WM-Euphorie steht auf der Fahndungsliste

Von: Christoph Pauli
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Frauen Tivoli
Die deutsche Frauen-Fußballnationalmannschaft sieht sich nach dem 5:0 über die Niederlande gut gerüstet für die WM im eigenen Land. Foto: Birkenstock

Aachen. Vor dem Tivoli stand ein Fan und verkaufte vier Tickets. „Krankheitsfall”, murmelte der Mann ungefragt, als müsse er sein Projekt erklären. Als Schwarzhändler wäre er ohnehin so deplaziert gewesen wie ein Regenschirmverkäufer in der Wüste.

Frauen-Länderspiel in Aachen, und die Arena war nur zu einem Drittel gefüllt. 11.136 Besucher sahen das putzmuntere 5:0 über die Niederlande. Strenggenommen ist das der schlechteste Besuch des Tivolis in einem wichtigen Spiel. Das ist der Trend ein paar Tage vor dem herbeigesehnten Anpfiff zur WM vor der Haustüre. Auch die letzten Testspiele in Ingolstadt und Bielefeld waren keine Kassenmagneten. Euphorie ist kurz vor der WM noch ein zartes Pflänzchen, das noch kräftig begossen werden will, obwohl die Mannschaft schon reichlich Werbung in eigener Sache macht.

Viele Firmen beobachten das heraufziehende Fest noch mit dem Fernglas. „Die Frauen spielen, was die Aufmerksamkeit angeht, in einer anderen Liga, daran wird auch diese WM auf lange Sicht nichts ändern”, hat der Sportsponsoring-Experte Alexander Krause gerade dem Handelsblatt erzählt.

Vornehme Zurückhaltung

Die Unternehmen halten sich zurück, auch wenn der Alleinstellungsfaktor für Werbetreibende durchaus hoch sein kann. Vor großen Turnieren läuten die großen Firmen der Unterhaltungselektronik regelmäßig neue Produktzyklen ein, Brauereien fahren große Werbeaktionen, die Republik wird mit Werbung überzogen. Vor großen Turnieren.

Diese WM wird ein Publikumsmagnet - etwa 500.000 der 700.000 Tickets - sind verkauft. Das wird noch nicht für flächendeckende Begeisterung reichen und auch nicht für „das zweite Sommermärchen”, von dem DFB-Präsident Theo Zwanziger in der Bewerbungsphase geträumt hat. Dieser ewige Verweis auf das Turnier 2006, das ein ganzes Land vorübergehend verzaubert hat, ist eher eine Belastung.

Der Verband hat die Messlatte zu hoch gelegt, auf Weltrekordhöhe. Statt sich über eine wachsende Begeisterung zu freuen - inzwischen sind eine Million kickende Mädchen und Frauen beim Deutschen Fußballbund angemeldet -, wird der Vergleich gesucht, dem die Frauen nicht standhalten können.

Schon versuchen die Nationalspielerinnen die schlappe Resonanz zu erklären. Ariane Hingst verwies am Dienstag auf die „nicht ganz optimale Anstoßzeit”, die das Fernsehen schon seit Jahren vorgibt. Das Abendprogramm war noch für die Männerabteilung reserviert. Das wird sich in ein paar Tagen vorübergehend ändern. Die Begeisterung wird sich einschleichen.

Schon am Dienstag staunte Torfrau Nadine Angerer, „welche Stimmung gut 10.000 Zuschauer machen können”. Und auch ihre Trainerin Silvia Neid versicherte nach Spielende zuversichtlich, „dass sich WM-Euphorie einstellen wird. Unsere Spiele sind ausverkauft, wir freuen uns auf ausverkaufte Stadien.”

Alleine das ist schon ein guter Erfolg. Und die Spielerinnen haben wenig Interesse, dieses Turnier zu überfrachten und nationale Emphase einzufordern.

Inzwischen merkt selbst Zwanziger, dass es zur Abwechslung auch einmal ein paar Nummern kleiner geht. „Wir dürfen nicht in eine sachwidrige Euphorie ausbrechen, sondern müssten die Dinge nüchtern betrachten.”
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