Relegation ist was Schönes - wenn es gut ausgeht

Von: Heribert Förster
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Der mit dem Maskottchen jubelt
Der mit dem Maskottchen jubelt: Igor de Camargo, Schütze des einzigen Treffers im Relegations-Hinspiel zwischen Borussia Mönchengladbach und dem VfL Bochum. Foto: Olaf Kozany

Mönchengladbach. Relegation ist was Schönes - wenn es gut ausgeht. 102 Erstliga-Spiele waren zuvor im Borussia-Park in Mönchengladbach an- und abgepfiffen worden, noch nie, noch nie in so einer prickelnden, aufgeheizten, wunderschönen, mitreißenden Atmosphäre!

Relegation ist was Schönes: Die Deutsche Fußball Liga (DFL) zelebrierte die Partie zwischen Borussia Mönchengladbach und dem VfL Bochum, als wäre es das Finale der Europa League. Mindestens. Glück für die DFL, dass sich mit der Borussia und dem VfL zwei Vereine gegenüberstanden, die glücklich waren, nach ihren turbulenten Saisonverläufen die beiden Entscheidungsspiele um den Klassenerhalt bzw. Aufstieg bestreiten zu dürfen. Bei einem Duell zweier Frustrierter, zum Beispiel bei einem Duell Wolfsburg gegen Augsburg, wäre es nah am Rande der Lächerlichkeit gewesen.

Relegation ist was Schönes: Es war nicht Wolfsburg gegen Augsburg, es war Gladbach gegen Bochum, und es war: unterhaltsam, temporeich, spannend, manchmal gut, manchmal zerfahren - aber nie langweilig. Und für Menschen mit gesundheitlichen Problemen nicht unbedingt empfehlenswert. Selten sind Fußballspiele so emotional gewesen.

Das Stadion bebt

Als Igor de Camargo per Hacke mit seinem kuriosen Treffer in der Nachspielzeit das 1:0 für die Borussia erzielt hatte, brachte der Brasilianer nicht nur das Stadion zum Beben - auch Friedhelm Funkel.

Natürlich, denn die zehn Sekunden, die Schiedsrichter Günter Perl an die vom Vierten Offiziellen angezeigte Nachspielzeit anhängte, trieben dem Bochumer Trainer die Zornesröte ins Gesicht (vielleicht waren es ja zehn der gefühlt 34 Sekunden, die Bochumer Spieler mehrmals zu lange am Boden gelegen haben. . .). Diese zehn Sekunden eigneten sich jedenfalls hervorragend, um schon für das Rückspiel am kommenden Mittwoch (20.30) Aufbauarbeit zu leisten. Funkels Motto: Wir sind die Armen, die Kleinen, die Betrogenen. Relegation ist vor allem Emotion!

Noch eine Stunde nach dem Spiel sah man Menschen kopfschüttelnd über das Gelände gehen, immer noch gefangen von diesen 92:10 aufwühlenden Minuten. Martin Stranzl hatte sich schon eine Viertelstunde nach dem verspäteten Abpfiff wieder im Griff. Nein, auch im Inneren brodele es nicht mehr, „ich bin ganz ruhig”. Die Analyse des Mönchengladbacher Abwehrchefs war treffend: Zu hektisch habe man gespielt, zu schnell nach vorne, aber: „Das Ergebnis nehmen wir gerne mit, haken es jetzt schnell ab und konzentrieren uns auf nächsten Mittwoch.” Ach ja, „die Stimmung war heute sensationell.”

Das sah auch Lucien Favre so („unglaublich, fantastisch”), der genau wie Kollege Funkel ein gutes Spiel gesehen hatte. „Beide Mannschaften haben probiert, Fußball zu spielen.” Bei der Borussia sei es allerdings manchmal „zu kompliziert” gewesen, „es war einfach sehr schwer”; wie erwartet sehr schwer.

Gewonnen hat die Borussia noch nichts, „eine Etappe” sieht Favre gerade einmal bewältigt, „ein 1:0 ist gut im Europacup”. Und Relegation ist wie Europacup, manchmal sogar unterhaltsamer. „Bochum hat sehr kämpferisch gespielt und uns vorne oft unter Druck gesetzt”, urteilte der wieder einmal zuverlässige Torwart Marc-André ter Stegen, dessen Bilanz als Profifußballer fast schon beängstigend ist: 5:1, 0:1, 1:0, 1:0, 1:0, 1:1, 1:0 - fünf Siege (vier zu Null), ein Unentschieden, eine (unglückliche) Niederlage, nur drei Gegentore in sieben Spielen. Respekt.

„Wenn wir nicht nachlassen, schaffen wir den Klassenerhalt”, sagt der 19-Jährige, der dem 57- jährigen Friedhelm Funkel eigentlich nicht mit auf den Weg geben musste: „Solange der Schiedsrichter nicht abpfeift, muss man weiter spielen.” Der Fahrensmann weiß das selbst. Und auch, dass auf dem Täfelchen des Vierten Offiziellen nur die Mindestdauer der Nachspielzeit angezeigt wird, und das jede weitere Sekunde Nachspielzeit im Ermessen des Schiedsrichters liegt - zur Not auch zehn Sekunden. Aber mit wüsten Schiedsrichter-Beschimpfungen kann man Emotionen schüren, damit Relegation vielleicht für Bochum doch noch was Schönes hat - wenn es gut ausgeht.
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