Wenn das Herz nicht mehr mitspielt

Von: Bernd Schneiders
Letzte Aktualisierung:
15219223.jpg
Nach auskurierter Herzmuskelentzündung wieder am Ball: Schmidts Kapitän Michael Offermann. Foto: Herbert Haeming

Aachen/Schmidt. Für viele Fußballer ist ihr Sport eine Herzensangelegenheit. Und dabei gilt: je niedriger die Klasse, desto tiefer geht diese emotionale Bindung. Gerade dort ist der Kick mehr als eine schweißtreibende Sache am Wochenende für 90 und während der 300, 200, 100 oder null Minuten in den allwöchentlichen Trainingseinheiten.

Die soziale und zwischenmenschliche Komponente nimmt zu mit abnehmenden Verdienstmöglichkeiten. Der soziale Klebstoff wird intensiver, je mehr man sich den Kreisligen nähert. Das ist (Lebens-)Qualität und Risiko zugleich, wie das Beispiel von Michael Offermann zeigt. Der junge Mann spielt für einen A-Ligisten in der Nordeifel.

Es ist Spätwinter, das Wetter ist ruppig wie so häufig in dieser Gegend. Doch den „Eingeborenen“, und daraus rekrutiert sich überwiegend der Kader des Vereins, macht das wenig aus. Es ist der erste Spieltag der Rückrunde. Heimspiel gegen einen möglichen Konkurrenten im Abstiegskampf. Besonders wichtig also, wenn man diese Sache ernst nimmt. Und Michael Offermann nimmt sie ernst, sehr ernst.

Schließlich ist er Kapitän der Mannschaft. Besonders gut vor dem Heimspiel fühlt er sich aber nicht. Wenige Wochen zuvor hatte ihn eine Erkältung am Schlafittchen. In der Spielpause, nicht weiter schlimm also. Nach wenigen Tagen geht es ihm bereits besser. Vielleicht auch, weil Karneval ansteht, in dieser Region fast so wichtig wie Fußball. Der 30-Jährige ist also im Feier-Einsatz, eine körperliche Belastung, wie er zu spüren bekommt. Denn anschließend ist der Infekt wieder da.

Das letzte Training vor dem ersten Pflichtspiel 2017 bricht er früh ab. Er fühlt sich schlapp. Er legt sich ins Bett, und auch der Samstag ist Ruhetag. Seine Freundin ist nicht einverstanden, dass Offermann am Sonntag seine Sachen packt und zum Treffen fährt. Natürlich fühlt sich Offermann noch nicht fit. Aber „ich wollte die Mannschaft nicht im Stich lassen“.

Als Kapitän sowieso nicht, aber es gibt auch in dieser Saison personelle Probleme. Der Schrumpf-Kader verträgt eigentlich keinen Ausfall mehr. Und schließlich will Offermann auch kein Weichei sein, einer, der gleich beim kleinsten Zipperlein die Kumpel hängenlässt. So ist der überzeugte Amateurkicker nicht, und in der Eifel erst recht nicht. Also läuft Offermann auf, er fühlt sich nicht gut, aber seinem Trainer hat er gesagt, es geht.

Nicht mal nach der Pause bleibt er draußen, obwohl er merkt, dass der laufintensive Einsatz im Mittelfeld ihn eigentlich überfordert. Doch noch ist das Adrenalin stärker als jedes Warnsignal und die Vernunft. Erst spät in der zweiten Halbzeit wird das anders. Offermann spürt einen bis dahin unbekannten Druck in der Herzgegend. Ein intensives und beängstigendes Gefühl. Erst jetzt signalisiert er seinem Coach: Ich will raus. Es ist das erste Mal in seiner Laufbahn, dass sich Michael Offermann freiwillig auswechseln lässt.

Am Spielfeldrand empfängt ihn seine besorgte Freundin, sieht erschrocken sein bleiches Gesicht. Er hat ein schlechtes Gewissen, weil er nicht auf ihre Warnungen gehört hat. „Es war nicht die beste Idee meines Lebens“, urteilt Offermann heute über das Beharren auf seinen Einsatz. Dabei versteht seine Freundin etwas von der Materie. Sie arbeitet in einem Krankenhaus, in der internistischen Abteilung, ihr Chef ist Kardiologe. Und genau dahin drängt sie ihren Freund, nachdem er sich am Sonntag zwar ausgeruht hat, aber tags darauf sich immer noch nicht gut fühlt.

Dort wird ein EKG gemacht, das Blut untersucht und das Herz mit Ultraschall kontrolliert. Die Hebungen auf dem EKG gefallen dem Arzt nicht, er verordnet absolute Ruhe. Doch bei der Kontrolluntersuchung zwei Tage später wird beim Ultraschall sichtbar, dass dies nicht reichte: „Es war ein kleiner Flüssigkeitssaum im Herzbeutel zu sehen“, erzählt Offermann. Die Diagnose: eine leichte Herzmuskelentzündung.

Viel Ruhe, wochenlange Pause im Sport und Aspirin helfen. Doch Michael Offermann weiß, dass er Glück gehabt hat. Schwerwiegendere Schäden bis hin zum plötzlichen Herztod sind möglich. Das ist ihm erspart geblieben, auch durch die Hartnäckigkeit seiner Freundin. Der Schmidter Kapitän ist nicht mehr derselbe, sein „Unfall“ hat ihn verändert. Zuvor fühlte er sich altersgemäß „unbesiegbar“, ähnliche Vorfälle beim Fußball, von denen er natürlich gehört hatte, betrafen ihn nicht, nur die anderen. „Ich doch nicht!“

Und auch seine erschrockenen Mannschaftskollegen teilen seine ungewollt frühe Erfahrung:“ Das Leben ist endlich.“ Gut zwei Monate später durfte er wieder Fußball spielen. Anders, aber engagiert und mit Herz wie zuvor. Aber er horcht nun mehr in sich hinein. Und nicht nur er. Nach einem Testspiel zur neuen Saison spürte ein Teamkollege einen unangenehmen Schmerz in der Herzgegend. Sofort ging es ab ins Krankenhaus. „Das hätten wir vorher niemals gemacht.“ Doch es gab Entwarnung: Es war nur ein Nerv eingeklemmt.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert