Fußball im Konzentrationslager: Tod und Spiele

Von: Ronny Blaschke
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Oded Breda setzt sich für eine lebendige Erinnerungskultur ein. Foto: Ronny Blaschke
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Das KZ Theresienstadt diente den Nazis als „Vorzeigeghetto“. Es war das einzige Lager mit einer Fußballliga. Im Kasernenhof spielten Gefangene gegeneinander. Fußball war für die Häftlinge Ablenkung vom grausamen Alltag. Foto: Beit Theresienstadt
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In der „Liga Terezín“ gab es richtige Turniere. Die Nazis nutzten Filmaufnahmen von dem Spektakel für ihre Propaganda. Die meisten Spieler und Zuschauer wurden später in Auschwitz ermordet. Foto: Beit Theresienstadt

Givat Haim/Aachen. Der Tod ist fern, das Elend verborgen, die Gefangenen des Konzentrationslagers Theresienstadt lachen. Die Kamera bewegt sich auf ein Orchester zu, sie zeigt eine Familie beim Kartenspiel, beobachtet Metallarbeiter mit kräftigen Oberkörpern. In den Schwarz-Weiß-Szenen ist ein Dampfbad zu sehen, eine Bücherei, auch Bildhauer und Gärtner. Doch die längste Sequenz zeigt ein Fußballspiel.

In einem staubigen Kasernenhof laufen trainierte Männer auf ein Holztor zu. Ihre weißen und dunklen Trikots sind mit einem gelben Stern bestickt, dem „Judenstern“. Tausende Zuschauer sitzen am Rand oder stehen dicht gedrängt in der Baracke. Sie blicken neugierig, applaudieren. „Der Führer schenkt den Juden eine Stadt“ – unter diesem Namen ist der Propagandastreifen zu einem Mythos geworden. Auf den Bildern: alles friedlich und vertraut.

Familiengeschichte auf der Spur

Oded Breda wird diese Szenen nie vergessen. Der israelische Computerspezialist hat den Film in Einzelbilder zerlegt und in schwarzen Rahmen an eine Wand gehängt. Bis vor kurzem hat der 62-Jährige „Beit Theresienstadt“ geleitet, eine Gedenkstätte in Givat Haim, nördlich von Tel Aviv. Er streicht mit der flachen Hand über die Fotos und deutet auf einen Spieler mit blonden Haaren, der lächelnd in die Kamera blickt, es ist sein Onkel Pavel. „Ich habe dieses Bild nicht aus meinem Kopf bekommen.“

Der Vater von Oded, Moshe Breda, war eines von wenigen Familienmitgliedern, die 1939 nach Palästina fliehen konnten. Oded Breda, benannt nach seinem in Auschwitz getöteten Großvater Otto, fragte, was in Theresienstadt mit seinem Onkel passiert war, doch sein Vater wollte nicht reden. Irgendwann hielt Breda das Schweigen nicht mehr aus. Er gab seinen Job auf und begann zu forschen. Über Theresienstadt, seine Familie und was er nicht ahnte: über Fußballspiele im KZ.

In der Nähe von Prag hatte Kaiser Joseph II. eine Festung errichten lassen, zu Ehren seiner Mutter nannte er sie Theresienstadt. Die Nazis nutzten die Festung als Sammellager für Juden. Tausende verhungerten dort und starben an Krankheiten. Ende 1943 wurden 450 Juden aus Dänemark nach Theresienstadt gebracht. Die dänische Regierung bestand darauf, dass sich Kontrolleure ein Bild machen. Gefangene mussten in Theresienstadt Häuser renovieren, Blumen pflanzen, Wege errichten. Am 23. Juni 1944 besuchte eine Delegation des Internationalen Roten Kreuzes das Ghetto, sie fiel auf die „Verschönerungsmaßnahmen“ herein.

Um die Inszenierung zu nutzen, forderte der Lagerkommandant einen Propagandafilm. Für die Produktion nötigten sie den jüdischen Regisseur und Schauspieler Kurt Gerron. Der Film sollte einen Tagesablauf der Häftlinge vortäuschen. Er zeigt Arbeiter im Schrebergarten, Wissenschaftler beim Gedankenaustausch und jenes Fußballspiel im Kasernenhof, zwischen den Arbeitern der „Kleiderkammer“ und der „Jugendfürsorge“. Die meisten Spieler und Zuschauer ereilte das gleiche Schicksal wie Kurt Gerron, sie wurden in Auschwitz ermordet. Von den 157.000 Menschen, die nach Theresienstadt deportiert wurden, überlebten 4000.

