Rath: „In Krisenzeiten wächst man zusammen“

Von: Christoph Pauli
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Totilas und Matthias Alexander Rath

Aachen. Totilas spricht nicht mehr. Früher verschickte der berühmteste Hengst der Welt schon einmal auf seiner Homepage fröhliche Grüße in der Ich-Form vom Gestüt in Kronberg. Oder gab Hinweise in eigener Sache. „Der NDR zeigt eine 30-minütige Reportage ‚Wunderpferd oder Fehlinvestition‘ wobei ich klar sage: Wunderpferd.“

Das war eine der letzten Ankündigungen, sie ist drei Jahre her. Totilas ist verstummt, die eigene Homepage etwas ungepflegt. Vielleicht ist das Wunderpferd auch wieder von dieser Welt.

Wenn Totilas noch mitteilsamer wäre, müsste er von immer neuen Rückschlägen bei Pferd und Reiter berichten, es wären keine schönen Themen für die große Fangemeinde. Es wären medizinische Berichte über die Erkrankung seines Reiters an Pfeiffer‘schem Drüsenfieber, über eigene Verletzungen. Kurzum: Die Erfolgsgeschichte ging nicht weiter, seitdem Totilas vor fünf Jahren für geschätzte zehn Millionen Euro von Paul Schockemöhle gekauft wurde.

Es ist vielmehr die Geschichte von Rückschlägen und monatelangen Turnierpausen. Die Auftritte sind rar geworden, aber das macht Totilas vielleicht sogar zu einer noch größeren Attraktion. Ab Mittwoch startet er unter Matthias Alexander Rath, dessen Stiefmutter Ann-Kathrin Linsenhoff das Wunderpferd „zur Hälfte“ gekauft hat, bei der EM in Aachen.

Der 15-Jährige geht nicht mehr als geborener Sieger ins Viereck. Die Weltranglisten-Dritte Kristina Bröring-Sprehe mit dem derzeit überragenden Desperados ist eine Titelkandidatin. Auch Edward Gal hat mit Undercover gerade bei den niederländischen Meisterschaften für Furore gesorgt. Der heißeste Tipp bleibt die Weltranglisten-Erste Charlotte Dujardin, die mit Valegro alle Weltrekorde hält. „Sie ist die absolute Favoritin, keine Frage“, sagt Rath, „aber wir werden versuchen, ihr so nahe wie möglich zu kommen.“

In jüngerer Vergangenheit wurde Dujardin nur zwei Mal besiegt, nämlich 2014 beim CHIO Aachen von Rath auf Totilas. Es war eines der vielen Comebacks des Paares, bevor die nächste Zwangspause anstand. Erst vor ein paar Wochen haben sich die beiden in Hagen vorgestellt und die letzte Chance, sich für Aachen zu qualifizieren, genutzt. „Wir waren zufrieden, aber nicht sehr zufrieden“, urteilt Rath, „jetzt geht es noch um das Feintuning.“

Die Dressurreiter starten in der größten Reitarena der Welt. „Es ist vielleicht noch leichter, weil das Publikum weiter entfernt ist“, sagt Rath. Lampenfieber macht er bei seinem Rappen ohnehin nicht aus. „Er ist ein Hengst, er steht gerne im Mittelpunkt“, sagt er. Totilas ist ein bisschen eine Rampensau, dem die große Bühne in den letzten Monaten gefehlt hat.

Das Leben hat sich für das Pferd geändert. Es wird schon länger nicht mehr im lukrativen Zuchtgeschäft eingesetzt, ein Einsatz brachte den Besitzern zu besseren Zeiten 8000 Euro. Trotz Deckpause hat er bereits über 100 Nachkommen, Rath bringt auch einen dreijährigen Totilas-Nachwuchs für das Rahmenprogramm mit. Totilas selbst soll sich auf den großen Sport konzentrieren. Dafür laufen die letzten Vorbereitungen beim in der Branche ob seiner Methoden durchaus umstrittenen früheren niederländischen Nationaltrainer Sjef Janssen. Der Hengst hat sich in Ruhe auf das Championat vorbereiten können, der Hype wird auch von den Besitzern nicht mehr so befeuert. Der Merchandising-Rummel ist abgeflaut. Die Hektik ist aus dem Leben gewichen.

„Totilas hat immer noch extreme Möglichkeiten, immer noch eine extreme Ausstrahlung“, sagt Rath. Er brauche niemanden mehr etwas zu beweisen, findet der 31-Jährige. Aber so eine EM-Medaille nach sehr schwierigen Zeiten wäre eine großartige Belohnung. „In Krisenzeiten wächst man zusammen. Das ist wie in einer Beziehung“, sagt der junge Vater.

Und vermutlich käme auch im Erfolgsfall niemand mehr auf die Idee, Totilas wieder zum Sprechen zu bringen...

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