Aachen - Ist der Mindestlohn für Amateur-Fußballer ein Fehlpass?

Ist der Mindestlohn für Amateur-Fußballer ein Fehlpass?

Von: Bernd Schneiders
Letzte Aktualisierung:
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Auf die Vereine kommen höhere Kosten und viel Verwaltungsaufwand zu. Das Gesetz wirft mehr Fragen auf als es Antworten gibt.

Aachen. Eins ist sicher: Steuerberater eines Fußball-Amateur-Klubs möchte man derzeit weniger denn je sein. Verantwortlich dafür ist ein Gesetz, das von der Großen Koalition verabschiedet wurde und seit dem 1. Januar gilt. Fakt ist: Falls so genannte Vertragsamateure, die bis dato mit den als Mindestsatz vorgeschriebenen 250 Euro belohnt wurden, mehr als 29 Stunden für ihren Sportverein arbeiten, gilt der Mindestlohn von 8,50 Euro pro Stunde.

 Ausgenommen vom Mindestlohngesetz (MiloG) sind Ehrenamtler und Auszubildende. Das ist Gesetz, und das ist sicher. Doch damit hat es sich auch schon mit den Sicherheiten. Denn die Anwendung auf den Fußball-Alltag entpuppt sich als kompliziert und verwirrend.

Wieviel zeitlichen Aufwand investiert denn ein Vertragsamateur in sein Hobby – oder sollte man bei 250 Euro schon Arbeit sagen? Der Fußball-Verband Mittelrhein (FVM) stellt auf seiner Homepage eine problemreduzierende Rechnung vor. Drei Trainingseinheiten pro Woche à 1,5 Stunden plus 2,5 Stunden fürs Spiel inklusive Aufwärmen und Vorbesprechung = 7 Stunden pro Woche ergeben rund 30,31 Stunden im Monat. Gut gezielt! Das schießt nur minimal übers 29-Stunden-Limit hinaus. Beruhigend resümiert FVM-Jurist Stephan Osnabrügge, um dem MiloG zu genügen, müssten so nur 257,63 Euro gezahlt werden – nur 7,63 Euro mehr als die Mindestvergütung für einen Vertragsamateur beträgt.

Da wird sich so mancher Finanzjongleur eines Amateur-Klubs erleichtert den Angstschweiß von der Stirn wischen. Wäre da nicht zum Beispiel die Vereinigung der Vertragsfußballer (VDV), deren Geschäftsführer Ulf Banowsky offensichtlich ein Verfechter der Zeitaufwand- und Bezahlungsoffensive total ist. Er macht eine ganz andere Rechnung auf: Anfahrten zu Auswärtsspielen etwa müssten eingerechnet werden.

Der Gewerkschaft waren die umgerechnet drei bis vier Euro Stundenlohn für Vertragsspieler in mittleren Spielklassen schon lange ein Dorn im Auge. „In der Oberliga sind 40 bis 50 Stunden pro Monat wohl der absolute Mindestaufwand für einen Fußballer, da nicht nur Spiel und Training zählen.“ Hallenturniere dürften angesichts des drohenden Zahlenwerks für viele Vereine ein Tabu werden. Ein halbtägiger oder noch längerer Aufenthalt unter dem Dach würde schnell die Klub-Kasse sprengen.

Viele Vereinsvertreter wenden sich verunsichert an ihre Verbandsoberen mit der Bitte um Klarheit. Selbst Manager von Profi-Klubs kratzen sich ratlos am Kopf. Zwar gilt das Gesetz nicht für Jugendliche unter 18 Jahren oder Auszubildende. Aber Mönchengladbachs Sportdirektor Max Eberl etwa merkt an: „Für mich sind auch U 19-Spieler und viele in der U 23 noch Auszubildende. Wir haben die Information bekommen, dass die Anwendung des Gesetzes bundesweit geklärt werden soll.“

Für die Profi-Klubs geht es nicht ums finanzielle Überleben, anders als für viele Amateur-Klubs. Denn zum Mindestlohn von 257 Euro oder mehr kommen selbstverständlich die Sozialabgaben hinzu. Und wie soll ein ambitionierter Verein Personalkosten von mehr als 70.000 Euro im Jahr nur für einen 17er-Kader etwa stemmen, da ja auch noch Trainer- und Materialkosten sowie möglicherweise die Finanzierung einer Jugendabteilung hinzukommen?

Neben der Diskussion um die anzurechnende Zeit besteht große Unklarheit über den Begriff Ehrenamt. Die Tätigkeiten von Platzwart, Übungsleiter oder Vereinsvorständen fallen nicht unter das Mindestlohngesetz. Aber was ist ein Spieler? Auch dazu gibt der FVM in Person von Stephan Osnabrügge einen Hinweis, der jedoch ebenfalls mit einem „aber“ versehen wird. „Gezahlte Vergütungen sind von der Geltung des MiloG befreit, solange es sich um ehrenamtliche Tätigkeit handelt.“ Dies sei dann der Fall, wenn diese Tätigkeit „nicht von der Erwartung einer adäquaten Gegenleistung, sondern vom Willen geprägt ist, sich für das Gemeinwohl einzusetzen“.

Ab wann aber spielt ein Fußballer fürs Geld und nicht für das Wohl seines Vereins? Ehrenamtlich kicken – für einen Spieler, der sich was fürs Studium dazuverdienen möchte, ausgeschlossen? Findige Klubs finanzieren anspruchsvolle Spieler darüber, dass sie zusätzlich zu Aufwandsentschädigungen und Punkteprämien ihnen noch über eine (Pseudo-)Tätigkeit als Jugendtrainer Geld zukommen lassen. Nach dem Motto: Ehrenamt bringt auch Geld.

Wenn der Erste klagt . . .

Das Mindestlohngesetz war nicht für den Sportbereich gedacht, wird diesem aber aufgepfropft. „Es gehört ab sofort zu dem ohnehin nicht einfachen rechtlichen Umfeld, das unsere Vereine zu beachten haben. Und zur Vereinfachung des Umfelds der ehrenamtlichen Betätigung trägt es sicher nicht bei“, urteilt Stephan Osnabrügge. Geklärt werden diese Ungewissheiten wohl erst, wenn der erste Vertragsamateur klagt. Ansonsten wird die Kompliziertheits-Spirale sich wohl weiterdrehen – bis auch der Steuerberater eines A-Ligisten die 29-Stunden-Grenze überschreitet.

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