Totaler Mensch, totaler Fußball

Von: Roman Sobierajski
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Aachen. Für das Pokalspiel gegen den FC Bayern München hat sich das Aachener Trainergespann einen kleinen Gag einfallen lassen: Die Spieler führen den Ball im Training auf engstem Raum und stieben auf Kommando entweder auseinander oder müssen sich auf bestimmte Reizworte hin auf den Ball setzen, ihn bis Brusthöhe oder über den Kopf heben.

Die Reizworte lauten: „Robben”, „Schweini”, „Bommel”. „Natürlich wollen wir das Training attraktiver machen und die Aufmerksamkeit der Spieler erhöhen”, erläutert Co-Trainer Eric van der Luer den „Schweini-Trick”.

Mitgebracht hat der 45-Jährige die Masche zwar nicht von seiner fünftägigen Hospitanz bei den Bayern, eine gemeinsame Wurzel gibt es dennoch: „Louis van Gaal und ich haben die gleiche Ausbildung an der Trainerakademie in Zeist genossen.”

Grundprinzipien der niederländischen Fußball-Philosophie finden sich sowohl am alten Tivoli als auch an der Säbener Straße wieder - und auch Aachens Cheftrainer Peter Hyballa „stört” als halber Holländer dabei kaum. „Wir kümmern uns in erster Linie um den Menschen und nebenbei auch um den Fußballer”, beschreibt Eric van der Luer das Kernprinzip nur halb im Scherz.

„Denn der Mensch muss sich wohl fühlen.” Der berühmte - oder eher berüchtigte - Streichelzoo ist aus der Sicht eines Fußballlehrers damit allerdings nicht gemeint. „Ich sehe Kritik als etwas absolut Positives an”, schildert der frühere Mittelfeldspieler seine Sicht. „Kritik ist Rückmeldung von jemandem, der an diesen Menschen glaubt. Kommt keine Kritik mehr, ist auch die Zuversicht geschwunden, dass sich noch irgendetwas ändern könnte.” D

ieses Sicht wird auch von van Gaal bei den großen Bayern praktiziert: „Van Gaal glaubt an das Total-Mensch-Prinzip”, ist van der Luer in Anlehnung an das holländische „Totaal Voetbal” überzeugt - und die Namen Thomas Müller, Diego Contento, Holger Badstuber und zuletzt Thomas Kraft belegen dies. „Contento saß damals, als ich in München hospitiert habe, nur auf der Bank. Man muss um den Menschen kämpfen, und van Gaal geht diesen Schritt. Aber für diesen Kampf sind viele Trainer viel zu faul.”

Auch bei der Alemannia wurden, zum Teil auch aus der Not heraus, und werden junge Spieler entwickelt, an die Profi-Mannschaft herangeführt und auch mit Führungsaufgaben betraut. Spieler, die früher nicht austrainiert und häufig gesperrt waren, Spieler, die Struktur in ihr privates Leben bringen müssen, und Spieler, die für Trainer eigentlich nur Verachtung mitbringen. Ziel ist und bleibt: „Wir müssen das Beste herausholen aus dem, was wir haben”, meint der 42-Jährige. Und „der Beste bestimmt das Niveau. Wer nicht mithalten kann, der wird damit konfrontiert.”

„Keine Sonderbehandlung”

Eine weitere Parallele zwischen Bayern München unter dem 59-Jährigen und Alemannia Aachen? „Bei Louis van Gaal werden alle gleich behandelt. Auch, wenn ein Franck Ribéry aus der Verletzung zurückkommt, gibt es keine Sonderbehandlung.”

Bleibt die letzte Gemeinsamkeit, die sich in München noch an teuren Bauruinen wie einer Sonnenterrasse und einem ebenfalls ungenutzten Swimmingpool aus der „Buddha-Figuren-Ära” von Jürgen Klinsmann dokumentiert, in Aachen in den letzten Jahren an zurückgegangenem Interesse am Fußball der Alemannia. Es muss etwas neu aufgebaut werden.

„Bei uns hat ein Gedankenwechsel stattgefunden”, konstatiert van der Luer. „Der Fußball ist wieder das Wichtigste, das haben wir in drei Pokalspielen hinbekommen. Aber das zu schaffen, ist anstrengend, für uns Trainer genauso wie für die Leute.” Und alle ernsthaft Interessierten sind aufgerufen, daran mitzuarbeiten: „Wir leben von Kritik, von Leuten, die mitdenken und Ideen haben. Das ist bei uns nicht anders als beim FC Bayern München.”
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