Wenn Kopf und Beine versagen

Von: Bernd Schneiders
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Abgang mit Schmerzen: Patrick
Abgang mit Schmerzen: Patrick Herrrmann musste mit Wadenkrämpfen ausgewechselt werden, während das Unheil für Lucien Favres Elf weiter seinen Lauf nahm. Foto: Team 2

Mönchengladbach. Die intensive Wechselbeziehung zwischen Körper und Geist machte sich bei keinem Mönchengladbacher so anschaulich bemerkbar wie bei Dante. Borussias Abwehrchef gehört positionell zu den Spielern, die unter den 120 Minuten Pokalkampf gegen die Bayern am wenigsten gelitten hatten.

Verteidiger, speziell diejenigen, die ihrer Arbeit innen nachgehen, müssen nicht so viel laufen wie ihre Vorderleute. Demnach hätte der Brasilianer auch im letzten Drittel des Bundesliga-Spiels gegen Hoffenheim noch genügend Sprit im Tank haben müssen. Doch nach dem Doppel(rück)schlag innerhalb von 142 Sekunden brach sich seine verletzte Psyche auch in körperlichen Symptomen Bahn: Gladbachs bester Verteidiger fabrizierte in den verbleibenden 14 Minuten (inklusive Nachspielzeit) mehr Fehler als in der kompletten Saison zuvor. „Nach dem 1:1 gingen die Köpfe runter”, beschrieb sein Trainer Lucien Favre mehr mitleidig denn vorwurfsvoll die 1:2-Niederlage.

Andere zeigten schon lange vorher, wie groß der Aufwand drei Tage zuvor an gleicher Stätte gewesen war. Patrick Herrmann, nach seinem Schlüsselbeinbruch eh noch nicht bei 100 Prozent, knickte körperlich schon früh in der zweiten Hälfte weg. „Ich hatte Krämpfe und wollte nur noch raus”, gestand er oben ohne in der Mixedzone. Die OP-Narbe auf dem schmalen Oberkörper schimmerte frisch, die Wunde über den zweiten Rückschlag innerhalb von drei Tagen war noch frisch. „Da passt man zwei Minuten nicht auf.”

Der 21-Jährige war bei seiner Auswechslung den Tränen nahe vor Schmerzen. Zu großen Wutausbrüchen fehlte dem Flügelflitzer auch eine halbe Stunde später noch die Kraft. Anders als Marco Reus und Torhüter Marc-André ter Stegen. Während Herrmann tapfer den Journalisten Rede und Antwort stand, tobten Reus und ter Stegen in der Kabine. Verletzt wurden eine Tür und womöglich empfindliche Ohren einiger Medienvertreter. Die erste Heimniederlage nach über einem Jahr, die Ahnung, den dritten Platz an Schalke zu verlieren, die sich wenig später bestätigen sollte und das Gefühl, zwei Mal gar nicht schlecht gespielt aber dennoch jeweils verloren zu haben, nagte an den Gemütern gerade auch der jungen Spieler. „Ich kann nicht sagen, dass es ein verdienter Sieg war”, musste selbst Hoffenheims Coach Markus Babbel zugeben.

Borussia kam naturgemäß zwar zäh in die Partie, hatte die Hoffenheimer Offensive aber jederzeit im Griff und spielte sich nach Anlaufschwierigkeiten Torchancen heraus. „Sechs klare”, zählte Lucien Favre. Doch nur ein 1:0 durch Reus nach schöner Vorarbeit von Herrmann war Ausdruck dieser Überlegenheit (38.). „Wenn man so ein Spiel wie das vom Mittwoch in den Knochen hat, muss man frühzeitig die Entscheidung suchen”, analysierte Rechtsverteidiger Tony Jantschke. Doch Borussia fand das 2:0 nicht. Und das 1:0, das normalerweise bei der Defensiv-Qualität der Favre-Elf eine Garantie für drei Punkte gewesen wäre, reichte an diesem Tag nicht.

Die Niederlage nahm Anlauf kurz nach der Halbzeit: Jeder Ball in die Spitze war sofort wieder weg, Kombinationen mit weniger als zwei Stationen sind nun mal unmöglich, zudem verloren speziell die Offensivkräfte zunehmend jeden Grell im Zweikampf. Ein Musterbeispiel dafür, dass sich defensive Stabilität nicht auf die Abwehr beschränkt. Reus, Herrmann, Arango & Co. stellten ihre Mitarbeit ein. Arango, der nur mit einem Lattenknaller auffällig wurde und offensichtlich am meisten an Substanz im Pokalspiel gelassen hatte, drängte sich ebenso wie Herrmann für eine Auswechslung auf. „Ich wusste, dass es Hoffenheims Plan war, mit zwei frischen Stürmern unsere Müdigkeit auszunutzen”, sagte Lucien Favre.

Dieses Wissen setzte der Schweizer allerdings nur zögerlich um. Igor de Camargo, der Mike Hanke weichen musste, wirkte keinesfalls so schlapp wie Arango, und Oscar Wendt für Herrmann kam viel zu spät, um die Aggressivität in die Borussen-Aktionen zurückzubringen. Der eingewechselte Roberto Firmino traf mit einem abgefälschten Schuss zum 1:1 (77.), Boris Vukcevic nutzte nach einem Eckball einen Stellungsfehler von ter Stegen per Kopf zum Siegtreffer (79.). „Wir sollten das Spiel nie verlieren. Wir waren 70 Minuten viel besser”, sagte Lucien Favre. Es bleiben noch sieben Spiele, um auch wieder über 90 Minuten zu überzeugen. Und etliche Monate, sich konditionell und personell auf Doppelbelastungen einzustellen - ob in der Europa oder doch der Champions League.
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