Interview: Warum Brams Arbeit in Düren nachklingen soll

Von: Bernd Schneiders und Lukas Weinberger
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Nicht nur ein „Laptop-Trainer“: Anton Brams (rechts) sagt, er setze bei seiner Trainerarbeit auf eine Mischung aus Statistiken und Bauchgefühl. Foto: Guido Jansen
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Im Gespräch: Dürens Coach Brams (von rechts) erklärt den Redakteuren Bernd Schneiders und Lukas Weinberger seine Philosophie. Foto: Guido Jansen
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Im Fokus: Anton Brams (Mitte), Trainer der Powervolleys Düren, motiviert seine Mannschaft. Foto: Guido Jansen

Aachen. Als vor rund einem Jahr bei einer Pressekonferenz bekanntgegeben wurde, dass Anton Brams neuer Trainer der SWD Powervolleys Düren werden würde, haben viele davon gesprochen, dass beim Volleyball-Bundesligisten nun eine neue Ära beginne, Journalisten, Fans, die Verantwortlichen selbst. Brams, 27, ist ja noch ziemlich jung, er hat neue Ideen, eine andere Herangehensweise, Brams liebt Statistiken. Ein moderner Trainer eben – die neue Generation.

In Düren ist das ganz gut angekommen, die Powervolleys sind als Fünfter in die Play-offs eingezogen, sie sind im CEV-Pokal weit gekommen, ein neuer Trainer wird zur nächsten Saison dennoch kommen, nach nur einem Jahr. Nicht weil Düren Brams nicht mehr will, sondern Brams Düren, irgendwie. Der Trainer will sich auf seine Firma konzentrieren, mit der Spiele und Spieler analysiert werden. Im Interview spricht Brams über seine Entscheidung, den Trainerjob vorerst aufzugeben, den Wert von Statistiken, seine letzten Ziele mit den Powervolleys und das Potenzial des Volleyballs in Düren.

Herr Brams, haben Sie ihr Vorhaben, den Volleyball zu verändern, nach einer Saison schon aufgegeben?

Anton Brams (lacht): Nein, nein, auf keinen Fall. Ich gehe dem Volleyball ja nicht verloren.

… aber Sie sind in der nächsten Saison nicht mehr für das Wohl der Powervolleys Düren zuständig.

Brams: Wir werden auf jeden Fall auch nach der Saison in Kontakt bleiben, und das sage ich nicht, weil man das vor einem nahenden Abschied so sagt. Das wird wirklich so sein. Ich werde mit meiner Firma die Statistiken für die Bundesliga machen, unsere Software wird von einigen Vereinen benutzt, auch von Düren. Alleine dadurch wird es ja schon eine Verbindung zwischen mir und den Powervolleys geben.

War es schwierig sich gegen die Powervolleys und für Ihre Firma zu entscheiden?

Brams: Auf jeden Fall, ich habe lange darüber nachgedacht. Ich bin aber zu dem Schluss gekommen, dass ich der Mannschaft nicht mehr gerecht werden kann, wenn ich beides mache – also Trainer zu sein und die Firma voranzutreiben. Die Spieler brauchen jemanden, der 120 Prozent für sie gibt. Jetzt klappt es noch gut, aber die Auftragslage für die Firma hat sich nun einmal so gut entwickelt, dass ich da ab August alle Hände voll zu tun haben werde.

Würde es nicht ausreichen, wenn Sie die Entwicklung der Firma einfach überwachen und beratend tätig sind?

Brams: So weit sind wir noch nicht. Ich mache das jetzt auch, damit es später vielleicht mal so sein könnte. Jetzt aber sind die ersten Erfolge da, es ist Zeit, das zu stabilisieren. Und wenn ich das nicht mache, kommt jemand anderes und macht es schneller.

Was ist das Besondere an dem, was Sie und Ihre Firma anbieten?

Brams: Es geht bei uns vor allem um die Analyse von Spielern und Spielen, die sich während eines Spiels ergeben, und deren Bereitstellung für Vereine, Verbände und Medien. Das Schöne am Volleyball ist ja, dass der Sport sehr strukturiert ist, dadurch gibt es viele aussagekräftige Statistiken.

Man darf drei Mal den Ball berühren, es gibt sehr viele Punkte. Ich kann jede einzelne Situation betrachten – und sehen, ob sie zum Erfolg führt oder nicht, ob sie einen Punkt bringt oder nicht. Das ist etwas, was man Spielern und Trainer recht einfach erklären kann. Damit haben wir angefangen, und daraus hat sich eine riesige Datenbank entwickelt. Wir haben fast 100.000 Spieler aus der ganzen Welt darin, insgesamt rund 50 Ligen.

Kommen diese Erkenntnisse während eines Volleyball-Spiels zum Einsatz?

Brams: Ja und nein. Für die Medien schon, für die Mannschaften nicht. Live-Statistiken während der Partie sollen eher aufzeigen, ob meine Strategie die richtige ist oder der Spieler gerade wirklich eine schlechte Phase hat.

