Mönchengladbach/Berlin - Systematisches Glück am Niederrhein

Systematisches Glück am Niederrhein

Von: Mike Lukanz, dapd
Letzte Aktualisierung:
Favre
Gladbachs erfolgreicher Fußball-Philosoph: Lucien Favre.

Mönchengladbach/Berlin. Es ist nicht überliefert, ob Michael Frontzeck ein interessierter Beobachter der Formel 1 ist. Wenn dem so wäre, fiele ihm möglicherweise folgendes Bild ein: Da holt ein Rennstall einen neuen Fahrer, setzt ihn ins vorhandene, erfolglose Auto und landet prompt in den Punkten.

Und zwar in jedem Rennen. Der neue Fahrer heißt Lucien Favre, sein Auto Borussia Mönchengladbach. Selten zuvor hat ein neuer Trainer so schnell und nachhaltig die Vorzeichen geändert und das, ohne im Magathschen Stile zuerst die personellen Voraussetzungen massiv zu ändern.

Am 14. Februar dieses Jahres stellte der fünfmalige deutsche Meister Lucien Favre als Nachfolger Frontzecks vor. Ausgerechnet am Valentinstag, mögen sich die leidgeprüften Fans der Borussia seinerzeit gedacht haben. Doch der Schweizer brachte keine Blumen mit, sondern eine Idee. Er erhielt auch keine Blumen, seine Verpflichtung stieß auf Skepsis. Er pflanzte seine Idee vom Fußball überraschend erfolgreich und angesichts der sportlichen Situation im Frühjahr lebensnotwendig schnell in die Köpfe von Marco Reus, Dante und Co.

Favre gab, um im Bild zu bleiben, kein neues Chassis in Auftrag, sondern arbeitete an jeder Schraube. Täglich. Mitarbeiter des Vereins lernen den 53-Jährigen vom ersten Tag an als kooperativen, doch extrem anspruchsvollen, fast schon pedantisch denkenden Übungsleiter kennen. „Ich kenne jede Mannschaft der Bundesliga auswendig”, sagte der aus der französischen Schweiz stammende Fußball-Lehrer bei seinem Amtsantritt gleichsam überzeugt wie charmant.

Dieses Wissen rettete den Verein, gepaart mit reichlich Glück, und hielt ihn in der ersten Liga. „Noch vor kurzem ging es bei uns in jedem Spiel buchstäblich um Leben und Tod”, sagt Favre dem „Tagesanzeiger” aus Zürich, wo er mit FC Zürich bei seinem Engagement zwischen 2003 und 2007 zweimal Meister und einmal Pokalsieger wurde.

Nach dem ausgezeichneten Saisonstart wurden schnell die Parallelen zur Namenscousine aus Dortmund bemüht, die mit der Verpflichtung von Jürgen Klopp vor drei Jahren einen neuen Weg eingeschlagen hatten. „Dortmund und Mönchengladbach sind nicht zu vergleichen”, sagt Favre. Er weiß, vor allem aus seiner Zeit bei Hertha BSC, dass Erfolge und Verdienste schnell vergehen. Doch die Voraussetzungen am Niederrhein sind seit Jahren gut: Der Klub ist schuldenfrei, finanziert sein eigenes Stadion, unterhält eine der besten Jugendabteilungen des Landes und gehört zu den mitglieder- und zuschauerstärksten Vereinen der Bundesliga. Lediglich die sportliche Entwicklung hielt nicht Schritt.

Als Max Eberl vor drei Jahren den Posten als Sportdirektor antrat, wurde viel über seine Philosophie gesprochen, die der ehemalige Profi seinerzeit präsentierte. Der 38-Jährige bemühte das Bild einer Autobahn, auf der sich der Klub befinde und seine Philosophie symbolisiere die Leitplanken. „Es ist wie ein roter Faden, eine einheitliche Arbeitslinie, die sich durch alle Bereiche zieht, von der Jugend, über das Scouting bis in den Lizenzspielerbetrieb”, sagte Eberl.

Die Vorbilder von Eberl, der vorher als Jugendkoordinator des Klubs überzeugte, sind schon lange der FC Barcelona und der FC Arsenal. Zwei Vereine, die seit jeher für eine Spielkultur und eigene Philosophie stehen, egal, wer an der Seitenlinie steht. „Du kannst den absoluten Erfolg nicht garantieren, aber die Wahrscheinlichkeit von Misserfolgen minimieren”, war Eberl überzeugt. Für seine Autobahn und seine Leitplanken fehlte ihm jedoch bis zuletzt das letzte Puzzlestück: der passende Fahrer. Aktuell, vor dem Heimspiel gegen den 1. FC Nürnberg am Samstag, hat Favre die Gladbacher ein halbes Jahr nach größter Abstiegsnot auf einen Champions-League-Platz gesteuert.
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