Aachen - „Embrace the World Cycling“: Einen Cent für jeden gefahrenen Kilometer

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„Embrace the World Cycling“: Einen Cent für jeden gefahrenen Kilometer

Von: Helga Raue
Letzte Aktualisierung:
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Nehmen viele Kilometer für den guten Zweck unter die Räder: Jan-Niklas Jünger (rechts) und Heiko Homrighausen. Foto: Benjamin Jansen

Radrennen Aachen. Es ging mitten durch den Senegal. „Wir waren am westlichsten Punkt Afrikas unterwegs“, berichtet Jan-Niklas Jünger von einer ungewöhnlichen Etappe. Eine Etappe mit dem Rad bei der Tour de Senegal. Dort fuhr der Aachener Student ein Rennen und gewann die fünfte Etappe über 158 Kilometer unter der brennenden afrikanischen Sonne.

Dabei quälte der 28-Jährige sich nicht nur für sich und sein Team „Embrace the World Cycling“, dessen Kapitän Don Craven am Ende den Gesamtsieg einfuhr. Mit jedem Kilometer, den Jünger und sein Aachener Teamkollege Heiko Homrighausen in die Pedalen treten, sammeln sie zugleich Geld für soziale Projekte.

Homrighausen ist in Aachen bekannt, Jünger weniger. Heiko, 21 Jahre jung, ist gebürtiger Aachener und fährt erfolgreich für seinen Klub Zugvogel Aachen. Wie zuletzt bei den Landesverbandsmeisterschaften in Werne. In der U 23 musste er auf einem 4,3 Kilometer langen Rundkurs 94 Kilometer bewältigen. „Ich bin früh mit vier anderen Fahrern davongefahren, darunter mit Luke Derksen nur ein weiterer U 23-Fahrer“, berichtet Homrighausen, der von Beginn an gute Chancen auf einen Podestplatz hatte.

Attacke am Berg

Da die fünf Fahrer gut zusammenarbeiteten, fuhren sie einen Vorsprung von gut einer Minute heraus, bis ein Elite-Fahrer nach einer Tempoverschärfung abreißen lassen musste. In der letzten Runde der U 23 – die Elitefahrer mussten 103 Kilometer bewältigen – attackierte Homrighausen am Berg und siegte klar. Bereits in der U 19 hatte der Aachener den Landesverbandstitel gewonnen. „Heiko ist ein großes Talent“, sagt Jünger, der in der Elite-Klasse Sechster wurde. Der Aachener Christoph Schweizer wurde Neunter.

Jünger fährt für Bünde, studiert aber seit 2010 in Aachen an der RWTH Maschinenbau mit der Fachrichtung Textil- und Kunststofftechnik. Den Bachelor hat der 28-Jährige, der gebürtig aus Duisburg stammt, bereits in der Tasche, aktuell bastelt er an seinem Master. „Für einen Aachener Verein zu fahren, hat leider nie gepasst“, erläutert Jünger, der seine ersten Rennen für den RSC Dinslaken bestritt, dann am Olympiastützpunkt in Neuss-Büttgen und zuletzt vier Jahre für das Bundesliga-Team des RSC Rheinbach fuhr.

Homrighausen, der ebenfalls Maschinenbau an der RWTH Aachen studiert, fuhr zuerst für den PSV Aachen und seit der U 15 für Zugvogel. Trotzdem sind die beiden Studienkollegen seit zwei Jahren auch Teamkollegen – bei „Embrace the World“. Das Team wurde 2015 in Bochum gegründet, und dabei geht es nicht nur um den Sport. „Wir sammeln mit jedem Trainings- und Rennkilometer Geld und unterstützen damit soziale und karitative Projekte“, erläutert Jünger. Denn alle Fahrer haben Sponsoren, die für jeden Kilometer „zahlen“. Jünger, der von einem Solarbauunternehmen in Rheinbach unterstützt wird, spendet an die deutsche Krebshilfe, Homrighausen, dessen Kilometer von einem Hardwareunternehmen „versilbert“ werden, zahlt in die Kasse von „Embrace the World“, das diverse Projekte vor allem in Afrika unterstützt.

