Reining ist „wie Eiskunstlaufen. Auf einem Pferd.“

Von: Christoph Claßen
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Ein Stop, der Staub aufwirbelt: Grischa Ludwig zeigt ein fürs Reining typisches Manöver. Foto: sport/Rau
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Show-Begleitung: Grischa Ludwig mit Hut.

Aachen. Wenn Grischa Ludwig, 41, seine Verbindung zum Reitsport beschreibt, dann sagt er, er sei auf dem Pferd geboren worden. Es war jedenfalls eine sehr enge Verbindung, von Beginn an. Warum er früher trotzdem lieber auf dem Fahrradsattel saß, weshalb er sich später für das Westernreiten entschieden hat und was er macht, wenn er in Aachen nicht Europameister im Reining wird, darüber spricht Ludwig im Interview.

Hallo Herr Ludwig.

Ludwig: Grüß Gottle.

Was machen Sie gerade?

Ludwig: Ich fahre mit meinem Tretroller übers Gelände.

Sie sind auf einem Tretroller unterwegs?

Ludwig: Ja, der Hof ist halt relativ groß. Wir haben hier gerade ein Turnier. Da muss ich überall mal vorbeischauen.

Verstehe. Tragen Sie einen Hut?

Ludwig: Nein. Eine Baseball-Kappe. Wieso?

Na ja, Menschen, die Reining betreiben tragen doch normalerweise einen Hut. Einen Cowboy-Hut.

Ludwig: Und die Dressur-Reiter tragen einen Zylinder. Und die Springreiter einen Helm.

Soll heißen: Der Cowboy-Hut ist für einen Reiner Arbeitskleidung.

Ludwig: Streng genommen gehört der Hut nicht zur Arbeitskleidung. Er ist mehr reine Show-Begleitung.

Privat tragen Sie keinen Cowboy-Hut?

Ludwig: Ja sind Sie wahnsinnig? So stark kann die Sonne gar nicht scheinen.

Aber zum Reining gehört er dazu.

Ludwig: Klar. Unsere Reitweise ist eben vom amerikanischen Cowboy inspiriert.

Jetzt haben wir viel über Hüte gesprochen. Aber zum Reining gehört natürlich noch ein bisschen mehr. Was macht den Sport aus?

Ludwig: Es ist die gleiche Faszination, die vom Pferdesport grundsätzlich ausgeht: Zwei Lebewesen, die sich zusammenraufen müssen, um gemeinsam gewisse Prüfungen zu bestehen. Das macht den Reitsport aus. Da liegt der Unterschied zum, sagen wir mal, Radsport. Da komme ich ja ursprünglich her.

Sie waren Radsportler?

Ludwig: Als Jugendlicher.

Erfolgreich?

Ludwig: Mehr oder weniger.

Das heißt?

Ludwig: Ich wäre wohl in diese Richtung gegangen. Ich habe viele Sportarten gemacht, Leichtathletik, Bogenschießen. Alles mögliche. Nur nicht Reiten.

Wo Sie dann aber doch gelandet sind.

Ludwig: Ich bin ja quasi auf dem Pferd geboren, war durch meine Eltern vorbelastet. Mein Vater leitet ein großes reittherapeutisches Zentrum. Für mich gehörte Reiten zur Pflicht. Wahrscheinlich war es deswegen so, dass ich als Jugendlicher alles andere wollte, nur nicht reiten. Ich hab‘ dann ein, zwei Mal darüber nachgedacht und dann doch gemerkt, dass es mir großen Spaß macht.

Warum ausgerechnet Reining?

Ludwig: Als Jugendlicher hat mir die Art und Weise gefallen. Westernreiten ist unglaublich lässig. Und Reining ist die Königsdisziplin innerhalb der Westernreiterei. Wenn ich gefragt werde, was ist das Besondere am Reining, sag‘ ich immer: „Es ein bisschen wie Eiskunstlaufen. Auf einem Pferd.“

Sie werden hoffentlich verstehen, dass Sie das erklären müssen.

Ludwig: Reinig ist unwahrscheinlich spektakulär. Es geht um ganz genaues Reiten. Es ist viel Rasanz dabei, es ist Ruhe dabei. Dieses Wechselspiel ist sehr anspruchsvoll. Und dadurch, dass das Ganze am losen Zügel geritten wird, ohne viele Hilfen, wird es noch anspruchsvoller. Und dann sind da natürlich noch die Pferde, die American Quarter Horses.

Erzählen Sie von den Pferden.

