Wenig Country und eine Box voll Colo-Rado

Von: chc
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Das typische Reining-Publikum gibt es nicht – aber lautstark sind auch die niederländischen Fans. Foto: Michael von Fisenne

Mit dem Country ist es ja so, dass er ihm mittlerweile ziemlich auf die Nerven geht, sagt Boris Kook. Der Pick-Up kaputt, die Frau weggelaufen, der Hund tot, immer das gleiche Lied sei das doch. Er jedenfalls mag keinen Zweifel daran lassen, dass er es nicht mehr hören kann.

Kook, 37, trägt auf dem Kopf einen Cowboy-Hut, an den Füßen Lederstiefel und das Westernreiten im Herzen. Wenn noch nicht mal er mehr Country hören mag, darf man beginnen, sich um die Zukunft dieser Musikrichtung zu sorgen.

Kook verbringt während der Reit-EM viel Zeit im Dressurstadion, weil dort die Reining-Wettbewerbe ausgetragen werden. Er lässt die Musik einspielen, wenn die Sportler in die Arena gehen. Viel Rock, ein bisschen Charts, kaum Country. Dazwischen kündigt Kook die Starter an und nennt wenig später ihre Ergebnisse. Er ist der Sprecher. Seine Worte sind von einem breiten amerikanischen Akzent gefärbt, dabei wurde Kook in einer kleinen Stadt nahe Bremen geboren. „Aber da waren viele amerikanische Soldaten stationiert“, sagt er. Zum Reining ist er gekommen, weil seine Familie seit Jahrzehnten American Quarter Horses züchtet. So heißen die Pferde, auf denen die Wettbewerbe ausgetragen werden.

Orkan durchs Stadion

Es gibt Sprecher, die sehen es als Teil ihrer Aufgabe, in der Halle für Stimmung zu sorgen. Kook sieht das nicht so. Muss er auch nicht. Die Stimmung ist bestens. Egal ob in der Qualifikation oder im Finale, unerheblich ob Mannschaftswettbewerb oder Einzelwertung: Die Zahl der Zuschauer mag variieren. Laut ist es immer.

In der Dressur wird bedächtig beobachtet, und wenn der Reiter aus dem Viereck kommt, gibt es Applaus. Mal mehr, mal weniger. Beim Springen wird die Stille auf den Tribünen nur vom Raunen nach einem Abwurf unterbrochen. Bleibt der Umlauf fehlerfrei, folgt auf die Ruhe der Sturm, weil das Publikum einen Orkan durchs Stadion toben lässt, sobald das letzte Hindernis genommen ist. Beim Reining ist der Orkan kein Dauerzustand. Aber es geht in diese Richtung.

Spin heißt das Manöver, bei dem sich Reiter und Pferd auf der Stelle drehen, linksrum, rechtsrum. Wenn die Menschen im Publikum das sehen, dann pfeifen sie, sie schreien und johlen. Manche machen „Wuuh-wu-wu-wu-wuuh“. Oder so ähnlich. Die Stops, das abrupte Stehenbleiben aus vollem Lauf, werden vor allem vom Auslösegeräusch der Kameras begleitet. Wenn eine Reiterin im Glitzerkostüm in die Arena kommt, ändert sich auch gerne mal die Tonlage der Pfiffe. Sie wird dann etwas eindeutiger.

Das typische Reining-Publikum gibt es nicht. Auf der Tribüne ist die Cowboy-Hüte-Dichte bestenfalls leicht erhöht, und T-Shirts, auf denen zwei Colts ihre Läufe kreuzen, sind die Ausnahme. Klischees werden auf den Tribünen jedenfalls kaum erfüllt.

Im Regieraum auch nicht. Dort sitzt Sprecher Boris Kook und achtet darauf, dass wenig Country gespielt wird. Viele Bildschirme, eine Menge Kabel und Stühle auf Rädern. Es ist ein funktioneller Raum. Über den Kook sagt: „Zu wenige Fenster und ein bisschen zu klein.“ Eine runde Plastikbox mit Fruchtgummi hat trotzdem rein gepasst. Colo-Rado. Was auch sonst?

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