Jens Lehmann: 40 Jahre und kein bisschen leise

Von: Sebastian Stiekel, dpa
Letzte Aktualisierung:
Jens Lehmann
Der Stuttgarter Torhüter Jens Lehmann. Foto: dpa

Stuttgart. Manchmal verhält er sich eher wie ein 20- jähriger Heißsporn. Jens Lehmann hat in dieser Saison schon eigenmächtig das Münchner Oktoberfest besucht, sich eine Rangelei mit Dortmunds Neven Subotic geliefert oder sich in Hannover sogar mit einem Balljungen angelegt.

Dabei wird der Torwart des VfB Stuttgart am Dienstag 40 Jahre alt. Lehmann ist der älteste Spieler der Fußball-Bundesliga, er hat in seiner Karriere fast alles erreicht, aber zumindest auf dem Platz ist er mit zunehmendem Alter nicht ruhiger, ausgeglichener oder gelassener geworden. Die große Frage ist: Wie passen seine Erfahrung und dieses Verhalten zusammen?

Jens Lehmann sitzt im Presseraum des VfB Stuttgart und versucht, diese Frage zu beantworten. Er ruht in sich, ist sehr freundlich und nachdenklich dabei - er gibt ein ganz anderes Bild ab als auf dem Platz. Den Unterschied zwischen dem Lehmann im Tor und dem Lehmann im Privaten erklärt er mit einigen negativen Erfahrungen, die ihn geprägt hätten: Er habe in 22 Profijahren gelernt, dass man in diesem Geschäft mit Nettigkeit und Gelassenheit „nicht weiterkommt”.

Mit 23 wurde er bei Schalke 04 mal in der Halbzeit ausgewechselt. 1998 ging er zum AC Mailand und saß dort fast nur auf der Bank. Als er daraufhin zu Borussia Dortmund wechselte, feindeten ihn die Fans wegen seiner Schalker Vergangenheit an. Die Konsequenz daraus ist, „dass ich auf dem Platz nicht nachdenke, wie etwas aussieht, sondern wie ich Erfolg haben kann”, sagt Lehmann. Aggressivität vorzuleben, gehört für ihn manchmal dazu. Sein Rivale Oliver Kahn tat das, weil es seinem Naturell entsprach. Bei Lehmann ist mehr Strategie dabei.

Manchmal geht er damit zu weit. Es gibt auch Tage, da endet das im Widerspruch, wenn ausgerechnet Lehmann nach seinem Streit mit einem Balljungen den Verfall von Anstand und Sitte beklagt. Aber er sagt von sich: „Es gab nie eine Aktion, bei der ich dachte: Das war wirklich böse.” Und er hat es mit seiner Art auch weit gebracht.

Mit Schalke gewann er 1997 überraschend den UEFA-Pokal. 2002 wurde er mit Borussia Dortmund deutscher Meister, 2004 mit dem FC Arsenal Champion in England. Es fällt auf, dass Lehmann mit zunehmendem Alter immer erfolgreicher wurde, einen Stammplatz in der Nationalelf erkämpfte er sich erst mit 36. Die bittersten und zugleich bedeutendsten seiner 61 Länderspiele waren das WM-Halbfinale 2006 und das EM-Endspiel 2008. Im kommenden Jahr will er endgültig aufhören.

Lehmann ist nur einmal schwer verletzt gewesen (1992) und mit der Zeit „immer perfektionistischer” geworden. Das erklärt den Verlauf seiner Karriere. Er sagt aber auch: „Ich bin anders groß geworden als die Spieler heute. Früher ging es nur ums Gewinnen. Heute können Spieler schon nach drei, vier Jahren materiell sehr zufrieden sein.” Er habe „bei jungen Spielern manchmal das Gefühl, dass nicht Titel für sie bedeutend sind, sondern ein guter Vertrag.”

Beim VfB Stuttgart schätzt man seine Ansichten. „Er spricht die Sachen klipp und klar an und strahlt dabei eine gewisse Ruhe aus. Aufgrund seiner Erfahrung ist er sehr, sehr wichtig für mich”, sagt Trainer Markus Babbel. Als der nach dem Pokal-Aus in Fürth auf der Kippe stand, sprach Lehmann sich deutlich und öffentlich für ihn aus. Sein Wort hat trotz aller Eskapaden Gewicht beim VfB - und manchmal auch Humor. Als Jens Lehmann gefragt wird, worauf er sich nach seinem Karriereende besonders freut, sagt er: „Auf das nächste Oktoberfest.”
Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert