Vereinsnamen: Eine Reise durch die Region

Von: Christoph Classen und Lukas Weinberger
Letzte Aktualisierung:
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Manche Vereine heißen so seltsam, dass sich ihre Bedeutung kaum jemandem erschließt, manchmal noch nicht mal den Mitgliedern. Grafik: Hans-Gerd Classen

Aachen. Wie ein Verein zu seinem Namen kommt, ist eine Geschichte, die gerne bei Jubiläumsfeiern verteilt wird, weil sie etwas über die Entstehung eines Klubs erzählt, seine Identität. Das ist bei jeder Borussia so, bei jeder Viktoria, Fortuna, Eintracht.

Das sind die Klassiker, gängige Namen, die so weit verbreitet sind, dass sie sich in den Tabellen stapeln. Dazwischen stehen Klubs wie Komet, Falke, Adler, Accordia, Salingia, Wanderlust und Niersquelle. Und die Vereine, die wie Menschen heißen. Roland Millich ist so einer.

Roland Millich

Roland Millich vermutet man weniger in der Tabelle, sondern eher im Telefonbuch, wo er übrigens auch zu finden ist. Dort steht, dass Roland und Sylvia Millich in Sachsen-Anhalt wohnen, aber mit dem Roland Millich von Michael Rapp haben die beiden wahrscheinlich nichts zu tun, weil Rapps Roland Millich in Hückelhoven liegt und eine erste Fußball-Mannschaft hat, die in der Kreisliga B spielt. Rapp ist der Vorsitzende des S.V. Roland Millich 1930, er weiß, wie der Klub zu seinem Namen kam. Den Gründern habe das sogenannte Rolandlied sehr gut gefallen, ein ursprünglich französisches Nationalepos, in dem die Kämpfe Karls der Großen gegen die spanischen Mauren besungen werden. Millichs Fußballer sollte das zu heldenhaften Taten auf dem Platz inspirieren, was mal mehr, mal weniger gut gelang. Rapp ist ehrlich, er sagt, er fände es gar nicht schlecht, wenn Millich Fortuna hieße, aber daraus wird nichts, natürlich nicht. Er sagt: „Wir lieben diesen Verein, und deswegen lieben wir auch den Namen.“

Elmar Kohlscheid

Bei Elmar Kohlscheid gibt es Abteilungen für Leichtathletik, Tischtennis, Basketball, Volleyball, Gymnastik, Triathlon, Langlauf und Ausgleichssport. Eine Abteilung für Schauspielerei gibt es nicht, aber weil es sie früher gab, heißt Kohlscheid Elmar, sagt der Vorsitzende, sein Name ist Dieter Tinnemann. Ursprünglich habe auch eine Laienspielschar zum Verein gehört, der Name Elmar kommt aus dem Stück „Dreizehn Linden“. Er kenne es auch nur zum Teil, sagt Tinnemann, und dass kaum jemand wisse, wo die Bezeichnung herkomme, nicht mal die Vereinsmitglieder. Das ist etwas, was Elmar Kohlscheid und Siegfried Sievernich gemeinsam haben.

Siegfried Sievernich

Franz Josef Rommelfanger gehört zum Verein, wie Sievernich zu Vettweiß gehört. Sievernich ist ein Ortsteil, Rommelfanger ein Urgestein. Siegfried Sievernich wurde 1932 gegründet, Rommelfanger ist seit Beginn der 50er dabei, noch heute leitet er die Tennisabteilung. Rommelfanger sagt, dass sicher jemand wisse, warum Sievernich Siegfried heiße, aber es gebe da ein Problem, er formuliert es so: „Die leben alle nicht mehr, und ich geh‘ auf die 80 zu.“ Seine Frau hat aber eine Idee, sie ruft sie ins Telefon. Zur Gründungszeit sei die Nibelungensage beliebt gewesen, so sei man dann auf den Namen Siegfried gekommen. Rommelfanger überzeugt das, er sagt: „Man wollte schon bei der Gründung den Gegner bang machen.“ Dann lacht er laut.

Komet Steckenborn

Bei den Steckenbornern war es so, dass sie ihrem Verein einen Namen geben wollten, mit dem sie sich von anderen unterscheiden, er sollte einzigartig sein. Und dass ihnen das damals so gut gelang, darauf ist Max Stollenwerk noch heute stolz, er hatte ja seinen Anteil daran. Stollenwerk, 87, war einer der Gründer des SC Komet Steckenborn, 1948 ist das gewesen. Er kann erzählen, wie es war, damals, als der Entschluss, den Verein ins Leben zu rufen, gefallen war, aber ein Name noch gesucht wurde. Sie seien dann die Bezeichnungen der Klubs in der Umgebung durchgegangen, sagt Stollenwerk: „Der eine hieß Hertha, der andere FC Sowieso.“ Komet hieß keiner in der Nachbarschaft, aber einer in Stettin, so waren sie ja auf den Namen gekommen. Stettin war so weit Weg, dass den Steckenbornern genug Einzigartigkeit blieb.

Wanderlust Süsterseel

Wanderlust Süsterseel wurde 1920 getauft, in einer Zeit also, als es sonntags (mehrfach) in die Messe statt zum Sport ging. Ein paar junge Männer wollten aber lieber zum Bolzen als zur Beichte, also versteckten sie ihre Fußballschuhe in der Nähe der Kirche, und nachdem sie die eingesammelt hatten, ging es statt zur Predigt auf den Platz. Zu Fuß. Eine Laufweg, der sich irgendwann derart eingespielt hatte, dass sie ihn bei der Vereinsgründung im Namen verewigten, sie nannten den Fußballklub Wanderlust Süsterseel.

