Zwei Freunde zwischen Macht und Ohnmacht

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Experten-Talk: Borussia Mönchengladbachs Vizepräsident Rainer Bonhof (links) und FC-Chef Wolfgang Overath. Foto: Wolfgang Birkenstock

Köln. Das 76. Bundesliga-Duell zwischen dem 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach elektrisiert wie eh und je die Massen. Das RheinEnergieStadion ist längst ausverkauft. Beide Klubs treffen am Freitag, 20.30 Uhr, nach dem 0:0 im Hinspiel zu zweiten Mal in dieser Saison aufeinandertreffen.

Vor dem Derby unterhielten sich FC-Präsident Wolfgang Overath und Borussias Vize-Chef Rainer Bonhof auf Einladung unserer Zeitung mit unseren Redakteuren Bernd Schneiders und Wilhelm Peters.

Könnten Sie beim Derby nebeneinander sitzen?

Overath: Ich würde gerne neben Rainer sitzen. Er ist ein feiner Junge, und ich erinnere mich immer noch an die Zeiten - wie lange ist das her? Über 30 Jahre - bei der WM. Er ist ein typisches Beispiel dafür, dass man im Fußball nie aufgeben darf. Das sind so Dinge, die ich zuletzt auch bei uns gesagt habe. Lukas Podolski: Einer der besten Fußballer, die es in Deutschland gibtt. Der Hund hat alles, der ist schnell, der kann schießen, der kann dribbeln. Aber: Es läuft nicht immer. Das ist im Fußball so. Dann musst du dagegenhalten. Du musst gegen dich selbst angehen. Und dafür war Rainer einer. Aber auch bei mir war es so 1974 vor der WM. Du musst denken: Komm, ich erzwinge etwas.

Wäre es in der Tat möglich, dass Sie im Derby nebeneinander sitzen?

Overath: Also, er kriegt keinen Streit mit mir. Ich würde mich natürlich für meinen Klub engagieren, er sich für seinen.

Haben Sie schon mal zusammen ein Spiel gesehen?

Overath: Nein, wir haben aber schon mal zusammen gespielt. Wie er da auf die Knochen geht bei den anderen... (lacht): Ich fordere ihn an für uns. Denn das war ja sein Spiel.

Bonhof: War das jetzt ein Hilferuf? Das Thema, das Wolfgang angeschnitten hat von der WM damals - für mich galt immer: An mir kommt keiner vorbei (Bonhof schmunzelt). Das war wahrscheinlich auch der ausschlaggebende Punkt, dass ich dann irgendwann ins WM-Team reingerutscht bin.

Das hat sich eigentlich durch das ganze Leben hindurchgezogen. So wie sich Wolfgang damals vorgenommen hat, bei der WM Stammspieler zu sein, ist das die Basis dessen gewesen, was er erkannt hat: Wenn du gut Fußball spielen und auch gut kämpfen kannst, dann kommst du den Schritt weiter, um dir möglicherweise eine gute Plattform für die Zukunft zu verschaffen. Das war bei uns beiden so. Heute sind wir beide da an einer Stelle, an der wir in unseren Vereinen ein bisschen das Schräubchen drehen.

Overath: Ich glaube, dass die heutige Generation es viel schwerer hat als wir. Der Druck ist unvergleichlich größer. Bei Lukas Podolski war der Druck so was von riesig; die Leute haben ja gedacht, der kommt zurück nach Köln, und jetzt geht alles von alleine. Talent, Bereitschaft, aber wenn du unter diesem Druck stehst - oh-oh-oh! Rainer ist vielleicht besser damit zurechtgekommen, weil er auch ein anderer Typ war. Der ist raus und hat seinen Mann gedeckt. Er ist ja kein kreativer Spieler gewesen...

Bonhof: Halloooo?

Overath: Okay, schneid das mal raus. Aber die (Anm.: deutet auf Bonhof), die kannst du in einer Mannschaft gebrauchen, ohne die kannst du gar nichts machen. Bist du aber kreativ, dann hast du natürlich noch viel mehr mit dem Druck zu kämpfen.

Aber Druck haben Sie doch heute auch, wenn Sie oben auf der Tribüne sitzen und wissen, was alles vom Erfolg abhängt.

Overath: Nicht eingreifen zu können, ist das Schlimmste.

