Aachen/Düren/Heinsberg - Trainer geben Einblick: Die Brückenbauer aus der A-Liga

Trainer geben Einblick: Die Brückenbauer aus der A-Liga

Von: Johannes Mohren
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Steckten die Köpfe nicht nur fürs Foto zusammen: Markus Schenk (v.l.), Josef Spilles, Georg Bauer, Wolfgang Zimmer und Jochen Küppers. Foto: Wolfgang Birkenstock

Aachen/Düren/Heinsberg. „Wir haben kaum die Möglichkeit, Spieler in Ruhe zu entwickeln. Die Jungs stehen gleich im Fokus, wir müssen direkt Erfolge nachweisen“, betont Wolfgang Zimmer. Der Druck sei groß, die Anforderungen hoch: „Es bleibt keine Zeit, verletzte Spieler zu schonen. Du brauchst sie sofort wieder, kannst nicht einfach auf einen guten Mann verzichten. Wir haben einen festen Physiotherapeuten, sonst lässt sich das nicht verantworten.“

Wolfgang Zimmer ist nicht etwa Profi-Trainer, er coacht keine hoch bezahlten Elite-Kicker. Zimmer ist der Mann an der Linie beim TuS Mützenich, und wenn er diese Sätze spricht, redet er nicht über die Bundesliga, sondern über die Kreisliga A, die erste eingleisige Amateurspielklasse, eingebettet zwischen Bezirksliga und Kreisliga B.

Die Runde nickt bei seinen Worten. Man weiß, wovon Wolfgang Zimmer spricht. Vier Trainer von Kreisliga-A-Teams und FVM-Verbandsportlehrer Markus Schenk sind auf Einladung unserer Zeitung in das Verlagsgebäude an der Dresdener Straße gekommen. Neben Mützenich-Coach Wolfgang Zimmer sitzen Georg Bauer, Trainer des Mützenicher Liga-Konkurrenten TV Konzen, Jochen Küppers, der Rhenania Immendorf in der Heinsberger A-Liga coacht, und Josef Spilles vom Kreis Dürener Klub TuS Langerwehe am Tisch.

Trainer sein, das wird schnell deutlich, ist ihrer aller Passion: „Der Zeitaufwand lässt sich überhaupt nicht in Stunden und Minuten messen. Wir sind einfach mit Herzblut dabei, der Fußball lässt einen nie ganz los“, betont Langerwehe-Coach Spilles. Der Ärger oder die Freude direkt nach dem Spiel, die wiederkehrenden Gefühle beim morgendlichen Blick auf die Berichterstattung, die Vorbereitung des nächsten Trainings, irgendwie sei man dauernd damit beschäftigt. Seine Frau ertappe ihn immer wieder in gedankenverlorenen Momenten: „Sie sagt dann immer: ‚Du tust ja gar nichts’ – und ich merke, dass ich wieder überlege, was ich denn in der nächsten Spielersitzung sage“, erzählt Spilles schmunzelnd.

Es ist Zeit, die sich die Trainer gerne nehmen, die es aber auch braucht. „Die A-Liga in Aachen ist bärenstark – unvergleichlich noch zu den Anfängen meiner Spielerzeit“, betont Georg Bauer vom TV Konzen, der vor vier Jahren die Schuhe an den Nagel hängte. Der Libero etwa, der erfahrene ‚Ausputzer’, gehöre bei fast allen Teams der Vergangenheit an. „Es wird fast ausnahmslos mit einer gut organisierten Viererabwehrkette agiert, die Spieler kennen viele taktische Systeme. Bezirksliga-Teams werden reihenweise durchgereicht. In unserer A-Liga tummeln sich Mittelrheinliga-Spieler, die erstmal ein, zwei Spielzeiten brauchen, um zu begreifen, dass hier ein hohes fußballerisches Niveau herrscht“, so Bauer. Eine Tatsache, die neue Anforderungen an den Trainer als Vermittler stellt – und weiteren Arbeitsaufwand bedeutet: „Früher habe ich die Spieler auf ihre Positionen gestellt und spielen lassen. Heute brauchst du ein Konzept. Eine Taktik, die du den Spielern vermittelst und mit der du schon in die Jugendmannschaften gehen musst“, berichtet Wolfgang Zimmer – und Markus Schenk vom FVM ergänzt: „Wenn ich als Coach eine Spielidee entwickle, muss ich die auch im Training erarbeiten. Dann ist aber die Vorbereitung der Einheit nicht mal eben auf der Fahrt von der Arbeit nach Hause getan, sondern ich muss mich in Ruhe hinsetzen und planen, wie ich das mache“. Ob das auf Kreisliga-A-Niveau schon nötig sei? Die Antwort kommt prompt: „Ja, jedenfalls wenn man ein bisschen erfolgreich spielen will.“

