Aachen - Don Aurelio liebt den großen Auftritt

Don Aurelio liebt den großen Auftritt

Von: Helga Raue
Letzte Aktualisierung:
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Grüßte als Siegerin im „Großen Dressurpreis von Aachen“ 2015: Tinne Vilhelmson Silfvén. Foto: sport/Kamerapress

Aachen. Der Blick geht hinüber zum Dressurstadion, das momentan ein wenig fremd wirkt. Ein Dach überspannt das sonst unter freiem Himmel liegende Viereck. Die Westernreiter und in der kommenden Woche die Voltigierer sollen trocken bleiben.

Die Dressurreiter sind umgezogen, dürfen ihren Sport bei der EM vor bis zu 40.000 Zuschauern im Hauptstadion zeigen. „Zweimalig“ sozusagen, denn nur bei den Weltreiterspielen 2006 – ebenfalls in Aachen – hatte es bisher so eine große Bühne für die Dressurreiter gegeben. Die wird auch Tinne Vilhelmson Silfvén genießen – und sich trotzdem ein wenig ins Dressurstadion zurückwünschen. Dorthin, wo sie Ende Mai beim „Weltfest des Pferdesports“ einen ihrer größten Erfolge gefeiert hat, den Sieg im „Großen Dressurpreis von Aachen“.

Etwas Besonderes

„Ja, dort drüben“, sagt die Schwedin und wirft vom Abreiteplatz aus, wo noch eifrig trainiert wird, erneut einen Blick auf das Dressurstadion. „Das war wirklich toll. In Aachen zu gewinnen, ist etwas Besonderes.“ Und der Sieg war schon eine kleine Überraschung, hatte doch nach dem Gewinn des Grand Prix‘ alles auf einen Erfolg für Isabell Werth (Rheinberg) mit Don Johnson hingewiesen. 81,2 Prozentpunkte hatte die deutsche Dressur-Queen vorgelegt, mit 82,475 ritt die Schwedin noch an ihr vorbei. „Das war eine wirklich gute Runde“, blickt die Vilhelmson Silfvén, die mit ihrer dezenten Einwirkung begeisterte, zurück.

Nun ist die 48-jährige Dressurreiterin auch Realistin, weiß, dass bei der EM nicht nur das Stadion ein anderes ist. Die internationale Konkurrenz ist ungleich stärker als beim „Weltfest des Pferdesports“, um das einige Top-Reiter aus politischen Gründen im Vorfeld des Championats einen Umweg gemacht hatten. Obwohl Siegerin des „Großen Dressurpreises“ sieht sich die Schwedin fern jeder Favoritenstellung. „Alle Reiter kommen gut vorbereitet nach Aachen. Und es gibt so gute Teams mit so vielen guten Pferden“, sagt Vilhelmson Silfvén, „und die Konkurrenz ist so tough. Da muss man schon perfekt reiten, um etwas zu erreichen.“

Erreichen will sie in Aachen natürlich wieder etwas, und das ist zu allererst das Ticket für die Olympischen Spielen 2016 im brasilianischen Rio de Janeiro. Drei Teams, Deutschland, Großbritannien und die Niederlande, haben ihre Fahrkarten bei der Weltmeisterschaft 2014 in Caen bereits gelöst, drei weitere sind bei der EM noch zu vergeben. Ein Ticket für Olympia – dieses Ziel haben sich einige Nationen vorgegeben. Dass die Schweden am Donnerstagabend die Qualifikation in der Tasche haben, ist durchaus realistisch. Denn neben der 48-Jährigen und ihrem Tänzer Don Aurelio verfügt Schweden mit dem in Deutschland beheimateten Patrick Kittel und seiner Nachwuchsstute Deja über ein weiteres hoffnungsvolles Paar. Emilie Nyreröd und Mina Telde komplettieren das schwedische Team.

„Wir haben eine gute Mannschaft, eine bessere als in früheren Jahren“, sagt Vilhelmson Silfvén – und wagt ganz vorsichtig doch noch eine Prognose: „Wenn alles sehr gut läuft, können wir vielleicht um Platz vier mitreiten. Aber da gibt es einige Nationen, die um Platz vier reiten können, allen voran Spanien, das ein starkes Team hat“, setzt sie gleich wieder realistisch hinzu. Mit dem Viereck im großen Stadion hat sie bereits 2006 bei den Weltreiterspielen – damals auf Solos Carex – Erfahrung gemacht: „Es war ein tolles Gefühl, da zu reiten. Das ist ganz anders als gewohnt, eine einmalige Atmosphäre“, ist ihre Vorfreude deutlich spürbar.

Dass der Sprung in den Spécial am Samstag, in dem die ersten Einzelmedaillen vergeben werden, gelingen soll, versteht sich quasi von selbst. Aber auch hier steht Realismus an erster Stelle. „Ich sage nur, im Grand Prix sind 72 Teilnehmer am Start und nur 30 qualifizieren sich“, bleibt die Dressurreiterin vorsichtig und setzt – übrigens in perfektem Deutsch – hinzu: „Ich will gar nicht so viel nachdenken, ich will nur so gut wie möglich reiten.“

Einen der Plätze in der Kür, eine ihrer Stärken, zu ergattern – nur 15 Reitern wird das gelingen. Die Aachener, die spätestens seit dem „Weltfest“ ihre Fans sind, würde das freuen, denn die Kür zur Musik der Rockband „The Who“ traf den Nerv. „Die Musik hatten wir für die Olympischen Spiele in London zusammen gestellt, da es eine britische Band ist.“ Inzwischen wurde eine neue Version gemacht, die Kür komplett überarbeitet. „Erstmals habe ich sie im Mai in Aachen geritten. Ich mag die Musik leiden, und sie passt gut zum Pferd“, weiß die Schwedin das Publikum auf ihrer Seite.

Ihr Pferd, das ist der 13-jährige Don Aurelio, ein Hannoveraner von Don Davidoff. Vor fünf Jahren entdeckte die Schwedin ihn beim Turnier in Hagen unter dem Sattel von Birgit Henscke. Kurz darauf wechselte er auf die „Lövsta Stuteri“, ein Gestüt im schwedischen Väsby, für das Vilhelmson Silfvén seit 2000 reitet sowie Pferde und andere Reiter ausbildet. „Don Aurelio hat einen sehr guten Charakter, er arbeitet immer mit. Ich denke, er hat ein gutes Selbstbewusstsein, ist dabei aber unglaublich ehrlich“, charakterisiert die Schwedin ihr aktuelles Erfolgspferd, von dem sie glaubt, dass es sich im Hauptstadion vor vielen Zuschauern wohl fühlen wird, denn der 13-Jährige liebt den großen Auftritt. „Er will sich sehr gerne zeigen, ist fast ein bisschen eitel“, kommentiert sie liebevoll schmunzelnd.

Die Grundlagen ihrer Reiterei lernte die 48-Jährige übrigens in Deutschland bei Walter Christensen. „Das war eine unschätzbare Erfahrung, bei ihm habe ich gelernt, Pferde auszubilden und einen Stall professionell zu managen.“ Championate sind für Vilhelmson Silfvén, die in Stockholm geboren wurde und 1985 ihr internationales Debüt feierte, alles andere als Neuland: So nahm sie – seit 1992 ununterbrochen – sechs Mal an Olympia teil, ritt bei den Weltreiterspielen 2006 in Aachen und 2010 in Lexington. Und Aachen 2015 ist für sie bereits der neunte EM-Start, zwei Mal (2005, 2007) gab es bisher Bronze mit dem Team.

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