haben den Sprung in die Startformation ihrer Nationalmannschaft geschafft. Und sollte es um die Arbeit mit jungen Spielerinnen gehen, kann ich nur sagen: Ich wollte die Verpflichtung von Jule Langgemach und Lene Scheuschner und habe Dora Grozer an das Bundesliga-Niveau herangeführt.

Gab es denn Probleme mit der aktuellen Kapitänin?

Rojko: Von meiner Seite aus nicht.

Als Sie im Sommer 2013 in Aachen angefangen haben, wurde ein Projekt über drei Jahre aufgelegt. Haben Sie jetzt den Eindruck, dass dieses Projekt abgebrochen wurde?

Rojko: Von meinem ersten Arbeitstag an habe ich gehört, dass eine neue Halle gebaut, eine neue Struktur aufgebaut werden, mehr Professionalität einkehren soll. Aber irgendwann habe ich das Gefühl verloren, dass wir uns insgesamt entwickeln, dass die Strukturen mit dem sportlichen Fortschritt mitwachsen können.

Ist eine Grenze erreicht oder überschritten worden?

Rojko: Alle haben am Limit gearbeitet, aber es hat nicht gereicht. Man braucht stabile, professionelle Strukturen in allen Abteilungen, sonst wachsen sich kleine Probleme irgendwann zu einem großen aus, und man steht schließlich in jeder Saison vor solchen Schwierigkeiten. Die Unterschiede zwischen der sportlichen Leistung und dem Drumherum waren irgendwann einfach zu groß, um langfristig zusammenzuarbeiten. Eine professionelle Struktur ist kein Luxus, sondern die Grundvoraussetzung.

Haben Sie vielleicht diese Limitierung nicht akzeptieren können?

Rojko: Nein, ich habe niemals gesagt, wenn wir eine bestimmte Spielerin nicht verpflichten, packe ich meine Sachen und gehe, sondern habe mich an den Gegebenheiten orientiert. Aber wir haben zum Beispiel keinen hauptamtlichen Sportdirektor. Reinhard Strauch ist sehr nett, aber auch beruflich sehr eingespannt. Manchmal ist dabei halt auch einiges auf der Strecke geblieben.

Wie ist das Verhältnis zu ihrem bisherigen „Co“ und jetzigem Nachfolger?

Rojko: Ich bin nicht überrascht, dass Manuel Hartmann in den kommenden Monaten Cheftrainer ist. Er ist motiviert, und er will. Aber er wird keine leichte Aufgabe haben. Es ist nicht mein Recht zu beurteilen, ob es funktionieren wird.

Sie sind auch slowakischer Nationaltrainer, und es gab die Kritik, dass Sie zu viele Ihrer Spielerinnen zu den „Ladies“ geholt haben.

Rojko: Ich hasse diese Diskussion. Es geht erstens um spielerische Qualität, zweitens um die Persönlichkeit, drittens um Disziplin...

. . . und viertens um die geringere Höhe des Gehalts?

Rojko: Genau. Alle Spielerinnen, die ich hierhin geholt habe, haben Qualität, sind loyal und professionell, einige sogar ein Vorbild, wie man Volleyball leben muss. Loyalität kann man nicht kaufen. So groß können die Fehler mit ihnen also nicht gewesen sein. Für die Zukunft kommt es darauf an, zu arbeiten und nicht nur zu reden. Von der Fanseite her ist Aachen die beste Adresse in Deutschland, auch wenn wir nur eine alte, kleine Halle haben.

Haben Sie Angebote, woanders als Trainer anzufangen?

Rojko: Ich hatte einige, als sich die Finanzprobleme auftaten, aber ich habe abgelehnt. Ich stand ja unter Vertrag. Jetzt bin ich wieder verfügbar und habe aktuell schon ein Angebot . . .

Aus der Bundesliga?

Rojko: Nein, ich glaube, der Markt in Deutschland ist dicht. Und ich will loyal bleiben, ich kann mir nicht vorstellen, vom 1. Februar an Trainer bei einem anderen Bundesligaklub zu sein und gegen mein Aachen zu spielen.

Loyal zu sein ist sicher nicht einfach, wenn man gerade vor die Tür gesetzt wurde . . .

Rojko: Natürlich, aber ich meine die Loyalität zu meiner Mannschaft, meinen Spielerinnen. Ich kann mir nicht vorstellen, in Kürze ein neues Team darauf vorzubereiten, mein altes zu schlagen. Zudem hat sich der PTSV-Vorsitzende Frank Schidlowski beim Kündigungsgespräch sehr respektvoll, ernst und fair verhalten. Wir haben danach sogar noch gemeinsam gegessen, das sagt einiges. Wegen meiner Kinder werde ich ohnehin noch einige Zeit in Aachen bleiben. Aber, was ist passiert? Niemand ist gestorben, das Leben geht weiter. Ich werde immer noch als Nationaltrainer arbeiten und wohl auch wieder einen neuen Verein finden.

Klingt fast so, als würde man Sie zukünftig als Zuschauer an der Neuköllner Straße erleben . . .

Rojko: Ich denke schon, dass ich am 16. Januar mit meinen Kindern kommen und das Spiel von der Tribüne aus genießen werde. Natürlich interessiere ich mich weiterhin dafür, wie die Mannschaft, wie meine Nationalspielerinnen auftreten.

In der VIP-Zone?

Rojko: Nein, das wohl nicht. Ich habe tatsächlich mit Frank Schidlowski darüber gesprochen, ob es Probleme bereiten würde, wenn ich erscheine. Er sagte, nein. Ich will ja nicht kommen und die Stimmung kaputtmachen. Die Spieltage waren für mich immer Höhepunkte: einen Kaffee trinken, in die Dienstkleidung schlüpfen und die Vereinigung von Team und Zuschauern erleben. Das war für mich hier in Aachen das Größte. Ich versuche, etwas ähnliches zu finden, aber das wird schwer werden. Ich möchte wirklich noch einmal vor die Fans treten und mich für die riesige Unterstützung bedanken.

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