Es ist eine Sichtweise, die Josef Spilles durchaus teilt. Und doch sind es – gerade wenn er und sein Heinsberger Kollege Jochen Küppers von Rhenania Immendorf berichten – besonders die Übungseinheiten, die auch die Krux der Kreisliga A offenbaren. Denn hier wird sie deutlich: die Diskrepanz zwischen den gestiegenen fußballerischen Ansprüchen und dem real Machbaren, die Spannweite zwischen Professionalität und gewachsener Hobby-Mentalität. „Ich bin im Ruhestand, ich habe und nehme mir die Zeit, das Training zu planen. Aber vor der Einheit kommen jedes Mal sporadisch die Telefonanrufe der Spieler mit Absagen. Da muss ich auch nicht lange mit denen diskutieren, das ist meist endgültig“, erzählt Spilles. Enttäuschend sei das dann für ihn – Küppers pflichtet Spilles bei: „Das ist für mich das Schlimmste an der Arbeit: Das ständige Improvisieren, weil mir immer die Leute im Training fehlen. Ich kann heute noch nicht sagen, wie viele morgen Abend beim Training sind“, betont er. Mit zehn bis 13 Spielern kann er meist ‚planen’ – eine Zahl, die ihm große Illusionen raubt: „Ich komme gar nicht in die Lage, dass ich die elf, die sonntags spielen, zwei Mal die Woche kontinuierlich beim Training habe“, berichtet er.

Es ist keine leichte Situation, das klingt aus Küppers Worten unmissverständlich heraus. „Es ist schon demotivierend, wenn man viele Ideen mitbringt, viel Elan hat und sich ja auch irgendwie wünscht, dass seine Spielidee, die eigene Philosophie, sich wieder findet – und dann lässt sich das nur sehr bedingt umsetzen“, sagt er. Spielsituationen oder Standards könne er in den zwei Einheiten unter der Woche nur selten trainieren, es sei – selbst wenn man den Gegner intensiv sichte – kaum möglich, die Erkenntnisse an sein Team zu vermitteln: „Es fehlen mir ja immer Leute, die eigentlich in die Situationen involviert wären. Dann brauche ich das gar nicht angehen“, betont Küppers. Direkt kritisieren will er das nicht, der Stellenwert von Fußball sei bei den Spielern eben ein anderer geworden: „Wir haben früher gesagt: Schatz, am Sonntag können wir nicht heiraten, da haben wir ein Auswärtsspiel.“ Dazu sei heute kein A-Liga-Spieler mehr gewillt: „Da reicht der Geburtstag der Freundin – und ich muss auf den Mann verzichten.“ Mehr Verantwortungsbewusstsein wünsche er sich manchmal, betont Küppers: „Es fehlt oft die Bereitschaft, eine Verpflichtung einzugehen. Fußball spielen heißt: zweimal unter der Woche Training und sonntags ein Spiel. Dieses Bewusstsein ist meist gar nicht so da – die Spieler gehen oft auch den bequemsten Weg.“

