Simon Rolfes: Karriereende löst keine Wehmut aus

Von: Michael Krämer
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Immer mit vollem Einsatz: Das zeichnet den Leverkusener Simon Rolfes (hier im Zweikampf mit dem Frankfurter Marc Stendera) aus. Foto: sport/Chai v.d. Laage
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Talent mit Geduld: Der 17-jährige Benjamin Henrichs durfte mit ins Trainingslager. Foto: sport/Otto Krschak

Orlando. Vor einem Alligator wurde Simon Rolfes in seiner Karriere noch nie gewarnt. Dafür bedurfte es des letzten Trainingslagers vor seinem Rücktritt im Sommer nach zehn Jahren bei Bayer 04 Leverkusen. Doch im Land der unbegrenzten Möglichkeiten erweiterte auch der 33-Jährige seinen Erfahrungsreichtum noch einmal.

Sorgen bereiten ihm die neben dem Weg zum Trainingsplatz lebenden Reptilien dabei nur bedingt, der Kapitän ist fasziniert. „Das ist ja irre, dass die hier im Tümpel liegen und nicht rauskommen. Ich hoffe, die haben immer genug zu fressen.“

Rolfes, der in Eschweiler-Hehlrath wohnt, will sich den mächtigen Tieren „vielleicht auch noch mal nähern“. Nach den ersten Berichten über die speziellen Nachbarn des Hotel-Geländes hatten er und seine Mitspieler aber erst einmal Distanz gesucht. „Am ersten Tag sind wir ja noch locker über den Golfplatz und am Gebüsch entlang gegangen. Das haben die meisten eingestellt nachdem es auch noch hieß, dass es hier auch Schlangen gibt.“

„Das war wirklich cool“

Am Dienstag traf Rolfes dann die nächsten Tiere. Und zwar überdimensionale Mäuse – allerdings eher ungefährlich: Der Kapitän durfte in die Walt Disney World. Auf der großen Parade in der Heimat von Micky Mouse vertrat er Bayer 04 und grüßte neben den anderen Auserwählten der Florida-Cup-Teilnehmer: Miso Brecko vom 1. FC Köln, Brasiliens WM-Teilnehmer Fred von Fluminense und Ex-HSV-Spieler Paulo Guerrero von Corinthians. Rolfes genoss den Auftritt: „Das war wirklich cool. Die Disney-Parade erlebt man nur einmal im Leben.“

Zu einem Umdenken in der Karriereplanung führen all die Erlebnisse nicht mehr. Den Entschluss, am Saisonende aufzuhören und sich als Sportmanager selbstständig zu machen, bereut Rolfes nicht. „Die Intensität wird immer höher, und ein Ende ist abzusehen. Da entscheide ich lieber selbst, wann es vorbei sein soll.“

Wehmut löst das nahende Ende noch nicht aus – der Blick zurück dafür Zufriedenheit. Rolfes ist „sehr stolz“ auf den Karriereverlauf. Trotz des fehlenden Titelgewinns betrachtet er seine Laufbahn nach zehn Jahren in der Spitzengruppe der Bundesliga sowie zahlreichen Champions-League- und Länderspielen nicht. „Es war mein Traum, Profi zu werden, und mein Übertraum, Nationalspieler. Für beides habe ich gekämpft, und beides habe ich erreicht. Leider haben wir das EM-Finale 2008 verloren, das wäre natürlich ein Riesending gewesen.“ Vielleicht kommt das Beste ja noch zum Schluss: Das erklärte Ziel ist das Pokalfinale.

Die Weichen für die Zeit danach sind schon gestellt, der Mittelfeldspieler, der vor seinem Wechsel nach Leverkusen in der Saison 2004/05 mit Alemannia Aachen in der Bundesliga spielte, treibt seine zweite Laufbahn mit Nachdruck voran. Parallel zum Sportmanagement-Studium an der FH Koblenz hat Rolfes die Firma „Olympia – the Career Company“ gegründet. Nach dem Saisonende beginnt er die Arbeit als selbstständiger Karriere-Manager für Sportler.

Vor allem an junge Spieler will er seine Erfahrungen weitergeben. Er beobachtet die Entwicklung des immer größer, schneller und individueller werdenden Profi-Fußballs skeptisch. „Die Jungs trainieren viel früher professionell und verbringen viel Zeit auf dem Fußballplatz. Das hat Konsequenzen in der Entwicklung der Persönlichkeit. Wenn man nur in den Fußball investiert, bleiben mögliche andere Dinge auf der Strecke, die zur Entwicklung als Kind gehören.“

Aufgrund der für Talente bezahlten Millionen-Summen und den damit verbundenen Erwartungen fehle jungen Spielern die Chance, in das Geschäft hineinzuwachsen. „Damit umzugehen ist eine extreme Anforderung. Trotz der für sie bezahlten Summen sind sie ja erst 17,18 Jahre alt. Die Problematik ist, dass kurzfristig dann viel erwartet wird. Aber man muss in die Langfristigkeit investieren und sich nicht gleich so großem Erfolgsdruck aussetzen.“

Benjamin Henrichs steht gerade an dieser Schwelle. Der Junioren-Nationalspieler durfte mit den Profis ins Trainingslager fliegen. Ein lange gehegtes Ziel, das auch von ihm nicht immer entspannt verfolgt wurde. „Wenn man sieht, dass Mitspieler aus den Auswahlmannschaften schon mit den Profis trainieren, will man natürlich auch direkt hoch. Man vergleicht sich ja. Aber man muss Geduld haben“, sagt der 17-Jährige. Dass das nicht so einfach ist, liegt oft auch am Umfeld, das aufgrund der gezeigten Leistungen unbewusst immer mehr Ergebnisse erwartet. „Klar fragen einen die Freunde: Wann spielst du endlich oben mal?“, sagt Henrichs.

Vernünftig, nicht asketisch leben

Diese Automatismen kennt Rolfes bestens – und warnt vor einem Dilemma: „Je besser die Spieler in jungen Jahren schon sind, desto weniger Menschen gibt es im Umfeld, die Dinge sagen, die den jungen Spielern nicht gefallen.“ Diese Rolle übernimmt er zukünftig im Berufsleben. Einen Rat für die aufstrebende Generation hat er aber schon jetzt: „Man muss sich auf die wesentlichen Sachen konzentrieren und nicht mit Statussymbolen beschäftigen. Dieser ganze Kram kommt früh genug und ist nicht zu vermeiden. Es geht nicht darum, asketisch zu leben, sondern vernünftig.“

Simon Rolfes weiß, wovon er spricht. Vernünftiger als seine Laufbahn ist kaum eine Karriere in der Bundesliga verlaufen. Da kann man es sich dann am Ende auch mal erlauben, auf dem Weg zum Trainingsplatz nach Alligatoren zu suchen.

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