Schärft eine so analytische Herangehensweise die Sinne? Sieht man ein Volleyballspiel anders?

Brams: Ja. Die größte Hilfe ist, dass man weiß, wo man hinschauen muss, obwohl auf dem Feld so viel gleichzeitig passiert.

Für diese analytische Herangehensweise ist der Begriff des „Laptop-Trainers“ erfunden worden. Ist es nicht gefährlich, sich nur auf solche Daten zu stützen?

Brams: Es geht nicht darum, sich auf seinen Laptop zu verlassen. Es gibt ja Dinge, die sich nicht messen lassen: Ein Spieler kann einer Mannschaft zum Beispiel Sicherheit geben, auch wenn er nicht seinen besten Tag hat. Ein guter Trainer weiß, wann er sich auf seinen Bauch und wann auf seinen Laptop verlassen muss. Die menschliche Intuition kombiniert mit statistischen Wissen ist unschlagbar. Das ist meine Philosophie.

Auch Statistiken können also die Unberechenbarkeit nicht zerstören…

Brams: Nein, eigentlich nicht. Ich sage auch den Spielern immer, dass ihre Intuition über der Strategie steht. Das ist eine feine Linie, es braucht auch Zeit, so etwas umzusetzen.

Gibt es denn auch Spieler, die sich so einer Berechenbarkeit generell entziehen?

Brams: Auf jeden Fall solche, die es einem sehr, sehr schwierig machen. Und vor allem bei Top-Teams ist das immer so eine Sache: Wir entwickeln ja beispielsweise eine Strategie, um den Gegner zu zwingen, die schwächere Variante im Offensivspiel zu nutzen, aber die kann trotzdem noch gut sein. Den Ball abwehren und verwandeln müssen wir dennoch selbst. Statistiken sind immer nur Unterstützung und Hilfe.

Besteht nicht die Gefahr, sich zu sehr am Gegner zu orientieren?

Brams: Das darf natürlich nicht passieren. Grundvoraussetzung für Erfolg ist eine homogene Mannschaft, die die Basics beherrscht und lernwillig ist. Wenn der Gegner dann auf dem gleichen Niveau ist, das Team an ihr Leistungsniveau herankommt, dann können Statistiken die letzten fünf bis zehn Prozent ausmachen, die zum Sieg führen.

Wie gehen Ihre Spieler damit um, dass Sie auf viele Statistiken zurückgreifen und sie damit zu sogenannten gläsernen Profis machen?

Brams: Eigentlich sehr gut. Es kommt ja auch immer darauf an, wie man so etwas kommuniziert. Es ist kein Kontrollmechanismus. Wenn ein Spieler alles dafür gibt, seinen besten Volleyball aufs Feld zu bringen, hat er sich nichts vorzuwerfen. Ich selbst nutze die Statistiken, um Informationen über die Mannschaft zu bekommen, zur Trainingssteuerung, aber ich gebe relativ wenige an die Spieler weiter. Was sie bekommen, sind Statistiken zur Entwicklung. Etwa eine, die zeigt, dass sich der Spieler im Verlauf der vergangenen fünf, sechs Partien im Angriff um ein paar Prozent verbessert hat.

Sieht Ihr Training auch abseits aller Technik anders aus als das von Kollegen, die schon weitaus erfahrener und älter sind als Sie mit 27 Jahren?

Brams: Ein bisschen schon, gerade in Sachen Eigenverantwortung der Spieler. Wir haben 14 Volleyballer und zwei Trainer, es ist unmöglich, da alles zu sehen. Ich habe den Spielern versucht zu vermitteln, wie sich eine richtige und wie sich eine falsche Bewegung anfühlt, so dass sie sich auch ein bisschen selber coachen können. Wir entwickeln unsere Strategien immer zusammen. Ältere Trainer würden diese Verantwortung vielleicht nicht abgeben wollen. Aber das sind alles hochintelligente Volleyballer da auf dem Feld – warum sollte ich das nicht nutzen?

Sie selbst mussten Ihre Karriere wegen Verletzungen schon früh beenden. Haben Sie das Rüstzeug für den Trainerjob da dennoch schon mitnehmen können oder mussten Sie sich das aneignen?

Brams: Ich habe es in der Halle bis in die Zweite Liga geschafft, im Beachvolleyball bis in die Juniorennationalmannschaft, und hatte relativ viele Trainer. Ich habe schon immer wieder darüber nachgedacht, was mir als Spieler geholfen hat, wie ich getickt habe. Und das ist ja auch noch recht frisch, weil es noch nicht lange zurückliegt.

Gibt es weitere Vorteile?

Brams: Es ist ja so, dass man in keinem Beruf je aufhört zu lernen. Und wer früher anfängt, hat natürlich mehr Zeit zu lernen (lacht). Meine erste Trainerstation habe ich mit 19 Jahren angetreten, in der Bezirksliga. Wir sind dann zwei Mal hintereinander aufgestiegen.

War diese Trainerlaufbahn also von Anfang eingeplant?