Bonhof: Wenn du Trainer bist, kannst du schon relativ wenig machen. Aber wenn du da oben sitzt, kannst du ja gar nichts machen. Der innere Leidensweg, der ist da.

Overath: Wenn du oben sitzt, kriegst du es nur an den Nerven. Wenn du die Chance hast und kannst runtergehen wie der Trainer, der kann wenigsten ran an die Spieler.

Warum sind Sie dann nicht Trainer geworden?

Overath: Das ist eine gute Frage. Ich habe 15 Jahre dieses Vagabundenleben als Spieler mitgemacht. Als Trainer hättest du das weitermachen müssen. Du hättest morgen da arbeiten müssen, übermorgen da. Dann hätte meine Ehe nicht mehr lange Bestand gehabt. Aber ich denke, Trainer ist der interessanteste Beruf, den es gibt.

Wie war das bei Ihnen mit dem Traineramt, Herr Bonhof?

Bonhof: Die Problematik war ja für mich persönlich, in Gladbach anfangen zu müssen in einer Zeit, wo gar nichts da war. Ich war Aufsichtsratsmitglied, dann haben die in die Runde geguckt und gesagt - Ups, da ist ja einer!

Ich musste für drei Millionen Euro sieben Spieler kaufen, um einen 18er Kader zu bekommen. Ich hatte keine Chance. Ich habe mich zur Verfügung gestellt, um nicht zu sagen geopfert, wurde zum Buhmann gemacht und weggejagt.

Gladbach war nicht Ihre einzige Trainerstation.

Bonhof: Ich war in Dubai, einem ganz anderen Kulturkreis, und habe dort in zehn Monaten einen Titel geholt. Und zu Schottland ist zu sagen: Alle, die heute Nationalspieler sind, sind meine Jungs. Aber das einzige Thema ist eigentlich: Wenn du vier, fünf Jahre weg bist, brauchst du in Deutschland gar nicht mehr anzufangen. Dann hast du keine Chance mehr.

Also habe ich mich auf das Wesentliche konzentriert und für Chelsea gescoutet. Die beiden, mit denen ich im Präsidium zusammenarbeite, haben Unglaubliches geleistet. Wir sind schuldenfrei, haben ein eigenes Stadion, ein Trainingsgelände, können Spieler kaufen, und die Angestellten bekommen am Ende des Monats alle ihr Gehalt. Das muss man denen sagen, die erwarten, dass wir bereits international spielen müssten. Wir haben uns für den Weg der kleinen Schritte entschieden.

Was Sagen Sie zum 1. FC Köln?

Bonhof: Eine ähnliche Situation wie bei Borussia. Auch bei uns ging es rauf und runter, es hat Verpflichtungen gegeben, die möglicherweise keine Verstärkungen waren, sondern nur Ergänzungen. Dann wurde das Ding in die richtige Richtung gekippt. Bei so viele Trainern, Sportdirektoren, so vielen Spielern - wo war da die Konstante.

Da haben wir gesagt, wir wollen mal was ganz anderes machen. Konstanz reinbringen, mit kleinen Schritten nach vorne. Wie beim FC auch. Dass es keine Riesen-Schritte sein können, ist klar, dazu musst du international spielen. Der FC hat ein anderes Eigenleben als Borussia. Was der FC zelebriert, ist was völlig anderes als wir in Mönchengladbach erleben. Es ist auf Grund der Fans, der Mentalität, eine ganz andere Euphorie. Schon auf dem Weg ins Stadion. Wir haben eine andere Euphorie. Die ist auch klasse. Mit unseren Fahnen, unserer Borussia-Hymne. Dass Wolfgang und ich jeweils gerne die Rolle von Bayern München oder Werder Bremen übernehmen würden, ist klar. Aber wir sind auch beide Realisten.

Und beim FC Herr Overath?

Overath: Beim FC stimmt alles. Bis auf das, was das Wichtigste ist: Was auf dem Platz passiert. Die Fans, das Stadion, Kartenvorverkauf, die Sponsoren, die Verantwortlichen - wir haben alles. Als ich vor fünf Jahren angefangen habe, waren wir in der Zweiten Liga. Erstes Ziel war aufzusteigen, und dann nach vorne zu kommen, in drei, vier Jahren. Da bin ich schnell belehrt worden, dass das überhaupt nicht machbar ist.

