Mönchengladbach - Meyer: Retten ja - aufbauen nein

Meyer: Retten ja - aufbauen nein

Von: Bernd Schneiders
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Das letzte Foto: Hans Meyer feiert den Klassenerhalt, gleichzeitig verabschiedet er sich auch von seinem Trainerstab. Foto: Team 2

Mönchengladbach. Fünf Tage dauerte der Eiertanz: Dann erklärte Hans Meyer seinen Rücktritt als Trainer von Borussia Mönchengladbach. „Das hätte man eigentlich spüren können”, sagte der 66-Jährige.

Man konnte es in der Tat schon früher spüren: Der Fußballlehrer hatte sich aufgerieben bei - wie er erklärte - seiner schwierigsten Aufgabe in seiner 38-jährigen Trainerlaufbahn: der Rettung des Klubs vor dem drohenden Abstieg. Auch, weil es wie während seiner ersten Ära, damals noch am Bökelberg, einen nervenaufreibenden Nebenkriegsschauplatz gab: sein Zwist mit dem Boulevard und großen Teilen der so genannten seriösen Presse.

Sein Meisterstück hatte wenig damit zu tun, wie Meyer gerne Fußball spielen lässt. Mehr damit, wie er mit den Unzulänglichkeiten der Mannschaft pragmatisch am produktivsten umging. Die B-Note war zu vernachlässigen. Nach elf Punkten in der Hinrunde häufte er mit der Mannschaft noch weitere 20 an und rettete Borussia direkt. „Das war meine Aufgabe: Rette uns!” Wie schwierig es werden würde, hatte er unterschätzt. Und das Leben und Arbeiten unter dem Damoklesschwert Abstieg sieht er deshalb auch nicht als „Aufbau: Ich habe nur den Anfang gemacht, ein, zwei Weichen gestellt.”

Und für die nun anstehende Arbeit sei er nicht geeignet. „Mit Hans Meyer, mit einem fast 67-Jährigen, kann man keine Mannschaft aufbauen”, begründet er seinen Rücktritt. „Mit meiner Erfahrung konnte ich helfen, die Klasse zu halten. Alles andere ist nicht produktiv, nicht für Hans Meyer - und nicht für den Fußballklub Borussia Mönchengladbach.” Mit einem weiteren Jahr der Zusammenarbeit würden die Probleme nur vor sich hergeschoben. „Man sollte nichts anderes hineininterpretieren.”

Eine sportliche Entscheidung also, und nicht der Zwist mit einem immer ungnädigeren Umfeld und seinen Erzfeinden vom Boulevard. In der Tat blieb Hans Meyer bis zu seiner letzten Amtshandlung, der Einwechslung von Marko Marin im Saisonabschluss-Spiel gegen Borussia Dortmund, sich selbst treu und unbeugsam. Es ging um die Rettung des Klubs, um die Stärke der Mannschaft, nicht um die Karriereförderung eines Talentes.

Doch eben so zu agieren, schafften nicht alle Verantwortlichen in der in den letzten Jahren an Entlassungen so reichen Klub-Geschichte. „Das hing nicht mit schwachen Trainern oder Sportdirektoren zusammen”, urteilt Meyer. Seine Linie durchzuziehen unter Inkaufnahme persönlicher Verunglimpfungen: Hans Meyer hat es mal wieder gegen alle Widerstände geschafft. Das hatten Sportdirektor Max Eberl und Teammanager Steffen Korell, beides Ex-Spieler Meyers, nur ihm zugetraut. „Weil ich in der Lage bin, dass man mich anpinkelt und ich dennoch nicht umfalle.”

„Es geht nicht um mich”, betont der Thüringer immer wieder. Worum es ihm geht, verdeutlicht ein Zitat des italienischen Trainers Arrigo Sacchi, das er häufig benutzte: „Ich wünsche mir, dass das System entgiftet wird . . . Dass unser Fußball sich weiterentwickelt in einem Ambiente, das den Fußball liebt und nicht die Polemik.” Das habe Sacchi gesagt, von ihm, Hans Meyer, aber käme hinter dem letzten Begriff eine Zusatz-Klammer: (Dummheit, Böswilligkeit, Hass und Neid).

