Vanessa Fürst debütiert mit 15 in der Bundesliga

Von: Carsten Rose
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Debütantin gegen Rekordspielerin: Vanessa Fürst (helles Trikot) bei ihrem ersten Bundesligaspiel im Laufduell mit Melanie Behringer, die mit 277 Spielen die meiste Erfahrung in der Liga hat. Foto: imago/Lackovic

Frauenfußball Köln/Niederzier. Vielleicht hätte sie sich fallen lassen sollen, laut aufschreien, reklamieren. Im Nachhinein ärgert sich Vanessa Fürst, dass sie sich von Simone Laudehr so hat abkochen lassen: Laudehr, 101 Länderspiele, stützt sich nach einem Freistoß von Melanie Behringer auf Höhe des Fünfmeterraums bei ihr auf und köpft das 1:0 für den FC Bayern München gegen den 1. FC Köln.

„In der Situation hätte ich cleverer sein müssen, mich wie ein richtiger Profi verhalten können“, meint die FC-Verteidigerin Vanessa Fürst über die Szene in der 51. Minute, die sich jeder online in der Spielzusammenfassung anschauen kann.

Willkommen in der Frauenfußball-Bundesliga. Dort hat Vanessa Fürst am Wochenende debütiert – mit 15 Jahren. Sie steht nun auf einer Stufe mit Dzsenifer Marozsán, 25, die 2007 ebenfalls in diesem Alter das erste Spiel bestritt. Und die ist mittlerweile mit 80 Länderspielen Kapitänin der Nationalmannschaft.

Vanessa Fürst, Schülerin aus Niederzier-Ellen im Kreis Düren, lief im Grünwalder Stadion gegen den Meister von 2015 und 2016 auf. Ihr gegenüber: Welt- und Europameisterinnen, Olympiasiegerinnen, deutsche Nationalspielerinnen, die zusammen auf mehr als 250 Länderspiele kommen. Stars wie Melanie Behringer, die mit 277 Bundesliga-Einsätzen Rekordspielerin ist, oder eben wie Simone Laudehr, 31, die wissen, was im Profigeschäft den Unterschied zum Juniorenbereich macht.

System begünstigt frühes Debüt

Es liegt nahe zu denken, dass Vanessa Fürst eines dieser Wunderkinder im Frauenfußball ist. Warum sonst sollte sie als Teenie plötzlich auf einem Bundesliga-Rasen stehen und das auch noch von Beginn an? Keine Frage, Vanessa Fürst ist hochtalentiert, spielte im Juni um die Deutsche B-Jugend-Meisterschaft und kommt seit Februar auf neun Einsätze in der U16-Nationalmannschaft. Ihr Debüt in der Startelf, von dem sie erst in der Kabine erfahren hatte, kam aber noch aus zwei anderen Gründen zustande.

Einer ist sportlicher Natur: Den FC plagen Verletzungssorgen in der Defensive. Der andere liegt im System: Es gibt keine A-Jugend-Bundesliga im Frauenfußball. B-Jugendliche mit besten Voraussetzungen wie Vanessa Fürst schaffen es schneller ins Profigeschäft. Ein Arzt musste für die 15-Jährige vorher noch eine Unbedenklichkeitserklärung ausstellen und sie somit quasi erwachsen schreiben. Im Oktober feiert sie ihren 16. Geburtstag.

Der FC verfolgt die Philosophie, erklärt ihr Trainer Willi Breuer, junge Talente früh an die Profis heranzuführen. „Vanessa hat schon im vergangenen Jahr auf sich aufmerksam gemacht“, sagt der Coach, der in seiner Karriere unter anderem von 2007 bis 2009 das Nachwuchsleistungszentrum von Alemannia Aachen geleitet hat. Sollte sich das Kölner Lazarett in der Defensive lichten, wird Fürst zwar zusätzlich zur U 17 zweimal die Woche bei den Frauen trainieren, aber ihre Einsatzzeiten wohl eher aus der zweiten Reihe bekommen.

Breuer sieht bislang auch nicht die Gefahr, dass Vanessa Fürst wegen ihres frühen Debüts in absehbarer Zeit viel im Rampenlicht stehen wird. Dieses Schicksal ereile in der Regel die technisch versierten Offensivspieler wie Dzsenifer Marozsán, die mittlerweile bei Olympique Lyon in Frankreich ihr Geld verdient. Die Qualität, offensiv und am Ball zu glänzen, will Breuer Vanessa Fürst nicht absprechen, Fürsts große Stärken würden jedoch in der Verteidigung zur Geltung kommen.

In München trug Fürst die Nummer vier, spielte rechts im Abwehrriegel des Tabellenletzten gegen überlegene Münchnerinnen. Sonst spielt sie in der Innenverteidigung oder am liebsten auf der „Sechs“ mit offensiver Ausrichtung. Vor der Abwehr wollte Breuer Fürst nicht aufstellen. „Dort wäre sie überfordert gewesen, und die Offensive stand sowieso erst mal nicht im Fokus“, erklärte Breuer, der Fürsts Dynamik und ihr rigoroses Zweikampfverhalten in der Abwehrkette benötigte. Ihre Sache habe sie „überraschend gut“ gemacht, Fürst trainiert erst seit ein paar Wochen mit dem Team. Und die Situation vor dem ersten Gegentor? „Da mache ich ihr keinen Vorwurf.“

Nach 70 Minuten wurde Vanessa Fürst ausgewechselt. Sie hatte Knieprobleme und wollte nichts riskieren. Den 0:2-Endstand erlebte sie von der Bank. Mit ihrer Leistung war sie zufrieden: „Über meine Seite sind zwar ein paar Angriffe gelaufen, aber die waren nicht wirklich gefährlich.“ Dass ihre Leistung beim Debüt durchaus ansprechend war, zeigt sich auch daran, dass Fürsts 20-jährige Gegenspielerin Jill Roord, die im Sommer den EM-Titel mit den Niederlanden holte, in der 61. Minute ausgewechselt wurde.

Vanessa Fürst spielt seit 2013 beim FC, damals haben Scouts die Verteidigerin bei einem Sichtungstraining des Fußballverbands Mittelrhein (FVM) entdeckt. Seitdem sie nun auch im Profibereich angekommen ist, hat die 15-jährige Schülerin der Jülicher Sekundarschule nur noch den Mittwoch als freien Tag. Ihr Tag zum Lernen. Bis jetzt, so sagt sie, mache sich der Fußball-Stress noch nicht im Schulalltag bemerkbar. Außerdem kommt es ihr gut gelegen, dass jetzt das Schulpraktikum bei einem Jülicher Optiker bevorsteht. Ihr großer Traum ist ein Sportmedizinstudium in Verbindung mit einem Fußballstipendium in den USA.

Am kommenden Wochenende spielt sie bis Dienstag für die FVM-Auswahl bei einem Turnier gegen die restlichen Verbände in Deutschland, wird dem FC im Bundesliga-Duell gegen den SC Freiburg also fehlen. Bei dem Wettbewerb will sich Vanessa Fürst noch mal zeigen und für die Nationalmannschaft weiter auf sich aufmerksam machen. Auf ihrem Debüt für die Geschichtsbücher will sie sich nicht ausruhen.

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