Ludwig: Das American Quarter Horse war das schnellste Pferd auf der Viertelmeile. Heißt: Ich habe es nicht mit einem lahmen Pferd zu tun. Gleichzeitig ist es ein unwahrscheinlich ruhiges Pferd.

Eine einzigartige Kombination?

Ludwig: Normalerweise habe ich entweder ein Rennpferd. Das ist etwas schwieriger im Handling. Oder ich habe ein ruhiges Pferd, einen Kaltblüter etwa, und da fehlt halt dann der sechste Gang. Das Quarter Horse ist ein ruhiges Pferd, mit dem ich trotzdem sehr rasante Manöver machen kann.

Klingt, als sollte man sich das mal anschauen. Ist das Interesse am Reining in den vergangenen Jahren gewachsen?

Ludwig: Die Entwicklung ist erfreulich. Ich denke, in Deutschland weiß man mittlerweile, was Westenreitsport ist. Und mit dem wird meistens Reining verbunden, auch wenn der Name vielleicht noch nicht so geläufig ist. Gut, es gibt natürlich Hochburgen.

Wo liegen die?

Ludwig: Nicht in Norddeutschland. Generell lässt sich sagen: Dort wo der Spring- und Dressursport stark ist, sind wir schwach. Wir sind eher süd-, südwestlastig. Bayern, Baden-Württemberg, Pfalz, Nordrhein-Westfalen: Da sind die stärksten Regionalgruppen unseres Sports.

Und im europäischen Vergleich?

Ludwig: Innerhalb Europas ist Deutschland in Sachen Westernreiten sicherlich am besten aufgestellt. Hier ist es zu einem Breitensport geworden. Das ist in den angrenzenden Ländern nicht annähernd so. In Deutschland gibt es mit Abstand die meisten Westernreiter und Reiner. Im Leistungssport waren die Italiener schon immer ein starker Konkurrent, die waren uns oft eine Nasenlänge voraus. In letzter Zeit sind auch die Belgier sehr stark, die aber in Aachen nicht am Start sind.

Würden Sie sagen, dass Reining mittlerweile die Anerkennung erfährt, die es verdient?

Ludwig: Ich würde sagen, dass man immer die Anerkennung bekommt, die man verdient.

Sehr diplomatisch.

Ludwig: Ich bin nicht sicher, ob wir es verkraften würden, wenn wir bereits jetzt stärker in den Medien vertreten wären. Ein Sport muss wachsen. Unser Sport ist sehr jung. Wenn er zu schnell wächst, ist er auch schnell wieder weg. Solange wir beständig in der Breite wachsen – und das tun wir – mache ich mir keine Sorgen. Ich denke, in den vergangenen Jahren hat sich beinahe jede Sportart außer Fußball schwer getan. Fußball bestimmt momentan einfach alles. Das soll jetzt nicht unbedingt eine Kritik an den Medien sein. Oder doch, vielleicht schon.

Wir arbeiten daran.

Ludwig: Wenn wir soweit sind, dass wir die Rahmenbedingungen dafür haben, werden wir auch mehr Aufmerksamkeit bekommen. Da ist jeder seines Glückes Schmied.

Gutes Stichwort: Sie sind zweifacher FEI-Europameister im Reining. Mit welchen Erwartungen reisen Sie zur EM nach Aachen?

Ludwig: Das ist ein bisschen schwierig. Man hat ja nicht immer die gleichen Pferde. Sie müssen sich das so vorstellen: Wenn Formel-1-Pilot Sebastian Vettel im vergangenen Jahr Weltmeister geworden ist und morgen in einem neuen Auto sitzt, heißt das nicht, dass er wieder Weltmeister wird. So ist das mit den Pferden auch.

Aber Sie werden ein gutes Pferd mitbringen.

Ludwig: Natürlich. Zwei sogar. Shine my Gun und als Ersatzpferd Sharp Dressed Shiner, beides Pferde, die international schon sehr viel gewonnen haben. Ich sage mal so: Ich fahre ja nicht zur EM, um da zu verlieren, sondern ich will da was gewinnen. Am liebsten den ersten Platz. Das ist definitiv drin. Wenn ich aber merke: Wir haben alles gegeben und es hat nicht gereicht, dann werde ich trotzdem zufrieden sein.

Sie würden dann vor dem Sieger Ihren Hut ziehen?

Ludwig: Natürlich. Wir sind alle faire Sportsleute.

Bereits einen Hut für Aachen eingepackt?

Ludwig: Der ist schon parat.

Wie sieht er aus?

Ludwig: Der Jahreszeit angemessen. Es ist ein Strohhut.

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