Die Zeit ist unser größtes Problem. Als ich damals als junger Spieler angefangen habe, in der 60er Jahren, waren wir auf der Höhe eines Bayern München heute. Wir waren den anderen meilenweit voraus. Da spielten die Bayern noch Zweite Liga. Aber wir haben viel zu wenig daraus gemacht. Tradition ist auf der einen Seite sehr hilfreich, aber auf der anderen bedrängt sie einen.

Unser größtes Problem ist, das es in den letzten 10, 15 Jahren immer rauf und runter ging. Deshalb ist es für uns so wichtig jetzt im zweiten Jahr drinzubleiben, die Konstanz, die Sicherheit zu bekommen. Dann sind es sieben Punkte, dann nur noch zwei - und alle sind nervös. Und da ist etwas, was der Rainer nicht hat, was die Bremer nicht haben: Köln ist eine Millionen-Stadt. Zwei große Boulevardzeitungen, die jeden Tag zwei Seiten füllen müssen. Jeden Tag. Da ist Druck - mit dem einige Spieler überhaupt nicht zurecht kommen. Selbst einem großen Spieler wie Lukas Podolski setzt das zu, auch wenn er das nicht nach außen zugibt.

Was gefällt Ihnen an Borussia?

Overath: Ein Klub mit Erfolgen, mit Tradition - und die Menschen natürlich. Sie haben ein wunderbares Stadion, sie haben sehr viel geschaffen. Und - sie haben eigentlich auch eine gute Mannschaft mit einem guten Trainer. Ich bin überzeugt, dass sie ein Stück nach vorne kommen können.

Sie nicht?

Overath: Wenn ich unsere Mannschaft von den Namen her durchgehe und vergleiche sie mit denen anderer Klubs - ich will jetzt keine Namen nennen - , dann denke ich immer, boh, haben wir eine starke Mannschaft, die nach vorne kommen kann.

Sie also auch?

Overath: Das ist auch unser Ziel. Unser Etat setzt sich aus drei Dingen zusammen: Kartenverkauf, Sponsoring und Fernsehgelder. Aber Sie können nicht mehr Karten verkaufen, es ist immer ausverkauft, wir können nicht mehr Banden aufstelle, und Fernsehgelder bekommen wir auch nur soviel, wie in der Liga bezahlt wird. Die einzige Chance, die wir haben, ist international zu spielen und so Geld zu bekommen.

Sie haben immer wieder betont dass Sie im Herzen ein Kaufmann sind. Wäre da nicht die Position eines Sportdirektors ideal?

Overath: Nein, ich bin 66, habe drei Kinder, zwei große Jungs und ein Mädchen, das gerade 18 ist. Und ich möchte schon mal ab und zu zu Hause sein. Ich bin ja ehrenamtlicher Präsident. Wenn ich dafür bezahlt würde, dann sähe es wieder anders aus.

Aber Sie haben doch ziemlich viel Macht?

Overath: So haben auch die Leute gedacht, als ich angefangen habe. Das war ein Weltklassespieler, der macht das, holt die tollsten Spieler. Bis wir den Menschen erst mal rübergebracht haben: Zwar habe ich die letzte Macht, kann den Trainer entlassen, durch den Gesellschafterauschuss sind wir in der Lage, jede Entscheidung zu fällen. Es gibt kein Gremium, das mächtiger ist. Aber im Tagesgeschäft kann ich nicht mitreden. Da muss ich mich auf Claus Horstmann, Michael Meier und Zvonimir Soldo verlassen.

Aber in der Kabine tauchen Sie schon mal auf.

Overath: Das ist doch was anderes. Das ist kein Tagesgeschäft. Aber als Präsident oder Präsidiumsmitglied wie der Rainer hast du schon eine Position, dass du nach fünf Niederlagen dich mal blicken lassen kannst. Aber man muss aufpassen. Wenn man es zu oft macht, dann kann man die Position des Trainers gefährden. Dann sagt der Spieler: Du bist doch kein Trainer.

Aber kennt denn ein Novakovic einen Wolfgang Overath oder ein Bobadilla einen Rainer Bonhof?