Brams: Eigentlich wollte ich nie Trainer werden, das hat sich so ergeben. Ich habe Spaß an dem, was ich mache, und das ist ein gutes Gefühl.

Am Samstag steht für Sie und Ihr Team das erste Play-off-Viertelfinale in Lüneburg an. Was ist in dieser Saison noch möglich?

Brams: Ich bin ja kein großer Freund von Zielen, aber wenn wir unser Bestmögliches abrufen, wird auch das Resultat am Ende gut sein. Wir wissen, dass Lüneburg zu Hause schwer zu schlagen ist; wir erkennen an, dass sie – nachdem sie Berlin und Friedrichshafen geschlagen haben – verdient Vierter geworden sind. Wir wollen die Lüneburger in die Situation bringen, in der wir jetzt gerade stecken: dass sie auswärts bei uns in Düren gewinnen müssen. Wenn wir das erste Spiel gewinnen, müssen sie in unserer Halle siegen – sonst sind sie raus.

Können Sie denn schon jetzt eine Bilanz nach Ihrer Amtszeit ziehen?

Brams: Das war ein gutes Jahr. Klar, wir sind am Ende „nur“ Fünfter geworden, aber die Spieler haben sich weiterentwickelt, wir sind im CEV-Pokal richtig weit gekommen. Und Düren hat wieder gezeigt, dass sich junge, hungrige Spieler hier in den Fokus spielen können.

Was ist für die Powervolleys denn generell in Zukunft noch möglich?

Brams: Der Umbruch vor der Saison ist ja bewusst geschehen. Und etwas aufzubrechen, führt erst mal zum Rückschritt. Es dauert seine Zeit, bis man über die Ausgangssituation hinauskommt.

Davon könnten also nicht Sie, sondern nur Ihr Nachfolger profitieren…

Brams: Das ist doch okay, ich brauche kein Schulterklopfen. Es geht darum, einen guten Job zu machen, und einen guten Job machen heißt, nachhaltig zu arbeiten. Ein Trainer sollte daran gemessen werden, wie der Zustand der Mannschaft ist, wenn er sie seinem Nachfolger übergibt.

Können Sie sich vorstellen, dass eine Deutsche Meisterschaft für Düren irgendwann keine Illusion mehr ist?

Brams: Die Strukturen sind da. Die Arena ist super, es gibt gute Sponsoren, eine tolle medizinische Versorgung, wir haben eine ideale Kooperation mit einem Fitnessstudio. Die Voraussetzungen sind sehr gut.

Mangelt es also nur am Geld?

Brams: Geld ist natürlich im Profisport der Dreh- und Angelpunkt. Gerade im Volleyball ist der Unterschied zwischen den ersten beiden Mannschaften und dem Rest der Liga gravierend.

Wie könnte man das ändern in Düren?

Brams: Ich glaube, dass das kein Dürener Problem ist, sondern eines des gesamten Volleyballs. Lösen können das nur alle Vereine gemeinsam, mit dem Verband, mit der Liga. Der Sport muss präsenter in der Öffentlichkeit werden, da versuchen wir auch als Firma einen Anteil zu leisten.

Wenn Sie denn jetzt bei einem der Vereine angestellt gewesen wären, der über größere finanzielle Möglichkeiten verfügt: Würde Anton Brams dann vielleicht nächste Saison doch als Trainer arbeiten?

Brams: Nein. Die Entscheidung war zwar irgendwo schon finanziell bedingt, aber nur weil ich glaube, dass das Potenzial der Firma so groß ist, dass es lukrativer ist, sich darauf zu konzentrieren, als weiter eine Mannschaft zu trainieren. Das hätte ich auch als Coach von Berlin oder Friedrichshafen so entschieden. Und da spielen ja auch andere Dinge eine Rolle…

Welche?

Brams: Ich gewinne ja auch zeitliche Unabhängigkeit. Ich bestimme meinen Tagesablauf selbst, muss nicht zu Auswärtsfahrten, ich kann mit meinem Computer wann und von wo aus ich will arbeiten. Das ist ein Stück Freiheit, das man nicht unterschätzen sollte.

Spielt die Familie eine Rolle?

Brams: Na klar. Ich habe eine Frau und einen 14 Monate alten Sohn, und die habe ich natürlich gerne um mich. Sie werden auch mitkommen, wenn ich ab Mai für die Vorbereitung der US-Nationalmannschaft auf die Olympischen Spiele für ein paar Monate nach Amerika reise (Brams gehört unter anderem auch als technischer Koordinator zum Trainerstab, Anm. d. Red.). Und danach gilt die volle Konzentration dann der Firma.

Können Sie sich vorstellen, irgendwann wieder als Cheftrainer zu arbeiten?

Brams: Klar, warum denn nicht? Ich bin noch jung, und wenn ich in drei oder vier Jahren an die Seitenlinie zurückkehren sollte, wäre ich wahrscheinlich noch der jüngste Trainer der Liga und hätte noch genug Zeit, Dinge zu entwickeln.

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