Berlin - „Ich mag die Bundesliga - aus der Entfernung”

„Ich mag die Bundesliga - aus der Entfernung”

Von: Ronny Blaschke
Letzte Aktualisierung:
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Bildnummer: 05655057 Datum: 20.03.2010 Copyright: imago/Bernd Müller
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Berlin. Thomas Broich wirkt hilflos, als er 2010 in die Kamera des Bonner Filmemachers Aljoscha Pause blickt. Er ist beim 1. FC Nürnberg angelangt, längst ist die Zeit vorbei, in der Broich als angehender Nationalspieler galt. Es ging schleichend abwärts, 2006 in Gladbach, danach in Köln.

Nun glaubt er in Nürnberg endgültig, dass Fußballspielen verlernt zu haben, allein der Gedanke an Training lässt seine Beine schwer werden. Er lebt in einer Stadt, in der er nicht leben will. Er arbeitet in einer Branche, deren Regeln er nicht akzeptiert. Er zeigt Symptome einer Depression, er verachtet seinen Beruf, den er lange gebraucht hatte. Er kann einfach nicht mehr.

Zu diesem Zeitpunkt, 2010, hätte die Langzeitdokumentation von Thomas Broich und Aljoscha Pause mit einer vertrauten Botschaft enden können: Spieler, die sich anders geben, die nicht alles mitmachen wollen, sind in der Ergebnisfabrik Bundesliga zum Scheitern verurteilt. Seit 2003, seitdem Broich als 22-Jähriger bei Wacker Burghausen auffiel, begleitete ihn Pause immer wieder mit der Kamera. Ihr Plan: der Blick hinter die Kulissen einer Karriere, offen, schonungslos.

An diesem Freitag feiert der Film nun in Berlin beim Fußballfilmfestival 11mm Premiere: „Tom Meets Zizou - Kein Sommermärchen”. Der Titel geht auf eine frühere Email-Adresse Broichs zurück, auf seine Begeisterung für Frankreichs Idol Zinédine Zidane. Pause hat mehr als hundert Stunden Material gedreht. Entstanden ist dann doch keine Studie des Scheiterns. Eher eine Wegbeschreibung aus gefühlter Ausweglosigkeit.

Heute mit sich im Reinen

Wer Thomas Broich, 30, in diesen Tagen gegenübersitzt, erlebt einen selbstbewussten Mann, der mit sich im Reinen ist und der entspannt mit seiner Vergangenheit umgehen kann. Anfangs wurde Broich von Medien als „Mozart mit der Kugel” hofiert, als Intellektueller, der Dostojewski liest, Klavier spielt, Miniaturen von griechischen Tempeln töpfert - während Mitspieler in Waffenmagazinen blättern. „Ich war sehr eitel, ich dachte, ich könnte den Fußball auf meine Art revolutionieren”, sagt Broich. „In meiner Naivität habe ich nicht begriffen, dass dadurch eine Fallhöhe entsteht. Ich habe aus dem Auge verloren, dass ich in erster Linie Fußballer bin.”

Das öffentliche Bild, das Medien von ihm entworfen hatten, legten sie ihm negativ aus, als der Erfolg ausblieb. Broich war in seinen Teams isoliert, fühlte sich zunehmend verletzt. Sein Freund und Trainer in Nürnberg, Michael Oenning, sagt im Film, wer sich im Fußball anders gibt, werde schnell als Gefahr wahrgenommen.

Broich beschreibt die Branche als Illusion, in der man verschiedene Rollen annehmen muss: „Ich wurde von Erwartungen fremd gesteuert.” Er wollte wieder selbst navigieren und flüchtete - so weit weg wie möglich.

2010 ist Broich nach Australien gewechselt, zu Brisbane Roar. Er spielte groß auf, blieb mit seinem Team 27 Spiele ungeschlagen, wurde Meister. Doch diese Koordinaten sind für ihn nicht entscheidend. „Ich bin glücklicher, als ich es in der Bundesliga je war”, sagt Broich. „Jetzt kann ich Fußball wirklich genießen. Vor 50.000 Zuschauern in der Bundesliga gefeiert zu werden, ist wie ein Rausch - ein kurzer Rausch. In Australien befinde ich mich eher in einem positiven Dauerzustand. Wahrscheinlich haben die deutschen Klubs die besseren Ärzte und die größeren Mannschaftskabinen. Aber in Australien hören die Kollegen wirklich zu, der Austausch ist intensiver, menschlicher.”

Es gibt auch eine Alternative

Seit Monaten wird im Fußball über Depressionen diskutiert, über Tabus, über junge Männer, die dem Erfolg alles unterordnen und sich dabei manchmal selbst verlieren. „Tom Meets Zizou” zeigt nun eine Alternative. Michael Oenning, der seit kurzem Cheftrainer in Hamburg ist, hat seine Teilnahme an der Filmpremiere zugesagt.

Ob für Broich, der wie Robert Enke oder Sebastian Deisler nie an klassischen Depressionen litt, aber zumindest Symptome zeigte, noch einmal in der Bundesliga spielen wird? „Ich mag die Bundesliga - aber nur aus der Entfernung. Dass ich ein Teil von ihr gewesen bin, war phasenweise grausam. Der Film hat mir geholfen, meinen Frieden zu machen.” Im Film werden seine beruflichen Stationen von aktuellen Szenen aus Australien unterbrochen. Sie zeigen Broich mit einem Freund im Regenwald, am Strand, am Lagerfeuer. Sie zeigen einen Fußballer ohne Fußball, der alles andere als hilflos wirkt.
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