Falke Bergrath

Rudi Gradel weiß über den Verein, was man über ihn wissen kann: Er ist Ehrenvorsitzender von Falke Bergrath, seit 65 Jahren im Verein, seit 40 Jahren im Vorstand. Gradel sagt, dass bei der Gründungsversammlung vor 94 Jahren über einen Vornamen für den Klub abgestimmt wurde, zwei standen zur Auswahl: „Albatros“ und „Falkenlust“, wobei es so war, dass Albatros ein bisschen favorisiert wurde. Es kam anders, Falkenlust setzte sich durch, und unter diesem Namen wurde auch die ersten Spiele ausgetragen. Im Feldhandball, nicht im Fußball. Als 1951 die Fußballabteilung nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut wurde, blieb nur Falke. Gradel sagt: „In der Chronik steht: ‚Der Falke sollte wieder fliegen.‘“ Warum es ausgerechnet ein Vogel sein sollte, weiß noch nicht mal Gradel, aber Bergrath ist kein Einzelfall.

Adler Büsbach

Dafür, dass Adler Büsbach Adler Büsbach heißt, gibt es einen Grund, Günter Samens hat ihn herausgefunden. Er war mal Vorsitzender des Vereins, für fünf Jahre, und in seine Amtszeit fiel das 100-jährige Bestehen des Vereins, das war 2011. Die Geschichte geht so: Kurz nach der Gründung des Vereins bestritten die Büsbacher Fußballer nur Freundschaftsspiele, sie gehörten keinem Verband an, und einen Vornamen gab es auch noch nicht. Gute Fußballer hatten sie dennoch, ziemlich viele, sie waren so gut, dass sich kaum Mannschaften fanden, die gegen Büsbach spielen wollten. Und wenn doch ein Spiel zustande kam, gewann am Ende immer Büsbach. Als die Fußballer nach einem Sieg zusammensaßen, kam die Idee: Der Adler, ein stolzes Tier, erhaben, irgendwie besser als viele andere, das passe doch gut, fanden sie.

Adler Effeld

 

Bei den Adlern Effeld lief es mit der Namensfindung ein bisschen anders, wobei wohl heute niemand mehr weiß, wie genau. Es sei aber wahrscheinlich, dass der Name in Anlehnung an einen bekannten Radsportverein gewählt wurde, am ehesten an Adler Neuwerk in Mönchengladbach. So steht es zumindest auf der Internetseite des Vereins. Die Jugend in Effeld sei damals, als der Verein gegründet wurde, wahnsinnig begeistert vom Radsport gewesen, auch in ihrem Ort hatte es ein paar Jahre zuvor noch einen recht erfolgreichen Radsportverein gegeben. Und so kam das dann wohl.

Accordia Niederbardenberg

Wer Accordia hört, der denkt zunächst an Gesangsvereine, und das ist ja durchaus richtig so. Accordia, lateinisch für Übereinstimmung, ist ein beliebter Name bei diesen Vereinen, es scheint, als heiße jeder Zweite so. Bei Accordia Niederbardenberg wird allerdings Fußball gespielt, aber dass der Verein heißt, wie er heißt, liegt daran, dass dort früher auch viel gesungen wurde. Alfred Lange pflegt die Chronik des Klubs, er sagt: „Der Stamm der ersten Mannschaft bestand aus Sängern.“ Gesungen werde bei der Accordia immer noch, manchmal zumindest, aber vielleicht nicht mehr so gut wie früher.

Salingia Barmen

Dass ihr Verein einen außergewöhnlichen Vornamen hat, finden sie bei Salingia Barmen auch selbst, sie haben ihm auf ihrer Internetseite sogar eine eigene Rubrik gewidmet, sie heißt: „Woher stammt eigentlich der einzigartige Name ‚Salingia‘...?“ Dort steht, Salingia komme von den Saliern, einem Herrschergeschlecht, ausgesucht hat den Namen Christian Droemmer, ein Lehrer an der Volksschule, der den Kindern in den Turnstunden das Fußballspielen beibrachte, 1911 war das. Droem­mer entschied sich demnach für Salingia, weil „die Salier einer schnelle und einsatzfreudige Kampftruppe besaßen“.

Niersquelle Kuckum

Die Niers ist ein Fluss, er entspringt in Kuckum, als Bächlein, keine 15 Meter vom Sportplatz entfernt. Den Klub Niersquelle Kuckum zu nennen, war also recht naheliegend, aber als es so entschieden wurde, 1927 nämlich, da konnte auch niemand ahnen, dass sich der Verein mal vom Bach wegbewegt, der ganze Ort wird ja gehen. Kuckum wurde auf Kohle gebaut, deswegen wird es nach Erkelenz-Nord verlegt, ein Ort macht Platz für den Tagebau. Für den Verein sei der Umzug auch eine Chance, sagt Thomas Portz, der Vorsitzende, eine schöne Anlage soll es in der neuen Heimat werden, auf der auch ein Vereinsheim Platz findet. Portz sagt aber auch: „Ich finde es gar nicht so verkehrt, dass im Namen ein Bezug zu dem Ort steckt, an dem der Klub entstanden ist.“ Es dauert länger, eine Identität aufzubauen als ein Vereinsheim. In Kuckum jedenfalls wollen sie keine neue, und ein Ort, an dem die Bagger der Niersquelle nichts anhaben können, ist der Name des Vereins. Der soll auch in Zukunft Niersquelle Kuckum heißen.

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