Oded Breda war sich lange nicht sicher, ob sein Onkel Pavel an der Propagandapartie teilgenommen hatte. Breda recherchierte in Brünn, in der Heimat von Pavel, auch in Prag, in Archiven und Synagogen. Vor neun Jahren besuchte er erstmals „Beit Theresienstadt“. Überlebende hatten die Gedenkstätte Anfang der siebziger Jahre errichtet. Dort traf er Peter Erben, den letzten lebenden Fußballer aus dem Ghetto. Erben bestätigte, dass Pavel Breda für das Team der Jugendfürsorge gespielt hatte. Vier Wochen nach den Filmaufnahmen war Pavel nach Auschwitz gebracht worden. Dort verhungerte er, im Alter von zwanzig Jahren.

Das Kulturleben in Theresienstadt ist gut dokumentiert, die Konzerte, Vortragsabende, Kinderzeichnungen. Doch der Fußball war kaum beleuchtet worden. Oded Breda wollte die Lücke schließen. Er sammelte Notizen von Kindern, Zeichnungen, Erinnerungsberichte, darin waren Spielernamen, Ergebnisse und Strukturen der „Liga Terezín“ vermerkt. Auf dem kleinen Kasernenhof in der so genannten Dresdner Baracke wurden zwischen 1942 und 1944 dutzende Spiele ausgetragen. Meistens Sonntag, Sieben gegen Sieben. Die Mannschaften wurden nach den Berufen der Häftlinge gebildet: Köche traten gegen Elektriker an, Gärtner gegen Schneider. Andere Spieler wollten ihre Lieblingsvereine würdigen, schlossen sich als Fortuna Köln zusammen, Sparta Prag, FC Wien.

Oded Breda sagt, dass der Fußball im Ghetto die einzige Freude gewesen ist. Die Häftlinge konnten ihr Schicksal für wenige Minuten ausblenden. Sie hielten zueinander, auch wenn sie sich sonst um jeden freien Meter stritten. An einem Ort, wo sie von der SS als schwach und minderwertig geschmäht wurden, konnten sie sich beim Fußball ihrer letzten Kraft vergewissern. Schiedsrichter organisierten sich in einer Kommission, in der „Fachgruppe Fußball“, sie führten genau Protokoll.

Oded Breda eröffnete mit Freunden 2009 die Ausstellung „Liga Terezín“, als Jugendraum der Gedenkstätte. In dem Kibbuz ist das winkelförmige Gebäude den Mauern Theresienstadts nachempfunden, an der Stirnseite prangt ein Foto der Dresdner Baracke. An den Wänden hängen gekritzelte Spielpläne und vergilbte Wimpel. Fotos zeigen prominente Spieler: Pavel Mahrer zum Beispiel hatte 1924 für die Tschechoslowakei an Olympia teilgenommen. Er spielte später in den USA, während der Wirtschaftskrise kam er nach Europa. Mahrer wurde nach Theresienstadt deportiert, dort spielte er für die Metzger, weil sie ihm gutes Fleisch versprachen.

Die Jewish Claims Conference, ein 1951 gegründeter Zusammenschluss jüdischer Organisationen, geht davon aus, dass es noch rund 300.000 Überlebende des Holocaust gibt, die Hälfte lebt in Israel. Diese Generation wird bald Geschichte sein, daher suchen Museen und Gedenkstätten nach einer neuen Geschichtsvermittlung. „Die junge Generation lebt im Wohlstand, das Nachdenken über den Holocaust ist für sie eine Pflichtaufgabe“, sagt Oded Breda. Durch die Freizeitbeschäftigung Fußball kann er mit Jugendlichen sprechen, die er sonst nicht erreicht.

In der Ausstellung „Liga Terezín“ geht es weniger um den Tod im KZ, mehr um das Leben. Jeweils im Herbst findet im Kibbuz ein Gedenkturnier statt. Jüdische und muslimische Jugendliche spielen in nachproduzierten Trikots der Lagermannschaften, zwischen den Spielen nehmen sie an Workshops teil. Einen Ableger hat die Ausstellung im Stadion von Petach Tikwa, östlich von Tel Aviv. Oded Breda empfängt Schüler, die zwischen zwölf und sechzehn Jahre alt sind. Er zeigt ihnen die gelbe Tagebuchseite eines dreizehn Jahre alten Häftlings, der auf die gefilmte Partie 1944 eingeht: Die SS schob die gesunden Gefangenen mit sauberer Kleidung in die vorderen Reihen, die Alten und Kranken wurden versteckt. Das Essen, das sie vor laufender Kamera erhielten, wurde ihnen später aus der Hand geschlagen. „Wir müssen den Propagandafilm sehr kritisch einordnen“, sagt Breda. „Sonst wirkt das Spiel wie ein Sommercamp.“

