Alemannia-Trainer ärgert sich über verkorkste Saison

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Nachdenklicher Blick: Aachens Trainer Stefan Falter sieht bei einem Neustart auch neues Personal in der Verantwortung. Foto: Birkenstock

Aachen. Mit einem vielversprechenden Auftaktsieg über Aurubis Hamburg und großen Erwartungen starteten Alemannia Aachens Bundesliga-Volleyballerinnen in die fünfte Saison in der Eliteklasse. 21 Spieltage später steht der sportliche Abstieg fest, ob es eine weitere Spielzeit in der Erstklassigkeit gibt, hängt davon ab, ob kein aufstiegsberechtigter Zweitligist die Option wahrnimmt.

Über Gründe und Ursachen für die Misere sprach Roman Sobierajski mit Alemannia-Trainer Stefan Falter.

Lassen Sie uns über die einzelnen Spielelemente reden: Die Mannschaft hatte erhebliche Probleme vor allem in der Annahme.

Falter: Die Qualität der Annahme wird auch im Frauen-Volleyball zunehmend wichtiger. Die Dauer der Ballwechsel ist deutlich kürzer geworden, die Zahl der Netzüberquerungen liegt im Schnitt nur noch bei 1,8. Wir hatten diese Entwicklung bereits vor der Saison erkannt, im Fazit nach der Saison ist keine unserer Annahmespielerinnen im Topbereich unter den besten 30.

Die weitaus meisten gegnerischen Aufschläge hatten Karolina Bednarova als Adressaten . . .

Falter: Das hat sich im Lauf der Saison entwickelt. Karolina ist die emotionale Leaderin im Team, Wenn man versucht, sie auf diese Art rauszunehmen, kann man darin auch ein gegnerisches Konzept sehen. Aber generell waren wir durch die Verletzungen von Laura Weihenmaier und dann Nikolina Kovacic in unseren Variationsmöglichkeiten sehr beschränkt. Wir konnten nicht mehr wechseln, niemanden mehr entlasten. Wir mussten sogar zwei der letzten sechs Spiele ohne Libera antreten.

Kann man für Laien erklären, was es bedeutet, ohne Libera zu spielen?

Falter: Das bedeutet hoffnungsloses Unterfangen. Mittlerweile wird in der Liga schon das System mit zwei Libera praktiziert, eine für die Annahme, die andere für die Abwehr. Das geht natürlich nur mit einem Kader von 14 Spielerinnen und zwei Libera. Diese Möglichkeiten haben wir nicht.

War dann die Zuspielqualität verbesserungsfähig, weil die Annahmequalität schlecht war?

Falter: Bei Karen Lißon besteht sicher noch Entwicklungspotenzial. Aber in den letzten Spielen hat sie sehr viele Einerblock-Situationen geschaffen, nur unsere Angreifer haben den Ball nicht auf den Boden bekommen. Lucy Wicks ist bei schlechter Annahme effektiver, weil sie schneller mit den Beinen ist. Aber generell ist die notwendige Präzision beim ersten Tempo nie stabil geworden.

Wie sehen die Erkenntnisse im Angriff aus?

Falter: Kovacic hat im Angriff eigentlich nur die Möglichkeit, den Block anzuschlagen. Darauf kann man sich als Gegner schnell einstellen. Laura Weihenmaier kann angriffshart schlagen und hat auch viel Spielwitz, das eröffnet mehrere Lösungsmöglichkeiten. Sie hatte aber durch ihre Verletzung an Handlungshöhe verloren, das hat sich erst in den letzten Spielen wieder eingestellt. Karolina ist aus einer guten Annahme heraus immer top, aber keine Powerhitterin wie Karine Muijlwijk. Zudem hatten wir durch die vielen Verletzungen keine Variationsmöglichkeiten. Wir hatten insgesamt nur vier Partien, in denen Weihenmaier und Kovacic gemeinsam zur Verfügung standen.

Geht die Entwicklung im Frauen-Volleyball dahin, dass die Diagonalangreiferin immer wichtiger wird für das erfolgreiche Spiel?

Falter: Das Spiel wird immer mehr auf eine große, starke Diagonalangreiferin zugeschnitten. Karine Muijlwijk ist eigentlich die letzte, die klein ist und nur von ihrer Sprungkraft lebt. Sie hat im Angriff die gleiche Handlungshöhe, im Block ist das aber nicht von Vorteil.

Das Thema Verletzungen zieht sich wie ein roter Faden durch die komplette Saison. War der Kader mit elf Spielerinnen einfach zu klein?

Falter (lacht): Wir haben uns ja schon von zehn auf elf verbessert. Nein, im Ernst: Ich kann nicht mehr verlangen, wenn es der Etat nicht hergibt. Und ich als Trainer treffe nicht die Entscheidung, ob wir lieber mit 14 Akteurinnen auf einem weniger hohen Niveau oder mit nur elf vermeintlich besseren in die Saison gehen. Beim Start der Vorbereitung waren nur drei Spielerinnen da. Alle Vorbereitungsturniere haben wir mit Gastspielerinnen bestritten. Ich habe keinen Einfluss darauf, ob die sportliche Leitung einen 14köpfigen Kader besorgen kann. Da spielen auch finanzielle Aspekte eine herausragende Rolle.

Sie haben vier Spielzeiten mit ungefähr dem gleichen Etat überlebt. Haben die anderen Klubs finanziell derart aufgerüstet, dass Sie ins Hintertreffen geraten seid?

