Aachen - Kampfkunst Capoeira: Gefangen zwischen Kampf und Tanz

Kampfkunst Capoeira: Gefangen zwischen Kampf und Tanz

Von: Katharina Menne
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Capoeira wird traditionell in der „Roda“, einem Kreis, trainiert – begleitet von überlieferten Rhythmen und Gesängen aus der brasilianischen Kolonialzeit. Schon beim ersten Mal wird Volontärin Katharina Menne (rechts) vom Meister zum Duell herausgefordert. Foto: Andreas Steindl
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Capoeira
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Capoeira

Capoeira Aachen. Mitreißende brasilianische Klänge erfüllen die kleine Halle in einem Hinterhof in der Aachener Passstraße. Der Boden ist mit weichen Matten ausgelegt. Alle kennen sich und begrüßen sich mit Küsschen. Auch ich werde prompt umarmt. So macht man das hier. In der Mitte steht ein kleiner, drahtiger Brasilianer, den alle nur „Mestre Aquático“ nennen – den Wassermann. Doch hier wird heute nicht etwa Samba getanzt, auch wenn manche Bewegungen daran erinnern. Hier wird gekämpft – Capoeira.

Eigentlich ist Kampfsport überhaupt nichts für mich. Ich verabscheue Gewalt und alles, was damit zu tun hat. Weder möchte ich verprügelt werden, noch selbst Hand anlegen. Das mag ein Vorurteil sein, aber bislang konnte ich dem Kampfsport deshalb nichts abgewinnen. Was also tue ich hier eigentlich?

Doch es kommt alles ganz anders als gedacht. Innerhalb kürzester Zeit hat mich der südamerikanische Rhythmus gepackt und ich komme aus dem Staunen und Schwitzen nicht mehr heraus.

Capoeira wurde im 18. Jahrhundert während der Kolonialzeit in Brasilien von aus Afrika verschleppten Sklaven entwickelt und praktiziert. Sie entstand aus einer Vermischung verschiedenster afrikanischer Tänze und Kulte. Als Brutstätten der Capoeira gelten die Hafenstädte Rio de Janeiro, Recife und Salvador da Bahia. Ab 1889 wurde die Ausübung der Capoeira jedoch verboten. Wer sich nicht daran hielt, wurde verhaftet.

Spitznamen als Tarnung

Aus dieser Zeit kommt auch die Tradition, sich gegenseitig Spitznamen zu geben – gewissermaßen als Tarnung, um nicht entdeckt zu werden. „Unser Meister heißt Aquático, weil er sich so flüssig bewegt“, erklärt mir Dana Jansen. Ihr eigener Capoeira-Name lautet Charmosa, was so viel heißt wie „die Charmante“. „Die Namen entwickeln sich mit der Zeit und werden meist nach besonderen äußeren oder charakterlichen Merkmalen vergeben“, sagt Jansen. Seit zehn Jahren bereits macht die 38-Jährige Capoeira. Und ist begeistert wie am ersten Tag. „Für mich ist es mehr als ein Sport“, sagt sie. „Es ist pure Lebensfreude.“

Schon das Aufwärmprogramm ist anstrengend: Kurzsprints, Ausfallschritte, Kraftübungen und Akrobatiktraining. Eine Brücke bekomme ich noch hin, aber beim Spagat hört es auf. Ich muss mich wohl regelmäßiger dehnen. Danach werden Bewegungsabläufe geübt. Ich gehe zu den Anfängern – bei den Fortgeschrittenen vergeht mir Hören und Sehen. „Wenn ich einen Tritt andeute, musst du mir den Fuß wegziehen“, erklärt mir Dorian Schmidt. Der 25-Jährige macht erst seit einem Monat Capoeira, aber man sieht, dass er schon Kampfsporterfahrung hat. Mehrfach schafft er es ohne Probleme, mich auszutricksen.

List und Täuschung sind die „Seele der Capoeira“, sagt Patricia Donassy-Derek. „Man muss viel improvisieren und den Gegner immer wieder überraschen, um seine Verteidigung zu umgehen – allerdings niemals bösartig.“ Ihren Mitspieler irritieren, das kann Donassy-Derek wohl besonders gut. Ihr Capoeira-Name lautet daher „Surpresa“, die Überraschung.

Das Centro Cultural Capoeira Sião wurde im Jahr 2011 von Mestre Aquático gegründet und möchte mehr sein als ein Sportverein. Die Gruppe versteht sich als Botschafter der brasilianischen Lebensart und nimmt regelmäßig an Kulturfesten im Raum Aachen teil. Es werden Kurse für Gehandicapte angeboten sowie für jugendliche unbegleitete Flüchtlinge. Immer wieder tauschen sie sich auch mit anderen Capoeira-Gruppen aus.

Liebe, Trauer, Freundschaft

Die Trainingsstunde läuft auf ihren Höhepunkt zu: Anmutig, kraftvoll und geschickt wirbeln Dana Jansen und Patricia Donassy-Derek umeinander. Auf einen präzise gesetzten Tritt der einen folgt ein akrobatisches Ausweichmanöver der anderen. Manche Elemente bestehen aus Saltos, Handstand oder Radschlag. Während die beiden „spielen“, wie es in der Sprache der Capoeiristas heißt, stehen die anderen Trainingsteilnehmer in der „Roda“, einem Kreis, um sie herum und singen traditionelle Lieder, die meist noch aus der Zeit der Sklaverei stammen. Darin geht es um Liebe, Trauer und Freundschaft – um das Leben eben. Die ranghöheren Capoeiristas begleiten den Gesang auf dem Berimbau, einem brasilianischen Saiteninstrument, auf Trommeln und mit dem Pandeiro, einem Tamburin.

Auch ich werde aufgefordert mitzuspielen. Nach ein paar vorsichtigen tänzelnden Grundschritten geht es los. Der Mestre deutet an, dass ich ein paar der eben gelernten Tritte und Figuren ausprobieren soll. Schnell lege ich meine anfängliche Scheu ab. Angefeuert vom rhythmischen Klatschen und Singen der anderen gebe ich alles – und komme aus dem Grinsen nicht mehr heraus, Ja, es stimmt, Capoeira ist Lebensfreude pur.

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