Auffangen muss das der Trainer. Er ist der Brückenbauer. Sein (schwieriger) Auftrag: Den Ausgleich schaffen zwischen Anspruch und Realität. Bei ihm, so wird im Gespräch deutlich, liegt der Großteil des Aufwands – er investiert ein Zeitvolumen, das das der Spieler bei weitem übersteigt: „Ich vertrete die Meinung, dass der Trainer der am besten vorbereitete Mann sein muss – an jedem Wochenende. Der muss auch wissen, was beim Gegner los ist, die Stärken und Schwächen kennen“, sagt Spilles. Dabei habe man es in der Kreisliga A besonders schwer. Je höher man trainiere, sagt Spilles, desto einfacher werde es: „Der Mittelrhein- oder Landesliga-Spieler erhält einen finanziellen Aufwand und ihm ist klar, dass er draußen ist, wenn er die Ansprüche nicht erfüllt – auf der Bank oder suspendiert.“ In der Kreisliga A müsse man hingegen auch mit Spielern arbeiten, die „sich mit ihrer Rolle zufrieden geben und gar nicht mehr wollen.“ Zu viel fordern könne er von ihnen nicht, der Lernwille sei nicht besonders groß. Spilles trainiert neben den TuS-Herren auch den Verbandsnachwuchs am FVM-Stützpunkt in Düren – zwei Welten, wie er betont: „Montags habe ich die jungen Männlein vor mir stehen, die saugen auf, sind wissbegierig. Und dienstags trippeln die Senioren schon, wenn die Erklärung mal etwas länger dauert. Die glauben oft, schon alles zu wissen.“ Ihn könne das „wild machen“, sagt er, „mit so wenig Aufwand kann man nicht viel erreichen.“

Die Berichte der Aachener Kollegen stimmen Josef Spilles und seinen Heinsberger Kollegen Jochen Küppers da beinahe ein bisschen wehmütig. „Ich kann mich über die Trainingsbeteiligung nicht beklagen“, betont Wolfgang Zimmer vom TuS Mützenich. Sein Konzener Kollege Georg Bauer kann „meist auf mehr als 17 Spieler“ zählen. Und das bei jeweils drei (!) Trainingseinheiten in der Woche. „Ich bin richtig neidisch, wenn ich höre, was in der Kreisliga A in Aachen alles möglich ist“, betont der Spilles, und Küppers fügt an: „Wenn man sich die Bezirksliga anschaut, sieht man auch, dass die Zahl der Aachener Mannschaften dort dementsprechend höher ist. Das spiegelt schon auch ein Stück weit das Niveau in den A-Ligen wider.“

In Aachen, das zeigt die Trainer-Runde, erreicht die ohnehin hohe Kreisliga-A-Qualität einen noch höheren Grad an Professionalität. Das vielleicht deutlichste Beispiel: der TV Konzen. „Wir sind um sieben Uhr im Sportheim. Dann hängt da die große Taktiktafel und da wird dienstags, donnerstags und freitags bis halb acht Taktik gemacht. Dann geht’s auf den Platz – und vor zehn Uhr sind wir eigentlich nie fertig“, berichtet Georg Bauer. Ein Lauftrainer ist beim TV mit an Bord, einzelne Ligaspiele werden zur Videoanalyse aufgezeichnet und im Winter gibt es ein Trainingslager. „Ich würde das in jeder Liga machen, das ist mein Anspruch, wenn ich ein Team trainiere“, sagt Bauer.

Was einen Coach motiviert, so viel in der A-Liga zu investieren? Georg Bauer zögert nicht einen Moment: „Für mich ist das größte, wenn ich am Platz stehe und habe gegen einen Gegner die richtige Taktik gewählt. Und vor allem, wenn meine Mannschaft innerhalb der 90 Minuten tatsächlich das taktische System wechseln kann“, betont er – und ergänzt ehrlich: „Aber ja, ich glaube, das rechtfertigt nicht wirklich den Einsatz, den man als Trainer zeigt.“ Warum sie es trotzdem alle tun – neben Job und Familie? Die Frage ist wohl nur schwer zu beantworten. Ein gutes Stück Fußballverrücktheit ist aber zweifellos mit dabei.

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