Falter: In der Saison 2011/12 haben wir den Klassenerhalt auch aufgrund der ersten acht Spiele mit Angelina Grün geschafft, weil wir da viele Punkte geholt haben. Was wir in der abgelaufenen Spielzeit verkannt haben, war die enorme Steigerung der Saisonetats bei der Konkurrenz. Alle Teams haben einen Co-Trainer oder sogar zwei, alle haben mindestens einen Scout, wenn nicht zwei. Und dabei rede ich nicht von der absoluten Spitze, sondern von Köpenick, Suhl, Potsdam oder Hamburg. Als Trainer bin ich de facto in Aachen ein Ein-Mann-Unternehmen, einen Scout, der die Stärken und Schwächen der nächsten Gegner analysiert, gibt es nicht. Wir haben kein Geld, um diese Leute zu bezahlen. Die Konsequenz daraus war: Ich habe bis zum Ende der Hinrunde den Scout aus eigener Tasche bezahlt, der konnte aber nur zwei Spiele pro Woche scouten. In der Rückrunde konnte ich nur noch Spielvideos am Stück zeigen, vom ersten bis zum letzten Ballwechsel. Das ist lächerlich und nicht konkurrenzfähig. Es stellt sich also gar nicht die Frage, elf oder 14 Spielerinnen, es scheitert schon an Co-Trainer oder nicht, Athletik-Trainer oder nicht, Scout oder nicht.

Darüber hinaus: Die Trainingsbedingungen sind in Aachen auch alles andere als optimal, oder?

Falter: Köpenick etwa hat eine Dreifachhalle mit Aufwärmhalle direkt daneben, Kraftraum, Entmüdungsbecken und Physiotherapieraum. Die Trainingszeiten sind völlig frei wählbar. In Potsdam ist die Situation ähnlich. Ich muss drei Mal in der Woche von 15 bis 17 Uhr trainieren lassen. Wir können erst um Punkt 15 Uhr in die Halle zum Aufbauen und müssen um 16.50 Uhr raus sein, weil die nächste Gruppe kommt. Nach intensivem Training braucht ein Sportler sieben Stunden zur Regeneration. Wann soll ich dann morgens trainieren lassen? Von sechs bis acht? Das ist alles nicht sonderlich vernünftig und hat Konsequenzen. Und gute Athletik ist einfach wichtig, um die Spielerinnen vor Verletzungen zu verschonen.

Es klingt so, als ob Sie als Trainer Unterstützung vermissen.

Falter: In jedem Verein entscheidet eine sportliche Leitung über die Rahmenbedingungen. Meine Aufgabe als Trainer ist es eigentlich, als Angestellter des Vereins für ein gutes Training zu sorgen. Ich muss mich allerdings auch darum kümmern, dass eine Spielerin ihren Termin beim Physio wahrnimmt, oder muss herausfinden, warum sie nicht erschienen ist. Ich bin für die Pizza-Bestellung beim Auswärtsspiel zuständig und dass die Hotelrechnung bezahlt wird. Davon könnte ich noch Dutzende Beispiele bringen. Darauf habe ich, ehrlich gesagt, keinen Bock mehr. Strukturen schaffen, das heißt Investment, und zwar nachhaltig.

Klartext: Warum ist die Mannschaft nun abgestiegen? Liegen die Ursachen vielleicht in diesem Bereich?

Falter: Nein, wir sind sportlich abgestiegen. Die Annahmequalität stimmt nicht, die Variabilität im Zuspiel war nicht gegeben.

Im Fußball haben unterklassige Teams immer eine Chance. Warum ist das im Volleyball nicht so?

Falter: Im Fußball kann man durch Kampf und Körpereinsatz viel erreichen. Man kann unfair spielen, kann sich mit zehn Mann hinten rein stellen. Im Volleyball ist immer eine Handlungskette mit allen Beteiligten gegeben. Vergibt man im Fußball eine Chance, wird eben die nächste genutzt. Im Volleyball bedeutet jede vergebene Chance einen Punkt für den Gegner. Das Team mit der höheren Qualität geht stets als Sieger vom Platz.

Wird sich in der kommenden Saison irgendetwas zum Positiven ändern?

Falter: Diese Frage müssen andere Leute beantworten. Aber ich kann mich als Trainer nicht allein während des Spiels um Angriffskonzeption, Blockstrategie, Aufschlagstrategie, Abwehr-Feldformationen, Zuspiel, individualtaktische Entscheidungen des Mittelblockers und Lesen des gegnerischen Zuspiels kümmern. Wer etwas anderes behauptet, ist ein Lügner.

Von Reinhard Strauch stammt der Satz, Stefan Falter wird in der kommenden Saison auf jeden Fall noch in einer wichtigen Funktion da sein. Bedeutet das nun als Trainer, oder wie ist der Satz zu deuten?

Falter: Ich glaube aus zwei Gründen nicht daran: Diese Saison hat bei jedem Spuren hinterlassen. Es gab für den riesigen Einsatz kein Aufwiegen durch euphorisierende Erlebnisse, durch Beglückung. Ich brauche Freude bei dem, was ich tue. Der zweite Grund ist, wenn man sagt, man will einen Neustart, sollte man das auch mit neuem Personal machen. Der Ballast wäre zu groß, wenn Stefan Falter weiter Trainer wäre. Man muss sehr sorgfältig überlegen, ob man sich dieser Belastung noch einmal aussetzt. Ich mache das jedenfalls nicht noch einmal.

Sie wirken sehr verärgert . . .

Falter: Ehrlich gesagt, ich fühle mich verarscht. Und habe das der Leitung auch so mitgeteilt. Man kann nicht mit einer zweitklassigen Struktur antreten und sagen, der Trainer wird‘s schon richten. Ich habe zu Saisonbeginn gedacht, das wäre zu schaffen. Aber das war wohl Selbstüberschätzung.

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