Frankfurt - Gladbacher sind ihr eigener Scharfrichter

Gladbacher sind ihr eigener Scharfrichter

Von: Bernd Schneiders
Letzte Aktualisierung:
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Gras ist geduldig, die Tabelle nicht: Marko Marin ist mit seiner Mönchengladbacher Borussia am Boden,auch wenn noch zwei Klubs darunter platziert sind. Foto: Olaf Kozany

Frankfurt. Es ist ein schlechter und nahezu selbstmörderischer Moment für einen Relegationsplatzierten, sechs Spieltage vor Saisonende eine sogenannte Leistung zu zeigen, die es einem schier unmöglich macht, etwas Positives zu finden.

Borussia Mönchengladbach erlaubt sich mit der 1:4-Klatsche bei Eintracht Frankfurt diese Attacke auf das Phantasievermögen. Selbst das hyper-wohlwollende Vorstellungsvermögen eines Edel-Fans hat seine Grenzen. Hier ein Vorschlag, der hilft, diese zu sprengen: Der Traditionsklub vom Niederrhein hat sein Torverhältnis zum punktgleichen Verfolger aus Cottbus verbessert. Um ein Tor, ha!

Wieder einmal schaffte es Borussia nicht, die Gunst der Stunde zu nutzen. Alle Abstiegskonkurrenten konnten nicht gewinnen, aber die Meyer-Elf scheint sich immer mehr im Treibsand des 16. Tabellenplatzes einzurichten.

Das Debakel von Frankfurt hat rein gar nichts mit der Eintracht zu tun. Mönchengladbach scheiterte ausschließlich an sich selbst. Und so mögen Friedhelm Funkel und seine Mannen etwas baff über den unerwartet klaren Dreier gewesen sein. Die Frankfurter kamen aber zur wahrscheinlichen Rettung vor allen Abstiegsängsten nicht wie die Jungfrau zum Kinde: Etliche Mönchengladbacher durften sich kollektiv als Väter fühlen.

„Es war das erste Mal, dass eine ganze Menge Jungs es nicht so gemacht haben, wie ich mir das vorgestellt habe”, musste Trainer Hans Meyer konstatieren. Nur ein Punkt aus den letzten vier Spielen - doch zur Leistungskrise wurde diese Minus-Serie erst am Samstag. „Auf Augenhöhe” zu Frankfurt hatte sich Meyer mit seiner zur Winterpause eigentlich erfolgreich getunten Mannschaft gefühlt.

Nach den gut 90 Minuten vom Main ist das nur durch extremes Schielen möglich. Das Elend entwickelte sich ironischerweise recht attraktiv: In den ersten 20 Minuten ließ Mönchengladbach den Ball gekonnt laufen. Ähnlich gelungene Kombinationen zeigte die Heimmannschaft über 90 Minuten nicht einmal.

Musste sie auch nicht: Die Gäste waren ihr eigener Scharfrichter. Im Abstiegskampf ist Aggressivität gefragt, im Fußball an sich Zielorientiertheit. Die kam für Baumjohann & Co. nur einmal bezeichnenderweise ungewollt daher: Nach einem verunglückten Schuss von Dante scheiterte Marko Marin am gut aufgelegten Eintracht-Torhüter Markus Pröll (15.).

Signale überhört

Die Gladbacher überhörten gleich doppelt die Signale: In der Eintracht-Fankurve wurden bereits die üblichen „Wir woll´n euch kämpfen sehen”-Gesänge angestimmt. Zielstrebigkeit blieb dennoch ein Fremdwort für den Tabellen-16. In der Folge zerfledderte das Spiel der Borussen. Die Ballbesitz-Stationen nahmen schwindsüchtig ab. Eintracht wurde ins Spiel gezwungen.

Überhört oder überlesen haben aber mussten die Bravlinge vom Niederrhein auch die generellen Warnsignale - sie spielten weiter wie in einem Benefizspiel. Speziell die Kreativabteilung.

Ironie des Schicksals: Ausgerechnet dem zuverlässigsten Gladbacher Roel Brouwers, dem Gewinner der Rückrunde, unterlief ein entscheidender Fehler, der auch nicht dadurch zu entschuldigen war, dass ihn Baumjohann mit einem von zig Klöpsen im Mittelfeld vorbereitete: Der Niederländer gestattete dem bekannt kopfballstarken Alexander Meier, diese Stärke nach einer Ecke gewinnbringend zu beweisen (40.).

Der Fehler wurde buchstäblich zum Standard: Auch Innenverteidiger-Kollege Dante ließ beim 3:1 für Eintracht Marco Russ gewähren (80.). Spielentscheidend, denn dazwischen hatte Gladbach ausgerechnet nach einer kollektiven Schlafmützigkeit, die zum 0:2 durch Nikos Liberopoulos (47.). führte, aufgedreht.

Für den ausgewechselten Baumjohann hinter den Spitzen spielend, drehte nun auch Marin auf. Den ersten vom Borussen-Irrwisch erzwungenen Strafstoß parierte Pröll noch (64. Bradley).

Den zweiten verwandelte Filip Daems (75.). Dantes Schlafmützigkeit beim Russ-Kopfball hätte nicht das Ende der aufkeimenden Hoffnungen sein müssen. Doch die Meyer-Elf verzichtete beim Eckball auf einen potenziellen Retter im kurzen Eck. Eine mit amateurhaft kaum zu beschreibende Schlampigkeit.

Die ungewollte Vorlage von Bradley zum 4:1 durch Michael Fink (89.) war nicht mehr von Belang. Wohl aber die anschließend energisch vorgetragen Vor-Sicht des US-Amerikaners zum Thema, der Relegationsplatz sei das einzig realistische Ziel: „Wer sagt denn, dass Bielefeld nicht vier Mal hintereinander gewinnt oder wir bei den Bayern.”

Die Chancen auf einen Start in die Bielefeld-Serie stehen gut: Die Ostwestfalen müssen Sonntag in Mönchengladbach antreten. Der angedachte Sieg in München aber (über)strapaziert jede Fan-Phantasie - erneut.
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