Auch Borussia trifft der Rückzug nicht völlig überraschend. Doch die Planung von Eberl & Co. sah noch ein weiteres Jahr vor, bevor Meyer das Zepter seinem Nachfolger übergeben sollte. Diese Chance aber war, wenn man den professionellen Scherzbold Meyer ernst nimmt, eher klein. „Wenn wir uns für den Europapokal qualifiziert hätten, dann . . .” So aber nutzte er „meine kleine Vorsichtsmaßnahme”, die Vereinbarung, dass „wir uns auf jeden Fall nach der Saison zusammensetzen, um über alles zu reden”.

Er sieht Borussia auf einem guten Weg. Auf seinen Nachfolger sieht er „genügend richtige Arbeit” zukommen, „aber das wird ihm viel Spaß machen”. Hans Meyer war er zuletzt abhanden gekommen.

Kommentiert: Die Leiden des nicht mehr jungen Hans M.

Die Seele ähnelt einer Mülldeponie. Leider keiner, in der die abgelagerten Stoffe recycelt werden. Es ist eine emotionale Endlagerung, und irgendwann ist die Kapazität erreicht, wo nichts mehr hineinpasst. Bei Hans Meyer ist das der Fall. Auch deshalb, weil sich seine Streitigkeiten nicht mehr auf den schon traditionellen Kleinkrieg mit dem Boulevard beschränkten.

Bis hinein in die seriöseste Agentur hat sich im Internetzeitalter das Primat der Schnelligkeit gedrängt. Journalistische Kern-Tugenden wie Gegenchecken und das Überprüfen der Seriosität von Quellen gehören der Vergangenheit an. Unreflektiertes Abschreiben und Urteilen ohne jeden fachlichen Hintergrund inklusive. All dies ist weder Mönchengladbach- noch Sport-spezifisch, was noch erschreckender ist. So ist halt unsere Gesellschaft. Damit kann sich ein Hans Meyer immer weniger abfinden und arrangieren. Der 66-Jährige verlor viel Kraft bei seinen Scharmützeln.

Und er merkte, dass verantwortliches Arbeiten im Fußball in diesem Kontext für ihn immer schwieriger wurde. Seine Toleranzschwelle sank von Spieltag zu Spieltag, er wartete förmlich auf schwachsinnige Fragen, statt sie mit Altersweisheit zu belächeln. Sein Entschluss ist nüchtern und richtig: Er schützt sich und den Klub. Ein weiteres Jahr unter diesen Umständen war keinem mehr zuzumuten. Zehn Trainer in zehn Jahren: Die jüngste Demission allerdings hat Borussia nicht zu verantworten. Wohl aber, weitere fünf Millionen trotz der zweistelligen Ablösesumme für Marcell Jansen erst freigemacht zu haben, als die Abstiegsmesse fast schon gesungen war.

Jos Luhukay hätte sie auch gut gebrauchen können. Noch wichtiger aber ist Vertrauen und Geduld zu investieren in Trainer und Manager. Mit Max Eberl hat man einen Sportdirektor, der nicht nur Herzblut für Fußball und den Verein besitzt, sondern auch schon bewiesen hat, konzeptionell arbeiten und gute Transfers stemmen zu können. Die Grundlagen sind da. Und wenn dann auch noch das Publikum mehr Herz als „Pfiffigkeit” beweisen würde...

Die Trainer von Borussia Mönchengladbach:

Hans Meyer 6. September 1999 - 1. März 2003
Ewald Lienen 1. März 2003 - 21. September 2003
Holger Fach 21. September 2003 - 27. Oktober 2004
Horst Köppel 28. Oktober 2004 - 1. November 2004
Dick Advocaat 3. November 2004 - 18. April
2005 Horst Köppel 18. April 2005 - 14. Mai 2006
Jupp Heynckes 23. Mai 2006 - 31. Januar 2007
Jos Luhukay 31. Januar 2007 - 5. Oktober 2008
Christian Ziege 5. Oktober 2008 - 18. Oktober 2008
Hans Meyer 18. Oktober 2008 - 28. Mai 2009
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