1965 triumphiert Hermann Schridde über Favorit Nelson Pessoa

Von: pa
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36 fehlerfreie Sprünge in zwei Umläufen: Hermann Schridde auf „Dozent“, Europameister 1965. Foto: Archiv ALRV

Aachen. Es war das Jahr von Hermann Schridde, „der stilistisch beste deutsche Reiter nach dem Krieg“, wie Kollege Alwin Schockemöhle neidlos feststellte. Ein paar Monate vorher hatte Schridde die Gold- und Silbermedaille bei den Olympischen Spielen in Tokio geholt, dann sicherte er sich den Großen Preis von Fontainbleau, ehe er im Juli bei der Reit-Europameisterschaft in der Aachener Soers startete.

Die Dinge hatten sich in den ersten beiden Prüfungstagen für den 28-Jährigen nicht ideal entwickelt. 18 Reiter traten zum letzten Springen an, für 14 von ihnen war die Lage schon vorher aussichtslos. Schriddes Ausgangslage war schwierig, er musste um mindestens vier Plätze besser als der große Favorit Nelson Pessoa abschneiden.

Schridde legte mit seinem Olympiapferd „Dozent“ vor. Der Fuchswallach absolvierte die 36 Sprünge in beiden Umläufen fehlerfrei. 25 000 Zuschauer erlebten an diesem Mittwoch einen Hitchcock-Nachmittag, weil all die besser Platzierten ein bisschen patzten. Der Schweizer Arthur Blickenstorfer beklagte drei Abwürfe – und fiel auf den vierten Platz zurück. Der Franzose Pierre Jonquères d’Oriola patzte doppelt, galoppierte am vorletzten Sprung vorbei – und wurde disqualifiziert.

Der letzte Reiter war Nelson Pessoa. Der Brasilianer durfte mit einer Sondergenehmigung bei den Europameisterschaften starten. Sein „Gran Geste“ war gut unterwegs, bis er am finalen Wassergraben zu kurz sprang. Um fünf Zentimeter verpasste er so die Goldmedaille.

„Dass sich Pessoa noch so einen Fehler einhandeln würde, hätte ich nie geglaubt“, stammelte Hermann Schridde ein paar Minuten später. „Mein Freund Neco war sich seiner Sache zu sicher. So unkonzentriert habe ich ihn selten auf einen Sprung zureiten sehen.“ Alwin Schockemöhle wurde auf „Exakt“ noch Dritter an diesem „unglaublichen Nachmittag“.

Schridde bekommt den Ehrenpreis – und dann erklingt Marschmusik: deutsche, belgische, niederländische und irische Musikzüge ziehen ins Stadion ein. „Der große Zapfenstreich von allen gemeinsam gespielt, ist der großartige, ergreifende Abschluss eines Turniertages, der in die Geschichte der Weltreiterei eingehen wird“, steht am 8. Juli 1965 in der Aachener Volkszeitung.

Nachtrag: Hermann Schridde, der auch eine Ausbildung zum Dressurreiter gemacht hatte, trat 1972 überraschend vom Sport zurück: „Ich hatte einfach keinen Spaß mehr an der Reiterei.“ Der Bauernsohn widmete sich lieber seinem anderen Hobby, der Fliegerei, und gründete in Meißenberg-Celle die erste Fallschirmspringer-schule der Republik. Acht Jahre später ließ er sich für ein Monatsgehalt von 4200 Mark brutto überreden, Bundestrainer der Springreiter zu werden. Der erfolgreiche Reiter starb 1985 bei einem Unfall mit einem Sportflugzeug unweit des Fallschirmspringerplatzes.

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