So wie eben auch im Senegal. „Ich bin eigentlich nicht so der Siegfahrer“, sagt der 28-Jährige lachend über seinen Etappensieg bei der Tour de Senegal, „ich bin eher der Helfer.“ Doch diesmal hatte er zum Schluss „ein, zwei Körner mehr im Köcher“, als die anderen Fahrer, mit denen er dem Team weggefahren war. „Das ist mein größter Erfolg. Das war eine große Landesrundfahrt, dafür gab es auch Weltranglistenpunkte.“ Im Senegal unterstützt „Embrace the World“ Straßenkinder, deren Schulgeld bezahlt wird.

Seit drei Jahren fährt Jünger für den guten Zweck, Heiko Homrighausen stieß vor zwei Jahren dazu. „Der Gedanke, mit jedem gefahrenen Kilometer auch jemandem zu helfen, der Hilfe benötigt, gefällt mir“, sagt Homrighausen. „Zudem lernen wir neben dem Leistungssport auch andere Kulturen kennen und können den Menschen, in deren Ländern wir fahren, auch etwas zurückgeben.“ Gerade in Afrika, führend sind Ruanda und Eritrea, gibt es eine große Radsportgemeinde. „Wenn ich runterfliege, versuche ich meinen Radsportkoffer immer so voll wie möglich zu packen“, unterstützt Jünger die afrikanischen Kollegen immer wieder mit Rad-Utensilien.

Kapitän aus Namibia

Das „Embrace“-Team besteht aktuell aus 16 Straßen- und fünf Mountainbike-Fahrern, alle aus Deutschland mit Ausnahme des Kapitäns, der aus Namibia kommt: Dan Craven (35), ein ehemaliger Profi, der im spanischen Gerona lebt, stand im Aufgebot für die Olympischen Spiele 2012 und 2016 und ist Afrika- und mehrfacher Namibischer Meister. „2020 peilt er eventuell sogar die Olympischen Spiele in Tokio an“, erzählt Jünger.

Für Homrighausen ist 2018 bisher ein erfolgreiches Jahr, auch wenn er wegen des Studiums das Training etwas reduzieren musste. Im Frühjahr gewann der 21-Jährige bereits ein Rennen in Herford und eins im belgischen Zutendaal. Und bei der Türkei-Rundfahrt belegte er Platz 14. „Wir hatten Pech mit dem Flug, sind erst vier Stunden vor dem Start im Hotel angekommen, dann drei Stunden weiter zum Start, wo ich eine Stunde vorher ankam“, so Homrighausen, der auf den vier Etappen die Plätze, 15, zehn, 14 und sieben belegte.

Gemeinsam wollen sie wieder beim Aachener Traditionsrennen „Rund um Dom und Rathaus“ starten. Hier siegte Homrighausen im vergangenen Jahr, Jünger wurde Fünfter. „Ich bin erstmals angekommen bei diesem tollen Rennen. Damit hat Zugvogel ein Alleinstellungsmerkmal“, mag der 28-Jährige das Rennen auf dem gefürchteten Kopfsteinpflaster.

Wann es den nächsten Start für „Embrace the World“ geben wird, ist noch offen. „Klausuren“, sagt Heiko, „Master“, fügt Jan-Niklas hinzu – das Studium geht (manchmal) vor. Beim nächsten Rennen in Ruanda werden beide nicht dabei sein, Jünger liebäugelt aber noch mit einem Start in Namibia, auch weil ihn das Land reizt. „Seinen Sport betreiben und bedürftigen Menschen helfen zu können, ist schon eine besondere Ehre“, sagt er. Und deshalb werden die beiden auch weiterhin viele Kilometer für den guten Zweck unter die Räder nehmen.

 

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