Oded Breda reist hin und wieder in das ehemalige KZ Theresienstadt, fünfzig Autominuten von Prag entfernt. Das historische Fußballfeld ist heute nicht mehr erreichbar, die Dresdner Baracke ist wegen Einsturzgefahr gesperrt. Breda braucht eine Weile, um das riesige Gebäude von außen abzulaufen. Putz bröckelt von den ockerfarbenen Wänden, Fensterscheiben sind zersplittert. Die Zugänge zum Kasernenhof sind mit Zäunen verschlossen, dahinter wächst meterhoch das Unkraut. Es ist ein gespenstischer Ort, wenige Gehminuten entfernt von der Mitte Terezíns, wo 3000 Menschen leben.

Fünftausend Juden leben laut Schätzungen in der Tschechischen Republik, vor dem Krieg waren es 80000. Mehrere Tausend Juden bekennen sich nicht zu ihrem Glauben. Die Ursachen liegen in der kommunistischen Nachkriegszeit. Vielen Opfern wurde die Rückgabe ihres Besitzes verwehrt, der Antisemitismus lebte weiter. Eine selbstbewusste Gedenkkultur wie in Israel oder in Deutschland gibt es in tschechischen Gemeinden selten.

Dokumentarfilm produziert

Oded Breda hat in Terezín einen wichtigen Partner gefunden: Der tschechische Historiker Jan Roubínek arbeitet in der Holocaust-Gedenkstätte an Konzepten, um das Gedenken einem größeren Publikum nahe zu bringen. Im Frühjahr 2012 hatte er einen Bericht über Breda gelesen. Er wollte die Ausstellung aus Israel an den Originalplatz holen. Kurz vor der Fußball-Europameisterschaft in Polen und der Ukraine wurde die Ausstellung in einem Flachbau der Festung eröffnet, wenige hundert Meter von der Dresdner Baracke entfernt. Zur Eröffnung kamen Fußballer, Politiker, Künstler. Oded Breda überreichte dem Präsidenten des Tschechischen Fußballverbandes ein weißes Trikot der Jugendfürsorge, mit dem Schriftzug seines Onkels Pavel. Selten haben tschechische Medien so viel über die Gedenkstätte berichtet.

Oded Breda hat mit den israelischen Journalisten Mike Schwartz und Avi Kanner einen fünfzig Minuten langen Film produziert. Darin schildern sie die Geschichte der „Liga Terezín“ und erläutern den Antisemitismus in den Stadien von heute. Und sie verweisen auf antiarabische Gesänge von Fans des Klubs Beitar Jerusalem. Rund 200.000 Menschen haben die Dokumentation im israelischen Fernsehen gesehen – das Spitzenspiel der ersten Liga hatte weniger Zuschauer.

In den vergangenen beiden Jahren hat Breda die Doku vielfach auch in deutschen Städten vorgestellt, mehr als 2000 Menschen haben den Film hierzulande gesehen. In dieser Woche stellt er ihn abermals auf einer kleinen Tour in Westdeutschland vor, in Mönchengladbach, Düsseldorf, Essen und auch in Aachen. Breda möchte hier auch an den Aachener Juden Fredy Hirsch erinnern, der sich in Theresienstadt für Jugendliche stark gemacht hatte und 1944 in Auschwitz ermordet wurde. Die Mensa seiner ehemaligen Schule, des heutigen Couven-Gymnasiums, heißt ihm zu Ehren seit einem Jahr „Fredy-Hirsch-Forum“.

„Die Diskussionen mit jungen Deutschen finde ich spannend“, sagt Breda. Nun auf seiner Filmtour lernt er wieder Fans, Wissenschaftler, Aktivisten kennen. Breda wird sein Wissen weitertragen. Er hat eine mobile Ausstellung entworfen, die er in Schulen, Jugendzentren und Stadien zeigt. Mit dem Medium Fußball geht er gegen Diskriminierung vor. Er hat durch seine Forschungen wichtige Antworten erhalten. Über Tod und Spiele im KZ, auch über seine Familie. Und am Ende eben auch über sich selbst.

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