Overath: Das liegt doch an der Figur selbst. Da kannst du noch einen so großen Namen haben. Wenn du die Stellung oder die Ausstrahlung nicht hast, dann hast du keine Chance. Das war doch bei uns früher auch so. Wenn du Weltmeister bist und was zu sagen hast, und nichts am Trainer vorbei machst, dann kann es der Mannschaft nur helfen.

Sie, Herr Bonhof, sind in der letzten Saison auch schon mal in der Kabine gewesen.

Bonhof: Ich bin jede Woche da. Meine Position als Vizepräsident ist eine andere. Ich habe den Fußball zu betreuen. Wenn ich da den Kontakt verliere, nicht nur zur ersten Mannschaft, sondern auch zur U23 und der Jugend, hätte ich einen Fauxpas begangen. Ich bin beim Training dabei, ich mache mir ein Bild.

Wie hat sich denn Ihre Freundschaft entwickelt? Als Rainer Bonhof Sie in der Nationalmannschaft kennengelernt hat, war er noch so jung, dass er sich doch eher ein Autogramm hätte holen können.

Overath: Ja, wir sind... ja, acht Jahre auseinander. Und jedesmal, wenn wir mit den Klubs gegeneinander gespielt haben, habe ich es auf die Knochen bekommen.

Ich dachte, Herr Bonhof, Sie hätten immer körperlos gespielt?

Overath: Klar, körperlos, mit einer unglaublichen Technik versehen - und nie auf die Knochen. Hahaha. Im Spiel immer frech. Aber anschließend war alles vergessen, wir sind Freunde geblieben.

Bonhof: Das Schöne an der damaligen Zeit war, du wusstest, deine Gegenspieler hast du nächstes Jahr wieder vor der Haustür oder es gab ein Rückspiel. Heute siehst du die vielleicht nie mehr wieder. Bei Wolfgang wusstest du, der wird irgendwann in Köln beerdigt. Ich wusste meine acht Jahre lang, ich treff den Overath, den Cullmann, den Simmet, Tünn oder Flocke, die hast du alle wiedergetroffen.

So waren auch Freundschaften möglich?

Bonhof: Die ist durch den komischen Pott entstanden. Unsere gegenseitige Wertschätzung war da, gerade weil wir uns auch auf dem Platz so bekämpft haben.

Was hätten Sie gerne gehabt, was Wolfgang Overath gehabt hat?

Bonhof: Seine Technik. Ich war ja nur der Techniker am ruhenden Ball.

Overath: Also Biss hatte ich ja auch. Ich habe immer viel geredet und so. Aber der Rainer, der hat mich immer umgehauen und kein Wort gesagt. In seiner Einstellung war Rainer großartig, er ist für die gerannt ohne Ende. Wenn einer bereit ist für andere zu arbeiten, obwohl es ihm keinen Vorteil verschafft, dass wissen nur wenige Leute zu schätzen.

Zum Golfen, Herr Bonhof, konnte Sie Ihren Freund noch nicht überreden.

Overath: Nee, das ist mir zu langweilig. Da kann ich ja gleich spazieren gehen. Ich habe eine besondere Beziehung zu dem da oben. Ich bin so erzogen worden. Ich bin unheimlich dankbar und zufrieden. Ich hab´ soviel Glück im Leben, all die Jahre auf der Sonnenseite gelebt. Glück gehabt im Sport, im Beruf, mit dem Geldverdienen, nette Familie, alle gesund. Ich habe das Gefühl, das ich besonders viel davon auf dem Weg mitbekommen habe. Wenn das so ist, dann muss man besonders dankbar sein. Dass ich auch immer noch Fußball spielen kann. Jede Woche zwei Mal in der Halle. Fußballspielen, das ist das Größte für mich. Du kannst das ja glaube ich mit Deiner Hüfte nicht mehr, Rainer?

Bonhof: Ich hab´ das jeden Samstag. Da spiele ich noch mit eine paar Kumpel in der Halle.

Overath: Spielst Du noch?

Bonhof: Ja, ja, der Doc hat mir gesagt, das hält 20 Jahre, und wenn es nach 18 Jahren raus muss, dann ist es ja auch gut.

Und wie ist es nun mit dem Derby?

Overath: Wieviel Punkte habt Ihr jetzt?

Bonhof: Ach, danach werden wir mehr haben.

Overath: Das werde ich mal unseren Jungs sagen.
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